Im Cockpit Alkohol getrunken

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Den Einsatzkräften bot sich ein Bild der Zerstörung: Die Beechcraft King Air war beim Aufprall in der Koberstadt zerschellt und in Brand geraten. Jetzt liegt der Untersuchungsbericht zur Absturzursache vor.

Egelsbach - Der Pilot, der vor knapp zwei Jahren beim Absturz im Anflug auf den Egelsbacher Flugplatz zwei Passagiere mit in den Tod riss, stand unter Alkohol- und Medikamenteneinfluss. Von Markus Schaible

Auch die anderen Opfer hatten Alkohol im Blut – offenbar war während des Fluges getrunken worden. Zu diesem Schluss kommt die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in ihrem jetzt veröffentlichten Bericht. Die Beechcraft King Air (F90) mit den drei Dreieichern an Bord hatte am 7. Dezember 2009 an der Gemarkungsgrenze Langen/Egelsbach in der Koberstadt im Nebel die Baumwipfel gestreift, war in den Wald gestürzt, zerschellt und ausgebrannt.

Zwar macht die BFU deutlich: „Die Untersuchung dient nicht der Feststellung des Verschuldens, der Haftung oder von Ansprüchen.“ Dennoch lässt der Bericht nicht an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Denn zum Alkoholkonsum kommen weitere Vorwürfe gegen den Piloten: Seine Lizenz war abgelaufen und vermutlich hätte das Flugzeug auch nicht geflogen werden dürfen.

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Minutiös schildert der Bericht die letzten Minuten vor dem Absturz bis hin zur Anweisung des Towers „Check your altitude“ (Überprüfen Sie Ihre Flughöhe) um 16.16 Uhr und 16 Sekunden sowie einer weiteren, nicht mehr beantworteten Anweisung sechs Sekunden später. Nach einer erneuten Nachfrage wählte der Egelsbacher Flugleiter den Notruf.

Bis zu diesem Zeitpunkt war der Flug von Bremen aus den Aufzeichnungen zufolge ereignislos und den Vorgaben entsprechend verlaufen, so die BFU. Allerdings lag über dem Absturzgebiet eine 100 bis 200 Fuß (30 bis 60 Meter) dicke Nebelschicht, in die der damals 61-jährige Pilot die Maschine steuerte. „Der Sinkflug wurde mit zu hoher Geschwindigkeit und Sinkrate zu früh eingeleitet“, heißt es im Bericht. Wäre die King Air höher geflogen, hätte sie den Sichtkontakt zum Flugplatz Egelsbach beibehalten und sicher landen können.

Situation offenbar falsch eingeschätz

Die Erfahrung des Piloten sei „als relativ hoch anzusehen“, so die BFU, auch sei er mit dem Flugzeugtyp und dem Flugplatz bestens bekannt gewesen. Gleiches gelte im Übrigen für den Passagier, der auf dem Copilotensitz saß und den Funkverkehr übernommen hatte. Auch er „hätte die Möglichkeit gehabt, bei Eintreten einer kritischen Situation oder zur Vermeidung eines Unfalls eingreifen zu können“, besagt die Untersuchung.

Dass beide die Situation offenbar falsch einschätzten, führt die BFU auf den Alkoholkonsum zurück. Dass bei allen drei Männern im Blut, nicht aber im Urin eine Promillekonzentration gefunden wurde, lasse nach Auskunft der Rechtsmedizin darauf schließen, „dass Alkohol circa 30 Minuten vor dem Ableben konsumiert wurde, also während des Fluges“. Schlussfolgerung im Bericht: „Da alle Personen an Bord Alkohol zu sich genommen hatten, kann insgesamt von einer gelösten Stimmung ausgegangen werden, was zur Unkonzentriertheit und Verminderung der Leistungsfähigkeit während des Endanflugs führte.“

Bilder der Absturzstelle in Egelsbach

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Auf den ersten Blick sind die Blutalkoholkonzentrationen mit 0,25 Promille beim Piloten sowie 0,21 beim Copiloten (der zweite Passagier hatte 0,41) nicht einmal sonderlich hoch. Allerdings hatte die heutige BFU bereits 1982 festgestellt, dass eine Konzentration von 0,2 Promille durch die Bewegung im dreidimensionalen Raum ungefähr 0,8 Promille bei einem Autofahrer entspreche. Und laut Luftverkehrsordnung ist das Fliegen unter Alkoholeinfluss generell verboten. Im Fall des Piloten kommt die Einnahme von Medikamenten hinzu, die ebenfalls zur Unkonzentriertheit und Verminderung der Leistungsfähigkeit beigetragen haben könne.

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Obwohl die BFU zum Schluss kommt, dass „der Pilot erfahren und grundsätzlich in der Lage war, das Flugzeug sicher zu führen“, hätte er das am Absturztag nicht gedurft. Seine Lizenz war fünf Wochen zuvor abgelaufen; für die Verlängerung fehlte laut Bericht eine Zuverlässigkeitsüberprüfung, „die durch den Piloten nicht beantragt wurde“.
Auch in Bezug auf die King Air gibt es Ungereimtheiten: Der Nachprüfschein sei nur bis Oktober 2009 gültig gewesen; erst nach Zeugenanhörungen in dem betreffenden Luftfahrttechnischen Betrieb sei ein weiterer mit Ablaufdatum Dezember 2009 vorgelegt worden. Es „bestehen Zweifel an dessen Gültigkeit“, so die BFU.

Vonseiten der Staatsanwaltschaft Darmstadt ist das Verfahren im Übrigen abgeschlossen, da alle Insassen den Tod fanden und „ein Verschulden Dritter“ auszuschließen sei, so Sprecher Sebastian Zwiebel gestern.

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