Eigentümer beißt bei Anwohnern auf Granit

Grandios gescheitert: Bayerseich-Treffen läuft aus dem Ruder

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Kurz vor Chaos: Ofimmo-Chef Vladislav Izrailit und Moderatorin Christina Oldenburg (im Hintergrund) entglitt der als Beteiligungs-Workshop angesagte Abend nach wenigen Minuten unwiederbringlich.

Egelsbach - Was geschieht mit dem Parkdeck in Bayerseich? Wie stellt sich dessen Eigentümer die von ihm dort ins Spiel gebrachte Bebauung vor? Fragen, die den Anwohnern im ohnehin dicht bebauten Ortsteil auf den Nägeln brennen. Von Holger Borchard

Die als Workshop zur Bürgerbeteiligung etikettierte Veranstaltung am Montagabend bietet dazu nur Unbefriedigendes – zumal sie nach nicht mal einer Viertelstunde komplett aus dem Ruder läuft. Schön präpariert haben die Gastgeber den Saal für das von ihnen einberufene „Arbeitstreffen“. Die etwa 100 Besucher im Bürgerhaus sitzen an gruppenweise zusammengestellten Tischen, auf denen Parkdeck-Skizzen, Schablonen, Stifte, Papierzuschnitte in allerlei Farben und Fragenkärtchen muntere Gemeinschafts-Planspiele verheißen. Die Ofimmo GmbH – seit 2016 Eigentümerin des Parkdecks und angrenzender Mehrfamilienhäuser an der Kurt-Schumacher- und Erich-Kästner-Straße – sowie die in ihrem Auftrag agierende, auf Online-Plattformen zur Bürgerbeteiligung spezialisierte Darmstädter Wer-denkt-Was-GmbH bitten laut Einladung zum „Auftakt einer umfassenden Informations- und Beteiligungsphase rund um die angedachte Bebauung des Parkdecks“.

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Dumm bloß: Die erdrückend große Mehrheit im Saal verspürt nicht die geringste Lust, sich in diese Richtung lenken zu lassen: „Stellen Sie endlich die einzig wichtige Frage“, fällt ein Bayerseicher mit rotem Kopf Moderatorin Kristina Oldenburg (Büro Kokonsult) während der Einstiegsrede zum x-ten Mal ins Wort. „Fragen Sie, wer überhaupt eine Bebauung des Parkdecks will!“

Sichtbar irritiert und überrumpelt von permanenten Zwischenrufen und unmissverständlich zur Schau getragener Ablehnung, bittet die Moderatorin wahrhaftig kurz darauf zur Abstimmung: „Wer kann sich die Bebauung des Parkdecks vorstellen und will die Planung vertiefen?“ Drei Hände im Saal gehen in die Höhe. „Wer kann sich die Bebauung so gar nicht vorstellen?“ Knapp 100 Hände schießen in die Höhe. Das sitzt: „Na, dann können wir den Abend ja jetzt beenden“, bemerkt die Moderatorin sarkastisch.

Das geschieht freilich nicht, obwohl diverse Besucher Oldenburg zeitnah beim Wort nehmen und das Bürgerhaus verlassen. Die Veranstaltung ist gleichwohl verloren – sie erodiert, es spricht nicht mehr nur eine Person, vielmehr wird in jeder Ecke diskutiert und gemurmelt. Weiter geht es dennoch. Kein Wunder, schließlich ist die Hauptperson noch gar nicht aufgetreten: Vladislav Izrailit, Geschäftsführer der Ofimmo GmbH, erlebt einen beinharten Einstieg. „Ich bin der Besitzer des Parkdecks“ – Zwischenruf: „Schlimm für uns.“ Izrailit stellt sich tapfer der Menge, allerdings wiederholt er dabei gebetsmühlenartig: „Es gibt keinerlei Planung.“ Für tiefer schürfenden Informationsaustausch eine denkbar schwache Basis. Schlimmer noch: Der Geschäftsführer verstrickt sich – ohne Mikrofon – in Einzelgespräche, wandert von Tisch zu Tisch. So kommt es zu Dialogen („Sie wollen uns das aufzwingen.“ – „Ich will Ihnen gar nichts aufzwingen.“ – „Es gibt Gesetze...“ – Ich werde nichts tun, was gegen das Gesetz ist.“), die in der Sache niemanden voranbringen.

Die wenigen Momente, in denen nur einer spricht und viele zuhören, ergeben trotzdem einerseits ein griffiges Stimmungsbild der Bayerseicher. Diesen liegen die Parkplatzsituation, Grünflächen und Spielplätze sowie potenzielle Lärmbelastung durch noch mehr Verkehr und die Kommunikationskultur zwischen Investor und Anwohnern am Herzen. Andererseits sind jene Momente besonders aufschlussreich, in denen der Parkdeck-Eigentümer die Contenance verliert: „Es wird auf jeden Fall gebaut. Die Frage ist nicht, ob, sondern bloß, was“, wirft er den Zuhörern entgegen. „Im Zweifelsfall eben ein Kindergarten“, legt Izraelit gegenüber dem frisch gebackenen Bürgermeisterkandidaten der Grünen, Tobias Wilbrand, nach. Auf dessen Frage „Welche Kinder sollen denn in diesen Kindergarten gehen, sofern die Gemeinde die Plätze nicht fördert – welche Eltern könnten sich 1 000 Euro Monatsgebühr leisten?“ spricht Izrailit Tacheles: „In ein paar Jahren läuft in meinen Häusern am Schumacher-Ring die Mietpreisbindung aus. Dann richte ich dort hochwertige Mietwohnungen ein – und die Familien, die dann einziehen, können sich auch einen privaten Kindergarten leisten.“

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Nicht minder spannend: Izrailits Ansage zur Statik des Pardecks, die ja entscheidend für jegliche Bebauung ist. „Ich habe das Gutachten, das besagt, dass das Parkdeck 18 Tonnen pro Quadratmeter trägt.“ „Wie passt das denn zu der Ansage, das Parkdeck sei marode und mache eine Sanierung samt Bebauung zur Gegenfinanzierung unabdingbar?“, will ein weiterer Fragesteller wissen – Antwort offen ...

Das Grundproblem ist bis zum Ende immanent: Hörenswertes gelangt nicht in jedermanns Ohr. An welchem Tisch man diskutiert, bestimmt, welche Wahrnehmung und Gewichtung man mit nach Hause nimmt. Als die Moderatorin nach 105 Minuten die wichtigsten Botschaften der Bayerseicher noch mal aufzählt, ist nur noch ein knappes Drittel der ursprünglich Gekommenen dabei. Dem eröffnet Izrailit zuletzt auch noch sein Resümee: „Ich habe sehr, sehr viel gehört, von dem ich nichts wusste. Und ich habe sehr, sehr viel gehört, das ich anders sehe.“

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