Vereinsleben nicht mehr existent

Bürgerhilfe Egelsbach löst sich auf

Egelsbach - Die Nachricht ist traurig und mit Blick auf die so häufig bemühte demografische Entwicklung kaum nachvollziehbar: Die Bürgerhilfe Egelsbach löst sich auf – die Mitgliederversammlung hat das beschlossen. Von Holger Borchard 

Die Gründe: Zum einen findet sich kein Vorstand, zum anderen sind Vereinsleben und -zweck trotz circa 400 Mitgliedern auf dem Papier nicht mehr existent. Das Ergebnis, mit dem rund 40 anwesende Mitglieder der Bürgerhilfe sich nach kurzer Sitzung in die Osterfeiertage verabschiedet haben, hätte deprimierender nicht sein können: Der 1999 gegründete Verein mit dem Zweck gegenseitiger Hilfe auf genossenschaftlicher (Punkte-)Basis geht in die Liquidation. „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“, analysiert Vorsitzender Dieter Matzke. Hatte er sich vor zwei Monaten noch durchaus hoffnungsvoll gegeben, analysiert er nun desillusioniert und nüchtern die Entwicklung und die Konsequenzen.

Den Ausschlag zur Auflösung des Vereins gab der Umstand, dass die seit Langem schwelende Personalfrage nicht gelöst werden konnte. Schon vor zwei Jahren hatten Matzke und seine Stellvertreterin Brigitte Junak angekündigt, dass sie ihre Ämter bei der turnusmäßigen Jahreshauptversammlung Ende Februar zur Verfügung stellen würden. Die Nachfolgersuche blieb ohne Erfolg. „Niemand wollte den Vorsitz machen“, schildert Matzke. Mit Schriftführer Ulrich Westphal, Margret Ollesch und Kassiererin Christiane Below stand immerhin der halbe geschäftsführende Vorstand für eine weitere Amtsperiode parat, sofern sich zwei Kandidaten für die Führungsspitze gefunden hätten – das freilich war nicht der Fall. So endete das reguläre Jahrestreffen am 26. Februar mit dem Beschluss, den Verein aufzulösen. Hierzu war die Einberufung einer weiteren, außerordentlichen Versammlung – datiert auf vorigen Mittwoch – erforderlich. „Bis dahin stand die Tür noch offen. Hätte sich kurzfristrig ein Vorstand gefunden, hätte die Versammlung der Auflösung widersprochen“, so Matzke. „Jetzt lässt sich die Uhr nicht mehr zurückdrehen.“ Als Jahr des personellen wie räumlichen Umbruchs wird 2016 somit nicht in die Annalen eingehen, sondern als jenes, das dem gemeinnützigen Verein das Aus beschert. Für Matzke heißt das, dass er als Bürgerhilfe-Vorsitzender im Amt bleiben muss, bis die Liquidation vollzogen ist. Über den Daumen gepeilt wird darüber ein Jahr ins Land ziehen. „Jetzt wird abgewickelt. Wir schreiben die Mitglieder an, kündigen alle Versicherungen und Mitgliedschaften in Verbänden und Vereinigungen und so weiter“, blickt Matzke voraus.

Mit dem 2015 erzwungenen Auszug aus dem über Jahre angestammten Domizil im Seniorenwohnheim an der Dresdener Straße (bekanntlich hat die Christliche Flüchtlingshilfe Egelsbach/Erzhausen das Gebäude gekauft und saniert es, um dort Flüchtlinge unterzubringen) habe die Entwicklung rein gar nichts zu tun, stellt der Noch-Vorsitzende klar. „Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen: Das Angebot, für das der Verein einst gegründet wurde, wird überhaupt nicht mehr nachgefragt. Die Bürgerhilfe Egelsbach ist auf der Dienstleistungs-Schiene komplett zum Erliegen gekommen, es gibt keinen Aktiven-Pool geschweige denn ,Nachwuchs‘ unterhalb der 60-Jahre-Grenze.“ Der Altersdurchschnitt der Bürgerhilfe habe zuletzt bei mehr als 75 Jahren gelegen, schon bei seinem Amtsantritt vor vier Jahren habe die Misere konkrete Züge gehabt, resümiert Matzke. „Wer heute Hilfe braucht, organisiert sich privat billige Kräfte, vorzugsweise aus Osteuropa. Rüstige Frührentner dagegen gehen in die Muckibude und genießen ihr Leben in vollen Zügen, als sich mit Diensten für Alte zu beschäftigten, die praktische Hilfe brauchen. Und genau nur noch Letzgenannte sind es, die sich bei der Bürgerhilfe anmelden oder besser noch: von ihren Kindern angemeldet werden. So kann unser Konstrukt nicht mehr funktionieren.“ Damit verschwindet nach den 2014 aufgelösten Förderern der Städtepartnerschaften ein weiterer Verein von der Egelsbacher Bildfläche. „Die Leistungspunkte, die Mitglieder auf ihren Konten angesammelt haben, sind damit für die Katz’ – aber das war den meisten ,Jungen‘ von vornherein klar“, schließt Matzke. „Und das bisschen Vereinsvermögen, das nach Begleichung aller Forderungen womöglich übrig bleiben wird, kommt einem sozialen Zweck zu – so verlangt es unsere Satzung.“

Bürgermeister Jürgen Sieling nimmt das Aus des Vereins „mit Bedauern zur Kenntnis“. Überrascht zeigt er sich von Matzkes drastischer Schilderung zur Überlebtheit des Bürgerhilfe-Modells. „Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Lebenswelt von Senioren heute eine ganz andere ist als noch vor zwei Jahrzehnten, dass heute Dienstleister am Start sind, die ein von einem Verein organisiertes Angebot offenbar entbehrlich machen“, so Sieling. „Andersherum wirft auch dieser Fall einmal mehr die rhetorische Frage auf: Macht deutsches Vereinsrecht mit all seinen Anforderungen die Vereine und die Wenigen, die sich noch engagieren wollen, kaputt?“

„Egelsbach bewegt sich“: Bilder

Rubriklistenbild: © dpa

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