Zum Guten „gedreht“

Deutsch-Afghanin veröffentlicht Roman über ihre Flucht

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Ihre Geschichte hat die Deutsch-Afghanin Arian Anwari in einem Roman verarbeitet. „Attan“ ist als E-Book im Kindle-Shop bei Amazon erhältlich und erscheint in Kürze als Taschenbuch.

Egelsbach - Die Flüchtlingsdebatte, Pegida, der Siegeszug der AfD – vor zwei Jahren beschloss Arian Anwari, ihre Geschichte zu erzählen. Die 25-Jährige ist als Kind aus Afghanistan geflüchtet und lebt seit sieben Jahren in Egelsbach. Nun ist ihr Buch fertig und wurde vor Kurzem veröffentlicht. Von Julia Radgen 

Seit einer Woche hat Arian Anwari nicht viel geschlafen. Hellwach ist sie – vor Aufregung. Denn am Sonntag vor einer Woche ist um Mitternacht ihr Buch „Attan – Die Drehung des Lebens“ erschienen. Die Nervosität merkt man der 25-jährigen Deutsch-Afghanin nicht an. Mit gerader Körperhaltung sitzt sie in einem Egelsbacher Café, ihr Blick ist aufmerksam, ihre Worte wählt sie bedächtig. Hier kennt sie fast jeder. In dem Café im Kurt-Schumacher-Ring hat Anwari während ihres Studiums drei Jahre lang gejobbt. Zusammen mit ihrer Mutter wohnt sie um die Ecke. Als eine Familie mit einem kleinen Jungen an ihrem Tisch vorbeiläuft, grüßen die Erwachsenen mit freundlichem „Hallo“. Der Junge winkt ihr im Vorbeigehen zu. Er ist nur ein wenig älter, als sie es bei ihrer Ankunft in Deutschland war.

Das Buch, das die Egelsbacherin zusammen mit der Dresdener Autorin Christine Fischer veröffentlicht hat, erzählt davon. „Sie schreibt über meine Geschichte“, sagt Anwari. Die Rahmenhandlung einer Zugfahrt inklusive Liebesgeschichte ist fiktiv, der Rest basiert „1:1“ auf Anwaris Biografie: Als sie 1992 in Afghanistan, nahe Kabul, geboren wird, herrscht Bürgerkrieg. Die Familie beschließt zu fliehen, kommt über Pakistan und Usbekistan nach Moskau, dann nach Deutschland. Der Roman erzählt vom Ankommen in einem kleinen Eifel-Ort, von Diskriminierung und Rassismus, von Hilfsbereitschaft und Mitgefühl.

„Ich bin selbst ein Flüchtlingskind und Muslimin, aber ich habe den richtigen Weg gewählt“, sagt Anwari. Die 25-Jährige ist, was man „gut integriert“ nennt. Ihrem Deutsch merkt man nicht an, dass es nicht ihre Muttersprache ist. Nach dem Abitur an der Max-Eyth-Schule Dreieich hat Anwari studiert: Soziale Arbeit in Frankfurt. Seit dem Abschluss im vergangenen Frühjahr arbeitet sie, hilft langzeitarbeitslosen Menschen beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Anwari hat einen älteren Bruder (33) und eine ältere Schwester (37). Ihr jüngster Bruder ist 18 Jahre, wurde in Deutschland geboren und hört auf einen deutschen Vornamen. Anwari beschreibt ihre Familie als westlich. „Wir sind Muslime, aber wir sind moderne Muslime. Ob jemand fünfmal am Tag betet oder nicht, sollte jedem selbst überlassen sein. Man sollte im Herzen rein sein.“

Seit 2010 in Egelsbach

Die Idee kommt der jungen Deutsch-Afghanin, die seit 2010 in Egelsbach wohnt, vor zwei Jahren, als die Flüchtlingsdebatte die öffentliche Diskussion beherrscht: Angst und Vorurteile bestimmen das Klima. Anwari fragt bei einer Autorengruppe bei Facebook, wer Lust auf ein Buchprojekt zum Thema Flüchtlinge hat. „Das war ganz spontan, so gegen ein Uhr nachts“, erinnert sie sich. Am nächsten Morgen findet sie mehr als 20 Antworten in ihrem Postfach. Ihre Wahl fällt auf Christine Fischer, die zu DDR-Zeiten geboren wurde und in der Pegida-Hochburg Dresden lebt. Die langjährige Fremdenführerin hat bereits Romane verfasst. Die Dresdnerin und die Afghanin, die Rentnerin und die Studentin, wirken wie ein ungleiches Gespann. Warum sie sich für Fischer entscheiden hat, kann Anwari heute nicht mehr genau sagen. „Die Chemie passt“, sagt sie lächelnd.

Die Egelsbacherin fährt nach Dresden, damit sich die beiden Frauen kennenlernen. Anwari erzählt der Fremden, woran sie sich erinnert, was die Eltern, der ältere Bruder und die große Schwester erzählt haben, Fischer hört zu. Außerdem zeigt die Dresdenerin der jungen Afghanin ihre Stadt. Am frühen Abend eines Montags sitzen beide in einem Restaurant. „Oh Arian, wir müssen jetzt auch nach Hause, Pegida fängt gleich an“, sagt Fischer. Dann tritt die Kellnerin an den Tisch und möchte abkassieren: Sie wolle ja schließlich zu Pegida gehen. Für Anwari und die Dresdener Autorin ist es ein Aha-Moment. Die beiden beschließen: „Es reicht, wir schreiben jetzt dieses Buch.“

Anwari schreibt zunächst ihre Geschichte auf. Sie spricht viel mit ihren Eltern und älteren Geschwistern. Als die Flucht beginnt, ist sie erst zwei Jahre alt. „Wir hatten kein Geld“, sagt Anwari. Weil sie nicht auf einmal die Schleusergebühr für alle fünf zahlen, flieht jedes Familienmitglied einzeln. Ohne ihre Familie muss die zweijährige Arian die Flucht bewältigen. Zunächst sammelt sich die Familie im 3 400 Kilometer entfernten Moskau. „Dort haben wir ein Jahr lang gelebt“, sagt Anwari. Ihre früheste Erinnerung stammt aus dieser Zeit: Als sie ihrem Vater eines Tages auf dem Flohmarkt verloren geht. Dort verkauft er Ware, um die weitere Flucht zu finanzieren. Ihr neun Jahre alter Bruder tut es ihm mit Zigaretten gleich – bei Minusgraden, noch die dünnen Schuhe aus der Heimat an den Füßen. Die Familie hat keine Aufenthaltsgenehmigung und Angst vor der Polizei. „Wir waren immer auf der Hut“, erzählt Anwari. Als ihr Vater sie wiederfindet, kniet er sich hin, umarmt sie und weint.

Fluchterfahrungen von Prominenten und Künstlern

Die Autorin Christine Fischer strickt aus Anwaris Erinnerungen nach und nach die Romanhandlung. Nach dem ersten persönlichen Treffen kommunizieren beide über Telefon und E-Mail. Die Dresdener Autorin sendet regelmäßig Passagen des in Ich-Form verfassten Textes nach Egelsbach. „Das zum ersten Mal zu lesen, hat mich sehr berührt“, sagt Anwari. Sie kann sich nur schwer vorstellen, wie es für ihre Eltern gewesen sein muss, ihre Heimat zu verlassen. „Sie haben dort gelebt, wurden dort geboren und müssen dann sagen ‘ab heute gehen wir’.“

Schließlich ist genug Geld gesammelt, um die weitere Flucht zu finanzieren: 1996 kommen die Anwaris in Deutschland an. Nach der Erstaufnahme in Berlin ziehen sie in eine Sozialwohnung im rheinland-pfälzischen Kelberg-Zermüllen, eine 2 000-Einwohner-Gemeinde. „Wir waren eine Attraktion“, sagt Anwari rückblickend. 18 Jahre lang lebt sie dort, geht zur Schule. Hänseleien bleiben nicht aus. „Ich wurde Negerin genannt, aber meistens Hexe – wegen meines schwarzen Haars“, sagt Anwari. In der neunten und zehnten Klasse ist sie meist zuhause und lernt, geht nicht auf Partys. Sie gilt als langweilige Streberin. „Ich wollte mein Ding durchziehen.“

Jetzt, da das Buch veröffentlicht ist, hat ihr ein ehemaliger Klassenkamerad geschrieben, dass er den Roman an einem Tag durchgelesen habe. „Es ist unglaublich, was du erlebt hast“, steht in der Nachricht. „Im Grunde hat er sich für die Hänseleien entschuldigt“, meint Anwari. Schlimme Erfahrungen sind in das Buch genauso eingeflossen wie unerwartete Hilfe. So hat ein Fremder ihrem Vater, der bis dato als Ein-Euro-Jobber auf dem Friedhof Laub sammelte, eine Stelle vermittelt. Seit 15 Jahren arbeitet der Vater in der Kunststofffertigung . „Ich will mit dem Buch allen danken, die uns bis heute geholfen haben“, so Anwari.

Zunächst als E-Book erschienen

Nun, nach zwei Jahren, ist das Werk vollendet und zunächst als E-Book erschienen. „Als ich meinen Eltern zum ersten Mal von der Buchidee erzählte, haben sie ,sehr schön’ gesagt“, erinnert sich Anwari lächelnd. Doch erst als die Manuskriptseiten sich zuhause stapelten, war klar, dass die Tochter es ernst meinte. „Meine Familie und Freunde standen immer hinter mir“, sagt Anwari. Sie ist froh, ihre Geschichte aufgeschrieben zu heben – und hofft, dass sie zu mehr Verständnis beiträgt und Vorbild ist. Die Geschichte eines Flüchtlingskinds, einer Muslimin, die sich integriert, Deutsch lernt, nicht auf die schiefe Bahn gerät. Dafür steht auch der Titel „Attan“. „Das ist ein traditioneller afghanischer Tanz und hat die Bedeutung wie in Deutschland die Nationalhymne“, erklärt Anwari. Dabei drehe man sich im Kreis, wie auf dem Cover in traditioneller Tracht zu sehen ist. Das fand sie sehr passend. „Es steht für das Leben, das sich vom Schlechten zum Guten dreht.“

Anwari möchte ihren Master machen, weiter im sozialen Bereich arbeiten. Im Winter ist sie der SPD beigetreten, will sich dort engagieren. Auch für die Integration. Sie findet, die Flüchtlingsarbeit in Egelsbach laufe gut: „Hier hilft jeder jedem.“ Anwari wünscht sich, dass die Familie bald vereint ist, denn der Vater und die Brüder wohnen noch immer in der Eifel. Ihren Vater sieht sie nur alle zwei Wochen. Aus Egelsbach wegziehen möchte die 25-Jährige aber nicht, auch nicht fürs weitere Studium. Sie will bleiben, fühlt sich hier wohl. „Es ist meine Heimat“.

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