Bühler-Filialen nach Insolvenz geschlossen

Reisebüros kämpfen ums Überleben – „Werden öffentlich kaum wahrgenommen“

Armin Becker sitzt auch im Lockdown täglich am Telefon und berät oder bucht für seine Kunden. Die Existenzprobleme der Reisebüros kommen für ihn in der öffentlichen Diskussion zu kurz.
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Armin Becker sitzt auch im Lockdown täglich am Telefon und berät oder bucht für seine Kunden. Die Existenzprobleme der Reisebüros kommen für ihn in der öffentlichen Diskussion zu kurz.

Die Corona-Pandemie hat der Reisebranche schwer zugesetzt. Auch in Dreieich im Kreis Offenbach kämpfen sie um ihr Fortbestehen. Einen Insolvenzfall gibt es bereits.

Dreieich – Reisebüros sind von den Auswirkungen der Corona-Pandemie besonders hart betroffen. Weniger Buchungen, Veranstalter, die stornieren, Umsatzeinbußen bis zu 90 Prozent. Im Dezember hat die Reisebürokette Bühler wegen Insolvenz ihre beiden Filialen in Dreieich im Kreis Offenbach geschlossen. Die übrigen Reisezentren kämpfen weiterhin ums Überleben.

„Die Lage sieht ganz schlecht aus“, berichtet Katrin Schickedanz vom gleichnamigen Reisebüro in Götzenhain. Zwar würden einige Kunden eigentlich gern verreisen, doch deren Angst sei zu groß, aufgrund der Einreisebestimmungen möglicherweise im Ausland zu stranden. „Sie könnten damit leben, zu Hause in Quarantäne zu sein“, sagt Schickedanz, „aber nicht damit, im Ausland am Flughafen festzusitzen.“ Viele ihrer Kunden seien zudem bereits älteren Semesters und würden ihren Lebensabend daher lieber im eigenen Haus mit Garten verbringen, als sich beim Reisen einer möglichen Infektion auszusetzen.

Reisebüros in Dreieich nahe Offenbach: Immerhin Club-Urlaube ließen während Corona noch verkaufen

Schickedanz ist trotz der spärlichen Buchungen sicher, dass viele Menschen nur darauf warten, wieder verreisen zu dürfen. Allerdings würden sie nicht unbedingt zuerst ins Ausland fliegen oder fahren, sondern eher Familienmitglieder besuchen, die in anderen Bundesländern wohnen.

Finanziell geht es Schickedanz nach eigenen Worten trotz ausbleibender Aufträge einigermaßen gut. Im Gegensatz zur Konkurrenz führt sie nämlich keinen eigenen Laden, sondern arbeitet von zu Hause aus. Dadurch entfielen zusätzliche Fixkosten wie Raummiete oder Strom, sagt die Götzenhainerin.

Armin Becker muss diese jeden Monat aufbringen. Seit mehr als 33 Jahren betreibt er sein Reisebüro auf der Eisenbahnstraße in Sprendlingen. Auch Becker erlebt einen vor Corona nicht für möglich gehaltenen Einbruch. Nur rund zehn Prozent des vorpandemischen Umsatzes kämen durch Buchungen vor Ort in Dreieich nahe Offenbach zusammen, berichtet er. Mehr erwirtschafte das Servicecenter, bei dem Kunden Reisen telefonisch oder online buchen können. Becker: „Da sind es immerhin noch 25 Prozent.“ Besonders Club-Urlaube würden über das Servicecenter gebucht, denn in den Resorts gelten „strenge Hygienevorschriften und die sind den Urlaubern sehr wichtig, besonders in Zeiten der Pandemie“.

Die beiden Dreieicher Filialen der Reisebürokette Bühler, hier die in der Fahrgasse, haben die Krise nicht überlebt.

Reisen wegen Corona abgesagt – Im Reisebüro in Dreieich bekamen sie die Wut zu spüren

Die habe für die Reisebranche im Prinzip auch nicht im Frühjahr 2020, sondern bereits im Sommer 2019 begonnen. „Im August und September werden ja schon die ersten Reisen für das nächste Jahr gebucht“, erläutert Becker. Er und seine Mitarbeiter haben daher im vergangenen Jahr hauptsächlich vom Veranstalter abgesagte Reisen zurückgeführt. Und das alles unentgeltlich. Für seine Angestellten sei es eine schwere Zeit gewesen, betont Becker. Viele von ihnen seien am Telefon angebrüllt und beschimpft worden, „weil das Geld vom Veranstalter nicht schnell überwiesen wurde“.

Der Lockdown ist für den Inhaber in Dreieich eine enorme Belastung. Es gebe Nächte, in denen er kaum schlafe, sagt Becker. Verärgert ist er vor allem darüber, dass zurzeit so wenig über seine Branche berichtet werde. „Wir werden seit Monaten in der öffentlichen Diskussion kaum wahrgenommen.“ Zwar versteht Becker, dass sich viele Menschen aktuell für andere Themen interessieren. Dennoch sollte allen klar sein, „dass nicht nur Gastronomen oder Friseure, sondern auch Reisebüros um ihre Existenz bangen müssen“. Zumal die Novemberhilfen, die Bund und Länder Unternehmen zugesichert haben, bisher nicht ausgezahlt worden seien.

Sie könnten die Reisebürokette Bühler nicht mehr retten. Das Unternehmen meldete im November Insolvenz an, die beiden Filialen in Sprendlingen und Dreieichenhain sind seit Ende Dezember geschlossen. Die Reise Center GmbH, eine Tochter der Reisebürokette AER Travel Holding, hat zwar zum Jahresende einen Teil der Bühler-Filialen übernommen, die Geschäfte in Dreieich im Kreis Offenbach gehörten aber nicht dazu.

Corona-Pandemie zwingt Reisebüros in Dreieich nahe Offenbach zur Geschäftsaufgabe: „Schwarzer Tag“

Als Armin Becker von der Insolvenz des Konkurrenten erfährt, empfindet er keine Freude – im Gegenteil: „Für mich war das ein schwarzer Tag.“ Als er dann noch hört, dass die Auszubildende nicht weiter beschäftigt wird, springt Becker ein und bietet ihr an, die Ausbildung bei ihm fortzusetzen. Für den Reisebüro-Inhaber selbstverständlich: „Sie konnte ja nichts dafür.“

Trotz der schwierigen Lage ist sich Becker sicher, dass spätestens ab Sommer in Dreieich und anderswo wieder mehr gebucht wird. Dass dies nicht nur Gutes mit sich bringen könnte, ist dem Sprendlinger durchaus bewusst. „Am schwierigsten wird es für uns, wenn alles wieder hochgefahren wird und wir sofort hundert Prozent leisten müssen“, sagt er. Denn dann müsste das Angebot die Nachfrage auch befriedigen können.

Bis dahin berät Becker Kunden, die bereits Reisen buchen möchten, weiterhin über das Servicecenter. Auch Katrin Schickedanz ist für ihre Kunden da. Über soziale Medien oder Telefon hält sie den Kontakt, erläutert, welche aktuellen Regeln zu beachten sind oder welche Änderungen kommen könnten. „Mir ist es sehr wichtig, weiterhin für meine Kunden da zu sein“, sagt sie. Selbst, wenn diese zurzeit nicht verreisen. (Joshua Bär)

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