Artgerechtes Zuhause für Langohren

+
Bei Birgit Saller haben es die Langohren gut. Damit auch die Tiere, die sie vermittelt, ein schönes Leben führen können, macht die Betreiberin der Egelsbacher Kanincheninsel Hausbesuche bei den neuen Hasen-Besitzern.

Egelsbach - Bert sieht ein wenig so aus, als sei er gerade aus dem Zylinder eines Zauberers gekrochen. Rote Albino-Augen, samtweiche Pfoten und schneeweißes Fell, das an einigen Stellen in wuscheligen Wirbeln vom kleinen Köpfchen absteht. Von Katharina Skalli

Bert ist ein Kaninchen und auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Über das Internet sucht er für sich und seine Freundin Lotta ein neues großes Gehege mit Familienanschluss. Auch Leo, Ilse, Rebecca, Floh und Gideon sind auf der Suche. Bis es so weit ist, haben sie Zuflucht bei Birgit Saller und ihrer Kanincheninsel in Egelsbach gefunden.

48 Tiere leben zurzeit bei der Tierschützerin und ihrer Familie. Drei große Gehege hat ihr Mann dafür im großen Garten errichtet. Hinter Kaninchendraht hüpfen kleine Langohren kreuz und quer durch ihr Revier. Ein kleines, fuchsfarbenes Kaninchen mit weißem Fleck auf der schnüffelnden Nase reckt neugierig seinen Kopf in die Höhe. Wenn Kaninchen-Mutti Birgit Saller die schmale Tür öffnet, wissen alle: Gleich gibt es etwas zu fressen. Meistens ist es frisches Gemüse oder ein Ast mit grünen Blättern. Wenn sie ganz viel Glück haben, hat die Oberhäsin gebacken und bringt selbst gemachte Hasen-Leckerlis vorbei. „Auf die Idee kam ich, als ich auf der Suche nach einer Finanzierungsmöglichkeit meiner Kanincheninsel war“, erzählt die Tierschützerin. Seitdem es ihr „Insellädchen“ im Internet gibt, backt sie regelmäßig Hasen-Naschwerk: Apfel-Drops, Möhren-Drops und „Bömbchen“ aus allerlei Kräutern. Aber auch spezielle Leckerlis gegen Bauchschmerzen finden sich im ungewöhnlichen Sortiment. Die Rezepturen wurden von einem Labor überprüft und außerdem von den kuscheligen Schützlingen der Hasen-Spezialistin getestet. „Wenn der Vorrat aufgefüllt werden muss, dann riecht das ganze Haus nach Kräutern“, sagt sie.

Das erste Tier brachte Tochter mit nach Hause

Seit 2004 hat Birgit Saller das Kaninchen-Fieber gepackt. Damals brachte ihre Tochter das erste Tier vom Reiterhof mit nach Hause. Sallers Ehemann baute ein Gehege und nach einem Besuch beim Darmstädter Tierschutzverein stand für die vierfache Mutter fest, dass sie den kleinen Langohren eine Lobby geben will. „Jetzt ist es wie eine Sucht“, sagt sie. Nicht nur im Garten hält die Familie die Tiere, sondern auch im Haus. Dabei achtet Saller streng darauf, dass jedes Tier genug Platz hat und artgerecht gehalten wird. „Zwei bis drei Quadratmeter auf einer Ebene braucht ein Tier“, erklärt sie. Die meisten, die zu ihr kommen, hatten nie zuvor so viel Freiraum zum Hüpfen und Springen. Andere sind zum ersten Mal mit Artgenossen zusammen. Dabei ist das Kaninchen ein Rudeltier. Wieder andere wurden misshandelt, nicht gefüttert oder einfach ausgesetzt. Manche Tiere kamen mit gebrochenen Gliedmaßen, abgezogenem Fell oder großen Tumoren auf die Insel der Sallers. Jedes Schicksal berührt die berufstätige Frau sehr. Eine entsprechende Behandlung half nicht in jedem Fall. Schon viel zu oft musste die Tierliebhaberin ihre Pfleglinge all zu früh über die Regenbogenbrücke schicken. So nennt sie es, wenn Kaninchen sterben.

Auf ihrer Internetseite verabschiedet sie sich von jedem einzelnen Tier, das sie verlassen hat. Liebevoll widmet sie ihm ein kleines Gedicht oder erzählt seine Geschichte. Über 300 Kaninchen hat Birgit Saller mittlerweile in neue Familien vermittelt. Dabei achtet sie genau auf die Bedingungen, führt Gespräche und macht Vor- und Nachkontrollen. „Ich vermittle nicht in Käfighaltung und auch keine Einzeltiere.“

So lange Platz ist, nimmt sie jedes Häschen auf

Mehrmals am Tag klingelt die Kaninchen-Hotline. Besorgte Kaninchenbesitzer suchen Rat und überforderte Halter wollen ihre Tiere loswerden. So lange Platz ist, nimmt sie jedes Häschen auf. Manchmal landet eins jedoch erst mal auf der Warteliste. Nur wenn es sich um eine lebensbedrohliche Situation handelt, macht Birgit Saller eine Ausnahme. „Dann rücken alle eben ein wenig zusammen.“

Als das Hasen-Telefon klingelt, ist ein junger Mann am Apparat. Vor einigen Tagen hat er ein Kaninchen vorbeigebracht und will sich erkundigen, wie es ihm geht. Birgit Saller hat erstaunliche Neuigkeiten für ihn: Sein Tier ist trächtig. Schon in wenigen Wochen sollen die Babys kommen. Diese Nachricht kommt unerwartet. Der junge Mann war davon ausgegangen, dass er in der Zoohandlung zwei Männchen erstanden hatte. „Dass passiert leider oft“, sagt Saller. „Die Leute haben viel zu wenig Ahnung.“

Seit April ist die Kanincheninsel ein Verein und auf der Suche nach Mitgliedern. Die Kosten von etwas 600 bis 800 Euro im Monat sollen so leichter zu decken sein. Wer Interesse an einer Mitgliedschaft hat - mehr Infos aus der Internetseite.

Nicht jeder, der die Kaninchen-Mutti besucht, geht mit einem Langohr nach Hause. Wenn die Expertin erst mal aufzählt, was alles zu einer artgerechten Haltung dazugehört, überlegen es sich viele anders. „Zwei Jungs, die neulich da waren, haben nun ein Gewächshaus bekommen und keinen Hasen“, erzählt sie. In den Wochen vor Ostern vermittelt sie prinzipiell nicht. „Das sind keine Kuscheltiere“, sagt sie. Auch wenn die großen dunklen Augen, das weiche Fell und die kleinen Köpfchen einen anderen Eindruck vermitteln

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare