Ein Vorbild für den gesamten Kreis

Kreistagsfraktion der FDP erkundigt sich über die Arbeit der Christlichen Flüchtlingshilfe.
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Norbert Frerichmann und Verone Schöninger (von links) von der Christlichen Flüchtlingshilfe Egelsbach/Erzhausen (CFEE) stellten Rodgaus Erstem Stadtrat Michael Schüßler sowie Daniell Bastian, René Rock und Jutta Schwarz ihre Arbeit vor. Auch die beiden CFEE-Geschäftsführer Stefan Buckendahl und Johannes Stock begrüßten die Gäste von der Kreistagsfraktion der FDP.

Egelsbach - Als Michael Schüßler eines Morgens mit einer Tüte Brötchen unterm Arm aus der Bäckerei trat, da traute er seinen Augen kaum. Auf dem Rodgauer Rathausplatz hielt ein Taxi, zwei dunkelhäutige Männer stiegen heraus. Von Manuel Schubert

Sie hatten nichts dabei als ein paar große Plastiktüten. Der Taxifahrer fuhr davon und ließ die beiden stehen. Schüßler kümmerte sich um sie und merkte schnell, dass es sich bei ihnen um die angekündigten Flüchtlinge handelte, um die sich die Stadt fortan kümmern sollte. Der Kreis hatte sie einfach abgeliefert.

Diese Geschichte erzählt Schüßler kopfschüttelnd am Mittwochabend in der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in Egelsbach. Der Rodgauer Erste Stadtrat stattet dem Gebäude zusammen mit einigen weiteren FDP-Politikern aus dem Kreis Offenbach einen Besuch ab, um sich über die Christliche Flüchtlingshilfe Egelsbach/Erzhausen (CFEE) zu erkundigen. Die ehemalige Bürgerinitiative und heutige GmbH leistet – komplett ehrenamtlich – eine äußerst erfolgreiche Arbeit und ist in Zeiten wie diesen, in denen man Dutzende Geschichten wie die aus Rodgau hört, so gefordert wie lange nicht mehr.

Die Egelsbacher Flüchtlinge wohnen in einem unscheinbaren, dreistöckigen, weißen Haus im Geisbaum. Auf der kleinen Grünfläche vor dem Gebäude klettert ein Mädchen auf einem Wäscheständer herum, aus einem Fenster dringt ein Kinderschreien, hinter einem anderen steht ein Mann, der skeptisch zu den fünf Politikern herunterschaut, die heute zu Besuch sind. 39 Menschen haben hier ein Zuhause gefunden, sie kommen aus Afghanistan, Syrien oder Äthiopien. Einige Weitere wohnen in einer zweiten Unterkunft in der Dresdener Straße. Doch alle werden Im Geisbaum 1 betreut.

Kopfschütteln über den Kreis Offenbach

Denn anders als in manchen umliegenden Städten wie Dreieich, wo eine Integrationsbeauftragte rund 50 Flüchtlinge betreuen muss und händeringend nach ehrenamtlichen Helfern sucht, übernimmt die CFEE das in Egelsbach ganz allein. Die Betreuung läuft so gut, dass nicht nur alle Flüchtlinge ein Zuhause bekommen, sondern zusätzlich von zwei Sozialpädagoginnen betreut werden können. Die Frauen helfen beim Aufarbeiten der Erlebnisse, die zur Flucht führten, beraten bei Fragen und Problemen des Alltags, unterstützen die Kinder bei ihren Hausaufgaben und noch einiges mehr.

Doch obwohl in Egelsbach eigentlich alles hervorragend läuft, gibt es bei der Gesprächsrunde am Mittwoch wiederholt kollektives Kopfschütteln – über den Kreis Offenbach. Denn die Verteilung der Flüchtlinge auf die Kommunen läuft alles andere als reibungslos. „Der Kreis sollte dringend seine Verwaltung stärken“, betont Norbert Frerichmann, der sich bei der CFEE um die Finanzen kümmert. Manchmal bekomme er gesagt, bald kämen neue Flüchtlinge nach Egelsbach, daraufhin schicke er seine Hausmeister los, um eine freie Wohnung zu renovieren. „Und dann kommt einfach niemand!“, schimpft Frerichmann.

Stefan Buckendahl, einer der beiden CFEE-Geschäftsführer, hat ebenfalls etwas auszusetzen. Er erzählt, dass der Kreis immer wieder Flüchtlinge nach sechs Monaten in Egelsbach in eine völlig neue Stadt versetze. „Es ist falsch, jemanden sechs Monate hier zu vernetzen und dann woanders hinzuschicken.“ Manchmal müsse ein Betroffener sogar drei- oder viermal umziehen. „Das ist doch ein Riesen-Aufwand“, zetert Buckendahl. Daniell Bastian, Vorsitzender der FDP-Kreistagsfraktion, wirft dem Kreis sogar vor, er spekuliere nur darauf, die Flüchtlingsarbeit über die Bühne zu bringen, „ohne dass er allzu viel Geld reinstecken muss“. Daher gebe er die Verantwortung einfach an die Kommunen ab, „wohl wissend, dass der Platz und die Betreuung nicht reichen“.

Lampedusa: Flüchtlingselend in Italien

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Die CFEE hat Strukturen geschaffen, mit denen sie gut auf die teils chaotischen Vorgänge eingestellt ist. Nach ihren sechs Monaten in der Egelsbacher Gemeinschaftsunterkunft ziehen die meisten Flüchtlinge nach Langen. Dort gibt es relativ viele Sozialwohnungen. Die Flüchtlinge aus Egelsbach werden mit offenen Armen empfangen, da man weiß, dass sie gut vorbereitet wurden. Das Beratungsangebot der CFEE können die frischgebackenen Langener aber weiterhin in Anspruch nehmen.

Die Kreistagsfraktion der FDP will sich von der erfolgreichen Arbeit inspirieren lassen, um den Kommunen bei der Organisation helfen zu können. „Wir können keine Lösung für alle Gemeinden anbieten“, sagt Frerichmann. „Aber wir sind gerne bereit, unser Know-How weiterzugeben.“ Am wichtigsten sei aber immer noch das persönliche Gespräch, sagt er. Einmal meldete sich ein erboster Egelsbacher, der angeblich von Flüchtlingen mit Fäkalien beworfen worden sei. Bei einem Gespräch mit der Flüchtlingsfamilie stellte sich heraus, dass lediglich Kinder ihre Wasserpistolen ausprobiert hatten. „Alles geklärt“, berichtet Frerichmann. „Hätten wir das nicht getan, wäre das durch den ganzen Ort getragen worden. Alle Egelsbacher hätten einen großen Bogen um das Haus gemacht.“

Frerichmann arbeitet schon seit rund 25 Jahren ehrenamtlich mit Flüchtlingen zusammen. Seine Motivation begründet er so: „Wenn jemand an meine Tür klopft und sagt: ,Ich bin illegal!´, dann ist es besser, ihm zu helfen, anstatt zu empfehlen: ,Geh zum Kreis!´“, findet der CFEE-Mitarbeiter. „Denn dahin“, so Frerichmann, „geht er eh nicht“.

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