Als Egelsbach das Bier bestreikte

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Am 20. Juni 1903 eröffnete Georg Anton Sommer das Gasthaus „Zum Feldschlösschen“ in der Feldstraße 87 (heute Rheinstraße 60).

Egelsbach - „Die kleine Kneipe in unserer Straße“ gehört der Vergangenheit an – die Egelsbacher Gastronomielandschaft wird immer lichter. Das ist eine der zentralen Aussagen, in die die Recherchen des Geschichtsvereins für den 25. Band der Egelsbacher Notizen zur Ortsgeschichte mündeten. Von Holger Borchard

Knapp 70 Seiten stark ist das Heftchen, das die Hobbyhistoriker rechtzeitig zum Adventsmarkt herausbringen und am Wochenende für fünf Euro im Arresthaus verkaufen. Die ersten Seiten widmen sich der Gründungslegende der Gemeinde, im Mittelpunkt freilich stehen gut 150 Jahre Lokalgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes: Egelsbacher Gastwirtschaften von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.

Die Spuren von exakt 48 Lokalitäten der Vergangenheit und Neuzeit skizziert das Autorenteam in Wort und Bild sowie anhand von Annoncen in der Heimatzeitung „Egelsbacher Nachrichten“. Die Heimatforscher spannen den Bogen von klangvollen „Höfen“ wie Egelsbacher, Darmstädter oder Hessischer Hof bis hin zum Erzhäuser Hof. Legt man dessen „Erlaubnis zum Betrieb der Zapfwirtschaft“ des Großherzoglichen Kreisamts Offenbach vom 5. April 1873 zugrunde, ist er 2013 stolze 140 Jahre in Familienbesitz. Auch „Krone“, „Sonne“ „Bayerseiche“ und „Feldschlösschen“ haben ihre Plätze in der Aufstellung, die ohne Anspruch auf Vollständigkeit bis hin zu Cafés, Bistros und Pizzerien des Jahres 2012 reicht.

Ganze Stolz der Egelsbacher Arbeiterschaft

Nicht fehlen darf selbstverständlich das Eigenheim: Im Juni 1926 wurde der ganze Stolz der Egelsbacher Arbeiterschaft eröffnet. Dem ersten Pächter Alfred Böcher folgten etliche weitere; die Hobbyhistoriker führen sie alle auf. Die Liste endet mit dem Satz „Die Gastwirtschaft wurde 2011 geschlossen“ – die große Frage indes bleibt unausgesprochen: Wie geht’s mit dem Eigenheim weiter?

Am Wochenende im Arresthaus für fünf Euro zu haben: Band 25 der Egelsbacher Notizen zur Ortsgeschichte.

Dass Gasthäuser ein Spiegelbild der im Ort lebenden Menschen waren und sind, dürfte niemand bestreiten. Als Versammlungs- und Feierstätten waren sie gefragt, die Stammtische in vielen Lokalen waren geradezu „heilige“ Einrichtungen. Und wenn der gemeine Egelsbacher von heute auf morgen für sein Bier tiefer in die Tasche greifen sollte, dann stellte er sich schon mal auf die Hinterbeine.

Nichts belegt das augenzwinkernd-treffender als der „Bierstreik“ aus einer Zeit, die aus heutiger Sicht geradezu paradiesisch klingt: Als 18 örtliche Gastwirte im Februar 1908 in den „Egelsbacher Nachrichten“ annoncierten, die „allgemein wirtschaftlich ungünstige Lage“ zwinge sie zur Erhöhung des Bierpreises – 0,3 Liter auf zehn, beziehungsweise 0,4 Liter auf 12 Pfennige –, traten die Egelsbacher kurzerhand in den Bierstreik. Sie verschmähten den Gerstensaft, tranken stattdessen eine ganze Zeit nur Apfelwein – und hatten den längeren Atem: Zähneknirschend verschoben die Gastwirte die avisierte Preiserhöhung.

Viele Häuser aus dem Ortsbild verschwunden

Viele der genannten Häuser sind heute aus dem Ortsbild verschwunden. Nicht nur deshalb schlägt das Autoren-Quintett Edgar Weber, Heinz Kühn, Alfred Thomin, Reinhold Kaiser und Otto Schumann nachdenkliche Töne an: „Als 18 Wirte 1908 ihre Annonce aufgaben, zählte Egelsbach gerade mal 2 500 Einwohner. Heute sind es 11.000, aber die Zahl der Gastwirtschaften im Ortskern mit regelmäßigen Öffnungszeiten ist auf zehn gesunken.“ Ins Bild passt folgende Zahl des Statistischen Landesamts: Hessenweit schlossen allein im Jahr 2011 acht Prozent aller bestehenden Gastwirtschaften ihre Pforten.

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