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„Als ob du selbst der Pilot wärst“

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Wenn die Augen versagen, spielen die Hände eine umso wichtigere Rolle – und so ertastet sich Artem (10) in Begleitung von Schwester und Mutter viele der Piloteninfos über die Cessna 172, mit der er gleich abheben wird. © Kokoschka

Egelsbach - Seit einem Jahrzehnt veranstaltet der Fliegerclub der Deutschen Flugsicherung (DFS) Rundflüge für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. So sind etwa schon behinderte oder krebskranke Passagiere mit den Vereinspiloten abgehoben. Von Vanessa Kokoschka

Mit der diesjährigen Auflage stellte sich der Club einer besonderen Herausforderung: Er brachte blinden Kindern und Erwachsenen die Grundzüge des Fliegens und Flugbetriebs nahe. Mit beiden Händen tastet sich Artem Lautenschläger Schritt für Schritt vor. Die eine Hand gleitet zur Orientierung langsam über den Flugzeugrumpf, die andere erkundet neugierig den Flieger. Bei jeder neuen Entdeckung lächelt Artem und löchert den Piloten mit Fragen, ehe seine Hand weiter wandert. Vorsichtig umrundet er so die Cessna 172, erfühlt die Antenne, den Propeller und die Flügel. Für den Zehnjährigen ersetzen in diesem Moment die Hände die Augen: Wegen eines angeborenen Gendefekts ist Artem sehbehindert; sein Sehvermögen beträgt etwa fünf Prozent.

Um sehbehinderten Kindern wie Artem das Fliegen näherzubringen, hat der DFS-Fliegerclub auf den Egelsbacher Flugplatz eingeladen. Vereinspiloten erläutern den Kindern und Jugendlichen samt ihrer Familien die Grundzüge des Fliegens und die wichtigsten Merkmale der Maschinen, in die sodann eingestiegen wird. Im Cockpit schlüpfen die jungen Menschen in die Rolle des Piloten, schalten an den Knöpfen oder lenken probeweise am Steuerrad. Für jeweils ein bis zwei Kinder geht es im Anschluss in Begleitung eines erwachsenen Familienmitglieds mit dem Flieger in luftige 500 Meter Höhe zum kostenlosen, 15-minütigen Rundflug.

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Auch Davud (16) leitet auf diese Weise seinen Rundflug ein. © Kokoschka

Diese Charity-Flüge veranstaltet der DFS-Fliegerclub seit zehn Jahren. „Auf diese Weise sind in den vergangenen Jahren bereits Rollstuhlfahrer, krebskranke Kinder und Senioren aus umliegenden Betreuungseinrichtungen mit unseren Piloten zu Rundflügen abgehoben“, sagt Peter Ahlers, Präsident des DFS-Fliegerclubs. Mit den jährlichen Flugveranstaltungen wolle der Club seinen „bescheidenen Beitrag“ leisten, um vom Schicksal schwer getroffenen Menschen eine kleine Freude und einen erlebnisreichen Tag zu bereiten.

Wie treffsicher diese Absicht ist, zeigt sich bei Artem: Seine anfängliche Nervosität verwandelt sich in aufregung, je näher der Rundflug rückt. „Ich kann"s kaum noch abwarten“, ruft der Elfjährige und hüpft von einem Bein auf das andere. Auch Fluglehrer Dieter Wiemann fällt die Begeisterung der Kinder und Jugendlichen auf. „Die Kinder haben ihren Spaß beim Rundflug. Währenddessen stellen sie viele Fragen: Wie funktioniert der Propeller? Warum ist es so laut?“, berichtet Wiemann. Auch andersherum ist für einen gestandenen Piloten die Erfahrung neu: Denn während sehende Passagiere so einen Rundflug hauptsächlich visuell wahrnehmen, sind bei Sehbehinderten die anderen Sinne umso schärfer ausgebildet: Sie hören, fühlen und riechen intensiver – und erleben den Rundflug somit auf ihre Art und Weise.

Davud Veliu ist vor seinem Rundflug die Coolness in Person. Der 16-Jährige ist von Geburt an sehbehindert, kann mittlerweile nur zwischen hell und dunkel unterscheiden. ,,Ich bin da aufgeregter als er“, ist sich Mutter Jasmina Veliu sicher. Nach dem Rundflug mit Pilotin Silke Heimes platzen die neuen Erfahrung aus Davud heraus: „Das ist so toll, als ob du selbst der Pilot wärst.“ Für Davud ist es der erste Flug, den er aktiv mitbekommt, denn: „Wenn wir in den Urlaub fliegen, schlafe ich immer sofort ein. Aber weil es so laut war und ich über die Kopfhörer die Funkgespräche mitbekommen habe, bin ich diesmal wach geblieben.“

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