Bewohner der Altenwohnanlage

„Wir fühlen uns abgeschoben“

Egelsbach - Wochenlang haben die Bewohner der kommunalen Altenwohnanlage in der Dresdner Straße geschwiegen, doch jetzt äußern sie sich umso deutlicher: Dass sie Flüchtlingen Platz machen müssen, empfinden sie als große Enttäuschung. Von Markus Schaible 

Von der Gemeinde fühlen sie sich im Stich gelassen. Mitte Dezember hatte Bürgermeister Jürgen Sieling den Plan der Gemeinde, die marode Altenwohnanlage an die Christliche Flüchtlingshilfe Egelsbach-Erzhausen (CFEE) zu verpachten und für die verbliebenen Bewohner Atternativwohnungen zu suchen, publik gemacht. Die Gemeindevertretung schuf direkt danach (einstimmig) vollendete Tatsachen. Dass die Wohnungssuche für die Senioren nicht einfach ist, wurde spätestens Mitte Januar klar, als der Gemeindevorstand die Bevölkerung um Unterstützung bat.

Doch es ist weniger die Ungewissheit, wo sie unterkommen werden, die die neun langjährigen Bewohner (zwischen 75 und 90 Jahre alt) belastet. Vielmehr wollen sie eigentlich gar nicht mehr umziehen. Das machen sie jetzt in einem über die Bürgerhilfe (die ebenfalls in der Wohnanlage ihre Räume hat) veröffentlichten Schreiben klar. „Die Wohnungen haben wir mit Hilfe unserer Angehörigen oder Freunde für ein gemütliches und altengerechtes Wohnen eingerichtet – in der Hoffnung, hier unseren Lebensabend zu verbringen“, heißt es darin. „Wir alle haben unbefristete Mietverträge und wir wollen in unseren Wohnungen bleiben.“

Hoffnung auf geruhsamen Lebensabend beraubt

Kurz vor Weihnachten seien sie jedoch ihrer Hoffnung auf einen geruhsamen Lebensabend „beraubt“ worden. Da die CFEE das Gebäude erweitern und sanieren wolle, um es als Flüchtlingsunterkunft zu nutzen, müssten sie alle „so schnell wie möglich“ ausziehen. „Dies war für uns alle ein schockierendes Weihnachtsgeschenk, das uns bis heute Schlaflosigkeit und Magenschmerzen bereitet“, heißt es in eindeutigen Worten in dem Brief. Und den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung teilen sie mit: „Wir fühlen uns abgeschoben.“

Warum sie nicht ausziehen wollen, können die Senioren auch begründen: „Durch die langjährige Gemeinschaft in diesem Hause helfen wir uns gegenseitig. Auch die Bürgerhilfe, die hier seit 16 Jahren ihr Büro hat, steht uns jederzeit hilfreich zur Verfügung.“

Ihre Zukunft dagegen sei geprägt von Fragen wie: „Wie soll das in Zukunft sein, wenn wir alle irgendwo verstreut in Egelsbach untergebracht werden? Kommt dann jemand vom Gemeindevorstand, der Bürgermeister oder die Flüchtlingshilfe und leistet uns Unterstützung? Wer bezahlt die teureren Mieten für die neuen Wohnungen?“

Deutlich machen sie, dass sie nicht gegen die Aufnahme von Flüchtlingen in der Gemeinde sind. Aber: „Wo bleibt die Solidarität uns hochbetagten deutschen Senioren gegenüber? Darf man mit uns so umgehen?“

Einige von ihnen seien selbst nach dem Krieg als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. „Wir alle haben schwierige Zeiten erlebt, aber wir sind die Generation, die durch Arbeit die Grundlagen für die heutige Gesellschaft geschaffen hat. Alle haben nur eine kleine Rente, deshalb haben wir diese Wohnungen bekommen. Aber jetzt stehen wir vor einer unsicheren Zukunft.“

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Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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