Vom Wegmüssen und Ankommen

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Bibliotheksleiterin Doris Bohländer-Schäfer vor drei der vielen, wie sie sagt, „sehr ausdrucksstarken Bilder“.

Sprendlingen - Rund 27 Prozent aller Dreieicher besitzen einen Migrationshintergrund. In der gesamten Bundesrepublik sind dies zur Zeit über 15 Millionen. Von Manuel Schubert

Einigen von ihnen fiel die Integration leicht, andere hingegen haben immer noch große Probleme, in diesem Land Fuß zu fassen. Die Ausstellung „Ich integriere mich von frühmorgens bis spätabends - Vom Wegmüssen und Ankommen“, die bis zum 17. Juni in der Sprendlinger Stadtbücherei zu sehen ist, präsentiert Einblicke in die Schicksale vieler Migranten in Deutschland, darunter auch vier Dreieicher.

Schlicht und doch sehr eindrucksvoll sind die Fotos und Texte, die momentan in den Räumen der Bücherei (Fichtestraße 50a) auf zwei Etagen zu sehen sind. Die Bielefelder Fotografin Hermine Oberück und die Kulturmanagerin Gertraud Strohm-Katzer aus Minden haben sich mit jungen wie alten Menschen getroffen, sie abgelichtet und interviewt. Besondere Aspekte der Gespräche können unter den Bildern nachgelesen werden. Auch liegen zwei Ordner aus, in denen der gesamte Verlauf der Befragung verfolgt werden kann.

Aus Griechenland, Kroatien, Kamerun, Palästina, Sibirien und vielen anderen Ländern stammen die Befragten. Vier von ihnen hat es mittlerweile nach Dreieich verschlagen und auch sie haben die unterschiedlichsten Erfahrungen gesammelt. So erzählt beispielsweise Sadegh M. aus dem Iran, er habe durch die Musik von Anfang an Anschluss gehabt. Auch Audrey D., deren Eltern Deutsche sind, jedoch bereits vor ihrer Geburt in die USA auswanderten, fiel der Einstieg aufgrund ihrer Zweisprachigkeit leicht: „Ich konnte einfach hier eintauchen und niemand hat mich als Fremde gesehen.“

Deutlich schwieriger hatten es dagegen die anderen beiden Dreieicher. „Ich finde es schade, dass man sich immer rechtfertigen muss“, sagt die junge Türkin Seyma C. im Hinblick auf ihr Kopftuch, das sie unter anderem auch im Sportunterricht anbehält. Jeshamu D. wurde als Jugendliche aus ihrer Heimat Äthiopien vertrieben, weil sie Flugblätter gegen die Militärregierung angefertigt hatte. In Deutschland hoffte sie auf ein besseres Leben und eröffnete ein Restaurant, dass sie allerdings bald wieder schließen musste. Doch sie sagt von sich selbst: „Ich bin ein kämpferischer Mensch.“

Mehr als 40 Besucher kamen zur Vernissage, der auch Bürgermeister Dieter Zimmer, die beiden Künstlerinnen, die vier porträtierten Dreieicher und viele weitere Gäste beiwohnten. Die Idee, die Ausstellung, die seit Jahren von einer deutschen Stadt zur nächsten „wandert“, in der Stadtbücherei unterzubringen, kam vom Dreieicher Integrationsbüro. Außerdem waren das städtische Frauenbüro und die Evangelische Erwachsenenbildung Offenbach (Veranstalter der Ausstellung) in die Umsetzung involviert.

Doris Bohländer-Schäfer, die Leiterin der Stadtbücherei, räumt ein, sie habe bisher wenig Zeit gehabt, sich intensiv mit den einzelnen Exponaten zu beschäftigen. Jedoch findet sie: „Die Bilder sind alle sehr ausdrucksstark. Und das, was ich bisher von den Schicksalen der einzelnen Personen mitbekommen habe, ist sehr bewegend und hat Interesse bei mir geweckt, die vollständigen Interviews zu lesen.“

In der Tat gibt es einiges zu entdecken. Bajrush K. aus dem Kosovo erzählt, er habe „mit neun Jahren schon tote Menschen gesehen“ und meint: „Ich bin, würde ich mal sagen, Deutscher.“ Gleich daneben hängt das Portrait von Irmgard S., die aus Niederschlesien fliehen musste und nur das dabei hatte, was sie „am Leibe trug.“ Shima S. aus dem Iran und ihre Familie fanden nach der Ermordung des Vaters in Deutschland geordnete Lebensverhältnisse: „Wir haben jetzt keine Angst mehr und das ist toll.“

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