Ausbildung bei Optimus in Egelsbach

Angekommen: Junger Mann aus Afghanistan machte sich auf den Weg in eine bessere Zukunft

Hat seinen Platz gefunden: Shahpoor Surkhabi fertigt bei Optimus unter anderem Fuß-Orthesen.
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Hat seinen Platz gefunden: Shahpoor Surkhabi fertigt bei Optimus unter anderem Fuß-Orthesen.

Es war ein langer Weg, aber Shahpoor Surkhabi hat ihn gemeistert: Der junge Mann, der 2013 aus Afghanistan geflohen ist, hat seine Ausbildung bei Optimus in Egelsbach bestanden. Er ist im Zentrum für technische Orthopädie von Benedikt Preisler angekommen – und hat noch viele Pläne.

Egelsbach – Im Eingangsbereich der Firmen Optimus und Neuron hängt ein kleines Plakat neben anderen Bekanntmachungen. Es verkündet: Shahpoor Surkhabi hat die Gesellenprüfung zum Orthopädiemechaniker erfolgreich bestanden und startet nun richtig durch. Auf dem zugehörigen Bild posiert der 25-Jährige lächelnd mit seinem Gesellenstück: Für einen Jungen, der eine Bewegungsstörung aufgrund einer frühkindlichen Schädigung des Gehirns erlitten hat, fertigte Shahpoor eine Carbon-Feder-Orthese. Das sei „handwerklich eine sehr ordentliche Leistung“, lobt sein Ausbildungsleiter Roland Malich. Die Schienen helfen dem Achtjährigen künftig beim Laufen. Die Familie kommt ursprünglich auch aus Afghanistan, sodass Shahpoor den Eltern alles in ihrer Muttersprache erklären konnte.

Damit er nun anderen durch sein handwerkliches Geschick helfen kann, musste zuerst ihm geholfen werden. Shahpoor kommt im Sommer 2014 nach Deutschland. Ein Jahr zuvor beginnt seine Flucht-Odyssee: Mit seinem älteren Bruder macht er sich auf in eine bessere Zukunft, denn die jungen Männer haben Angst, sonst im Krieg zu sterben. Der Weg ist beschwerlich, noch dazu hat der damals 18-Jährige ein Handicap: Seit er als Vierjähriger einen Taliban-Anschlag knapp überlebt hat, hat er Probleme mit den Beinen. Nach einem Dutzend Operationen kann er meist nur mit Gehstützen laufen. So trägt sein Bruder Shahpoor bei der Flucht auch auf dem Rücken.

Ihr Weg führt die Geschwister über den Iran in die Türkei. Sein Bruder beschließt, dortzubleiben. Allein und mit dem restlichen Ersparten gelangt Shahpoor schließlich nach Deutschland und landet in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Durch diese Zeit hilft ihm seine Leidenschaft: Rollstuhlbasketball. Er spielt bei den Mainhattan Skywheelers in Frankfurt. „Wir spielen in der Ersten Bundesliga“, sagt Shahpoor stolz, der zweimal die Woche trainiert.

Über den Sport lernt er die Menschen kennen, die ihm nicht nur als zweite Familie ein Zuhause schenken, sondern ihm auch den Anstoß für seinen Beruf gegeben haben: Die Familie Cora aus Roßdorf nimmt ihn auf. Sie sind Klienten bei Optimus und Neuron und fragen im Mai 2016 nach einem Praktikum für Shahpoor. Das läuft so gut, dass er nach einem Qualifizierungsjahr – er floh, bevor er den Schulabschluss machen konnte – dort am 1. August 2017 seine Ausbildung beginnt.

„Er war einfach der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, lobt Geschäftsführer Benedikt Preisler. Alle im Team hätten den jungen Mann stets unterstützt. Trotzdem sei es zu Anfang nicht leicht gewesen. Die größte Hürde war die Sprache. „Die Firma war für ihn schon eine bekannte Umgebung, die ihm Sicherheit gab“, erinnert sich Ausbildungsleiter Malich. Aber in der Berufsschule war alles neu und ungewohnt. Oft hat er mit Malich und seiner Gastfamilie gesprochen, weil er haderte. „Er war verunsichert. Shahpoor ist aber auch sehr perfektionistisch veranlagt“, sagt Malich mit lächelnden Seitenblick auf seinen Schützling. „Dabei hatten wir nicht den Anspruch, dass er Einser-Schüler wird. Wichtig ist, dass er seinen eigenen Weg geht und besteht.“

Das hat Shahpoor und er hat langen Atem bewiesen. „Trotz der Tiefs und sprachlichen und kulturellen Unterschiede hat seine Motivation nie nachgelassen“, lobt Preisler. Sein Gesundheitszustand hat sich auch gebessert. „Ich habe manchmal noch Schmerzen, aber ich habe einen Stuhl an der Werkbank, falls ich mich setzen muss“, sagt der junge Mann in tadellosem Deutsch. Er kann seine von der Krankenkasse genehmigten Orthesen selbst fertigen. Aus Erfahrung weiß er, wie wichtig es ist, dass die medizinischen Hilfsmittel optimal sitzen. „Ich gebe mir genauso viel Mühe für andere Menschen wie für mich, ich gebe immer alles“, betont der 25-Jährige. Das weiß sein Chef: „Shahpoor arbeitet, bis alles 100 Prozent passt!“

So engagiert geht er auch seine Zukunft an. „Ich will auf jeden Fall so viel wie möglich weiterlernen und noch besser werden“, sagt er. Er hat nun einen unbefristeten Arbeitsvertrag beim Egelsbacher Unternehmen und, so hofft er, bald auch eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Später würde er gerne noch auf die Meisterschule gehen. „Die Firma hat mir so viel gegeben, alle Kollegen sind Familie und Freunde“, sagt Shahpoor gerührt. Neulich hat ihn sein Ausbildungsleiter Malich mit zum Rudertraining nach Offenbach genommen. Der Bundestrainer für die Para-Ruderer sucht noch Verstärkung. „Das hat mir viel Spaß gemacht“, sagt Shahpoor. Um diesen Weg zu verfolgen, ist aber zeitintensives Training nötig. Doch wenn er damit weitermachen will, da ist sich auch sein Mentor sicher, schafft er auch das, denn er gibt eben immer 100 Prozent.Von Julia Radgen

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