Weiter in Familienbesitz

Wo Filmträume wahr werden: Viktoria-Kino in Dreieich vor 100 Jahren eröffnet

Stephan Kreisel leitet mit seiner Mutter Brigitte die beiden Kinos. Auf dem
+
Stephan Kreisel leitet mit seiner Mutter Brigitte die beiden Kinos. Auf dem

Dreieich – In normalen Zeiten wäre es ein Grund zum Feiern gewesen. Die Mitarbeiter hätten das Viktoria-Kino in der Offenbacher Straße in Sprendlingen schön geschmückt, um auf den besonderen Anlass hinzuweisen – die Eröffnung vor 100 Jahren. Doch in Zeiten von Corona fällt das Jubiläum aus, aktuell sind die Kinos deutschlandweit geschlossen.

„Doch wir geben nicht auf. Wir wollen, dass es weitergeht“, betont Brigitte Kreisel, die zusammen mit ihrem Sohn Stephan neben dem Viktoria auch das Rex in der Frankfurter Straße leitet. Das Jubiläum macht beide stolz. Denn es dürfte eine Seltenheit sein, dass ein Kino so lange in Familienbesitz ist. Zudem ist es eines der ältesten in Deutschland. Und es mache Spaß, das Erbe aufrecht zu erhalten.

Angefangen hat alles mit Philipp Ebert, dem Urgroßvater von Stephan, der Pioniergeist bewies und das Viktoria aus der Taufe hob. Schon vorher wurde im Saal des Gasthauses „Zum Deutschen Kaiser“ Kino in Sprendlingen geboten. Mit seiner Frau Katharina eröffnete der Elektriker im November 1920 das Viktoria-Theater. Dort konnten die Besucher etwas Ablenkung in den krisengeschüttelten Zeiten finden und sich bei Stummfilmen mit Klavierbegleitung in fremde Welten entführen lassen. 1930 soll dann der erste Tonfilm über die Leinwand geflimmert sein. Eberts Kino überstand alle Wirren und auch den Zweiten Weltkrieg.

Was folgte, war ein Aufschwung. „Damals begann die große Zeit des Kinos“, erinnert sich Brigitte Kreisel. Ihr Großvater betreute die Technik, während die Gattin die Kasse, den Kartenverkauf und die organisatorischen Dinge betreute. Anno 1952 folgte die zweite Pioniertat von Ebert. Er eröffnete einige hundert Meter entfernt am Ostersamstag des Jahres 1952 mit dem Rex ein weiteres Lichtspielhaus mit damals 375 Plätzen und sicherte sich ein zweites Standbein.

„Wir fahren auf Sicht“

Die Corona-Pandemie stellt die Kinobesitzer vor große Probleme. Und das betrifft nicht nur die aktuelle Schließung. Von den Verleihern wurden schon nach dem ersten Lockdown im Sommer nur wenige Filme an den Start gebracht. „Ein Restaurant kann schnell wieder aufmachen und die bewährte Speisekarte präsentieren. Wir sind auf die Verleiher angewiesen“, erklärt Stephan Kreisel. Enttäuscht zeigt er sich, dass einige ihre Blockbuster nur noch streamen lassen. „Wir fahren deshalb auf Sicht“, so Kreisel, der hofft, dass es bald wieder losgeht. Zugleich verweist er auf ein gutes Hygienekonzept in den beiden Kinos mit wenigen Plätzen und viel Abstand.

Während sich in den 50er Jahren Sonja Ziemann und Rudolf Prack in der Heide tummelten oder der Förster vom Silberwald durch den Wald stapfte, bemühten sich in den Sprendlinger Kinos Garderobiere, Platzanweiserin und Eisverkäuferin um ein Rundum-Erlebnis für die Gäste, denen neben dem Hauptfilm täglich die Wochenschau serviert wurde.

1961 übernahmen Brigitte Kreisels Mutter Erna, geb. Ebert, und ihr Vater Adolf Kreisel, ein stadtbekannter Lehrer („morgens Schule, mittags Kino“), die beiden Kinos. Der erste Science-Fiction- Streifen „Planet der Affen“ entstand. Ein Jahr später flimmerte der erste James Bond-Film über die Leinwand. Unzählige Klassiker folgten und sorgten für unvergessliche Kinostunden.

1982 erfuhr das Viktoria eine Runderneuerung, die Bestuhlung wurde zugunsten der Beinfreiheit auf 100 Sitze reduziert, der Balkon wich einer gemütlichen Bar. Ebenso wurden Filmprojektoren und Ton erneuert. Dem oft flackernden Kohlelicht folgte das ruhige, helle Xenonlicht und der Ton erklang nun in Stereo. Jetzt konnte „Dirty Harry“ kräftig ballern und „Batman” flog das erste Mal über die Leinwand.

Vor der Eröffnung des Viktoria-Kinos in der Offenbacher Straße waren im Gasthaus zum Deutschen Kaiser Filme zu sehen.

Seit 1993 sind die nostalgischen Charme versprühenden Häuser in den Händen von Brigitte Kreisel. Ihr ist es zu verdanken, dass die beiden Lichtspielhäuser heute auf dem neuesten Stand der Bild- und Tontechnik sind. Im Jahr 2012 hielt – auch dank der tatkräftigen Unterstützung von Sohn Stephan – die digitale Filmtechnik in Dreieich Einzug. Seitdem gibt es im Rex auch Filme in 3D. „Einige unserer Mitarbeiter vermissen die alten Vorführapparate“, so Kreisel. Heute genügen kleine Kästen, um alles in perfekter Technik zu präsentieren. Und damit stiegen auch die Besucherzahlen.

Mittlerweile haben die Kreisels die Möglichkeit, aktuelle Titel und Blockbuster zum Start in Sprendlingen zu zeigen. Das Viktoria mit seinem schönen Ambiente hat sich zum Programmkino entwickelt. Stephan Kreisel sprach einmal liebevoll vom „gemütlichen Pantoffelkino“. In den Wintermonaten hat sich die von der Evangelischen Erwachsenenbildung und vom Dreieicher Frauenbüro mit Kooperationspartnern ins Leben gerufene monatliche Filmreihe zu wechselnden Themen etabliert – aktuell unter dem Motto „Achtung! Haltung“. Die Kreisels hoffen, dass es bald wieder losgehen kann. Dann soll auch der 100. Geburtstag nachgeholt werden. (Von Holger Klemm)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare