Ohne Umwege vom Strauch zum Kunden

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Der Herr der blauen Früchtchen: „Ich verkaufe nur, was ich selbst anbaue“, sagt Christian Königer. 110.000 Blaubeer-Sträucher gedeihen auf seinem Boden.

Egelsbach - Genau heute vor einer Woche hat die Erntesaison bei Birkensee Beerenkulturen begonnen. Vor den Toren Egelsbachs  liegt die Plantage von Christian Königer, auf der schätzungsweise 110.000 Blaubeer-Sträucher gedeihen. Von Holger Borchard

35 Hektar Anbaufläche nennt der „Herr der Blaubeeren“ sein Eigen. Wir haben ihn im Rahmen unserer Serie „Na(h)türlich gut“ besucht. Mit der Ernte sind der Chef und seine osteuropäischen Erntehelfer, die nun nach und nach anreisen, wieder einmal ein bisschen später dran, als normal. Daran ist – natürlich – die regnerische und kühle Witterung im Mai/Juni schuld. Doch Christian Königer ist sich einerseits bewusst, dass er mit seinem Betrieb den Unwägbarkeiten der Natur ausgesetzt ist, zum anderen hat das durchnässte Frühjahr bei Weitem nicht so verheerende Folgen wie die extrem späten Frostperioden im Jahr 2011. „Normalerweise geht es Mitte/Ende Juni los, aber jetzt bin ich immerhin noch vor den Betrieben in Norddeutschland dran, was durchaus ein kleiner Wettbewerbsvorteil ist.“

Bis Mitte August werden nun in der Spitze 200 Helfer täglich mit Pflücken und Versandfertigmachen der kleinen blauen Früchtchen beschäftigt sein. Diese „Kulturheidelbeeren“ sind allenfalls noch entfernt verwandt mit jener Waldheidelbeere, die man einst in Wald und Flur sammeln konnte. „Die Blaubeere ist allgemein größer, heller, süßer und hat weniger Kerne. Zudem ist sie knackiger und hat ein helles Fruchtfleisch, das die Zähne nicht verfärbt“, sagt Christian Königer. Blaubeeren wachsen aufrecht an Sträuchern, die bis zu zwei Meter hoch werden. Der klassische Heidelbeerbusch ist ein sogenannter Bodendecker.

Zwischen 250 und 300 Tonnen Blaubeeren werden in dieser Saison im Westen Egelsbachs geerntet werden, schätzt ihr 41-jähriger Besitzer. Seine Erfahrung stützt sich nicht zuletzt auf die seines Vaters, von dem Christian Königer den Betrieb anno 2003 übernahm. Macht unter dem Strich drei Jahrzehnte Anbauerfahrung. Insofern halten die Beeren aus Egelsbach qualitativ jedem Vergleich mit in- und ausländischer Konkurrenz stand.

Kontrolle über die Vermarktung

„Ich verkaufe nur, was ich selbst anbaue, setze auf die lokale Schiene und habe zum Glück komplette Kontrolle über die Vermarktung“, fasst Königer zusammen. Abnehmer sind die regionalen Lebensmitteldiscounter – für ihn, die Märkte und für die Verbraucher die denkbar günstigste Konstellation. „So stehen Herkunft, Sorte und Anbaumethode ohne Zweifel fest und die Blaubeeren kommen auf kürzestem Weg in den Handel.“ Mehr als zehn Tonnen Beeren befinden sich in einem Lkw, der die Birkensee-Kulturen in Richtung Zentrallager einer Lebensmittel-Kette verlässt. „Das sind über 50.000 Schälchen“, sagt Königer.

Aller modernen Agrotechnik zum Trotz ist das Pflücken der Birkensee-Blaubeeren nach wie vor reine Handarbeit. „Es ist die schonendste Methode“, betont der Firmenchef. „Die Beeren werden direkt in die Schale gelesen, so bleiben ihnen überflüssige Berührungen erspart, die zu Beschädigungen führen könnten.“ Das sei der Qualität allemal zuträglicher, als sie zunächst in Eimern zu sammeln und dann durch Trichter fallen zu lassen. „Mit Erdbeeren oder Himbeeren macht man das ja auch nicht. Und was für die gut ist, ist es für meine Blaubeeren erst recht“, konstatiert Königer schmunzelnd hinzu. Über allem steht das Motto: Ohne Umwege vom Strauch zum Kunden.

Was letztlich im Schälchen landet, ist Resultat eines ganzjährigen Prozesses. „Meine Prämisse ist, den Anbau und die Pflege der Anlagen auf umweltschonende Weise zu betreiben“, verdeutlicht der Inhaber. Minimaler Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, regelmäßiges Unkrautjäten per Hand, mehrfaches Mulchen, Tröpfchenbewässerung und großzügige Abstände zwischen den Strauchreihen zeugen davon.

Bienen und Hummeln für die Bestäubung

Beim wichtigsten Vorgang des Frühjahrs überlässt der Chef ebenfalls nichts dem Zufall: Dass sich zur Bestäubung der Blüten ausreichend Bienen und Hummeln zwischen den Sträuchern tummeln, stellt Königer sicher, indem er das fliegende Personal einkauft. „Ich setze bevorzugt auf Hummeln“, verrät er. „Die haben nämlich einen überschaubaren Aktionsradius, was mir garantiert, dass sie tatsächlich auf meinen Feldern arbeiten.“ Bei Bienen sei das so eine Sache. „Die lassen sich gerne von den Rapsfeldern in der Umgebung locken, weil die mehr Blütennektar versprechen.“ Gleichwohl haben einige Imker Bienenvölker auf dem Birkensee-Areal platziert. „Von der Konstellation haben alle was“, meint Christian Königer – ein Paradebeispiel also für gegenseitiges Geben und Nehmen im besten Sinne dieser Serie.

Am Wiegeplatz liefern die Erntehelfer aus Osteuropa – zwei Drittel von ihnen stammen aus Rumänien, die übrigen aus Polen und der Slowakei – ihre Steigen mit den frisch gepflückten Blaubeeren ab. Ihre tägliche Arbeitszeit hängt von den Bestellungen ab, bezahlt werden sie nach Menge. Dass Saisonarbeitskräfte in Egelsbach eine vergleichsweise faire Bezahlung erhalten, belegt der Umstand, dass Christian Königer rund 90 Prozent seiner Mitarbeiter als Stammkräfte bezeichnen kann. „Auf dieses Arbeitsverhältnis bin ich stolz“, betont er, „die meisten Erntehelfer sind schon seit Jahren bei mir“.

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