Astronomie

Egelsbacher Hobby-Forscher entdeckt seltenen Stern

So sieht der Gasaustausch der beiden Sterne aus: Der größere rote Zwerg gibt Materie an den kleineren weißen Stern ab. Das ist kein Foto, nur eine schematische Darstellung.
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So sieht der Gasaustausch der beiden Sterne aus: Der größere rote Zwerg gibt Materie an den kleineren weißen Stern ab. Das ist kein Foto, nur eine schematische Darstellung.

Es ist ein winziger Lichtpunkt mit großer Bedeutung: Der Egelsbacher Hobby-Astronom Erwin Schwab hat einen besonderen Stern entdeckt - durch Zufall.

Egelsbach – Als Erwin Schwab als Bub von seinen Eltern ein Fernglas geschenkt bekommt, ist seine Faszination für die Sterne geweckt. Er nutzt das Geschenk nicht zum Beobachten von Vögeln oder Wildtieren. Sein Blick gehört ab diesem Zeitpunkt dem Himmel. Heute zählt er nach 40 Jahren Sternenbeobachtung zu den erfahrensten Hobby-Astronomen der Welt. Für die besondere Entdeckung eines sogenannten veränderlichen Sternes hat er den Astronomiepreis des Physikalischen Vereins Frankfurt bekommen. Die Entdeckung ist international anerkannt und wurde in einigen Fachzeitschriften publiziert.

Erwin Schwab, in seinem „richtigen Leben“ Physikingenieur bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung im Darmstädter Stadtteil Wixhausen und Vater von zwei Söhnen, hat bereits 98 Kleinplaneten entdeckt.

Es ist keine ganz einfache Aufgabe, diese Sternensensation am Himmel einem Laien zu erklären, aber Erwin Schwab gelingt es mit seiner Begeisterung leicht. Zunächst einmal ist es einem Zufall zu verdanken, dass die Astronomen heute den veränderlichen Stern vom sehr seltenen DQ Herculis-Typ, mit der Bezeichnung J1832.4-1627, kennen. Die Expertise von Erwin Schwab ist den Fachleuten längst aufgefallen. So spricht ihn vor ein paar Jahren ein Abteilungsleiter der ESA, der Europäischen Weltraumorganisation, auf einer Tagung an, ob er nicht an professionellen Fernrohren den Himmel untersuchen möchte. Von da an sucht er für die ESA nach den Himmelskörpern, die sich der Erde gefährlich nähern und drohen auf sie einzuschlagen. Von seinem Rechner in Egelsbach kann er digital auf die professionellen Teleskope zugreifen.

Ich wusste sofort, dass es ein neuer Stern ist – aber mir war nicht bewusst, dass es so ein seltenes Exemplar ist.

Erwin Schwab

Und so sitzt er in der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 2019 am heimischen Schreibtisch und schaut aus dem Fernrohr im spanischen Calar Alto in die Nacht. Eigentlich auf der Suche nach einem Kometen, der zuletzt 2012 gesichtet wurde. „Den habe ich nicht gefunden, aber einen Stern, der in einem Moment da war, und auf dem nächsten Bild schon wieder weg“, berichtet er. Das reizt seine Neugier und seinen Forschergeist. In unzähligen Stunden mit Untersuchungen und Berechnungen in den vergangenen zwei Jahren, auch in Zusammenarbeit mit Kollegen, erforscht und dokumentiert er das Geheimnis des zweiteiligen Sternensystems in einem anderen Universum. Es ist über 4000 Lichtjahre entfernt. (Wer es nicht weiß: Ein Lichtjahr ist die Entfernung, die das Licht innerhalb eines Jahres unterwegs ist, bevor es für uns sichtbar wird. Ein Lichtjahr entspricht also einer Entfernung von 9,5 Billionen Kilometern.)

Im entdeckten Doppelsternsystem kreisen zwei Zwergsterne umeinander, wie die Erde um die Sonne – aber deutlich schneller. Der hellere weiße Zwerg umkreist den dunkleren roten Zwerg in nur neun Stunden. Die Erde benötigt bekanntlich 365 Tage, um die Sonne zu umrunden. Von der Erde aus gesehen ist aber nur ein winziger Lichtpunkt zu erkennen, der vom Bildschirm der Forscher verschwindet, sobald der hellere Zwergstern verdeckt wird. Der dunklere Zwergstern verdeckt den helleren immer wieder, was der Grund für die periodische Helligkeitsveränderung ist, erklärt Schwab. Der Lichtpunkt am Firmament scheint für eine halbe Stunde weg zu sein, dabei wird er nur leuchtschwächer.

Am heimischen Schreibtisch auf der Suche nach unbekannten Sternen: der Egelsbacher Erwin Schwab.

Um eine ungefähre Vorstellung davon zu haben, wie groß das entdeckte zweiteilige Sternensystem ist: „Beide Sterne zusammen würden in die Sonne hineinpassen“, erläutert der Egelsbacher Experte. Eine weitere Besonderheit, die die Untersuchungen ergeben haben: Es kommt zu einem Materieaustausch zwischen den beiden Zwergsternen. Vom größeren Stern trifft Gas auf der Oberfläche des kleineren auf. „Eigentlich haben solche Objekte eine sogenannte Akkretionsscheibe, die verhindert, dass Materie direkt auf der Oberfläche aufkommt. Das hat dieser weiße Zwerg nicht, das macht ihn so selten“, erläutert Schwab. Die Fachleute gehen davon aus, dass es sich um eine Art Evolution handelt, dass der weiße Zwerg die schützende Scheibe nicht mehr – oder noch nicht – hat. Daran wird weiter geforscht.

Inzwischen hat Erwin Schwab Routine im Entdecken von Himmelskörpern. Dennoch ist dieser veränderliche Stern im DQ Herculis-Typ eine Sensation und ein Meilenstein seiner Entdeckungen. Das war ihm nicht sofort klar. „Ich wusste, dass es ein neuer Stern ist – aber mir war nicht bewusst, dass es so ein seltenes Exemplar ist“, findet der 57-Jährige es immer wieder spannend, am Fernrohr zu sitzen und neue Phänomene zu entdecken. Übrigens, die Astronomie ist nicht das einzige ungewöhnliche Hobby von Erwin Schwab: 1986 war der Kleinplanetenexperte Deutscher Vizemeister im Bumerang werfen. „Aber das ist lange her. Heute schaue ich nur noch nach Sternen“, sagt Schwab lachend. (Nicole Jost)

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