Wohnraum-Offensive

Millionendeal: Gemeinde will Hochhaus am Schumacher-Ring

Die Gemeinde hat Interesse, das Hochhaus Kurt-Schumacher-Ring 20-22 in ihren Besitz zu bringen.
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Die Gemeinde hat Interesse, das Hochhaus Kurt-Schumacher-Ring 20-22 in ihren Besitz zu bringen.

Unmittelbar vor den Festtagen haben die 31 Mitglieder der Egelsbacher Gemeindevertretung am gestrigen Freitag noch mal Post aus dem Rathaus erhalten.

Egelsbach – Zu lesen gab’s nicht etwa obligatorische Weihnachtsgrüße, sondern die Grundidee zu einem millionenschweren Immobilien-Handel in Bayerseich. Dieser könnte aus Sicht des Gemeindevorstands um Bürgermeister Tobias Wilbrand eine stimmige Antwort auf die Nachfrage nach sozial gefördertem Wohnraum liefern.

Konkret in den Blickpunkt gerückt ist das Hochhaus am Kurt-Schumacher-Ring 20-22. Die Gemeinde möchte es einschließlich 35 Tiefgaragenstellplätzen dem derzeitigen Eigentümer abkaufen. Die Immobilie gehört seit Anfang Herbst ebenso zum Portfolio der Mannheimer Alpha Real Estate Group wie das Parkdeck in Bayerseich und die Wohnhäuser Erich-Kästner-Straße 2-4. Mit Alpha Real Estate habe es bereits Sondierungsgespräche gegeben, erfahren die Gemeindevertreter. Das Unternehmen zeige sich durchaus verkaufsbereit, sofern der Preis stimme. Welche Preisvorstellungen pro Quadratmeter Wohnfläche beide Seiten bislang in den Verhandlungen aufgerufen haben, bleibt deren Geheimnis. Da es unterm Strich um 5 600 Quadratmeter Wohnfläche geht, darf man aber getrost davon ausgehen, dass ein Paket im Wert von vorneweg elf Millionen Euro geschnürt wird.

Anfang aller Dinge ist freilich der Grundsatzbeschluss der Gemeindevertretung, das Immobiliengeschäft am Kurt-Schumacher-Ring 20-22 wie vom Gemeindevorstand empfohlen anzugehen. Die Vorlage wird in der ersten Sitzungsrunde des neuen Jahres diskutiert, die Entscheidung fällt in der Gemeindevertretersitzung am 6. Februar. Gibt es grünes Licht, werden weitere vorbereitende Schritte folgen.

So muss einerseits das finanzielle Gerüst erstellt werden – eine Investition in der genannten Größenordnung kann die Gemeinde nur auf Pump finanzieren. Andererseits will die Gemeinde nicht die Katze im Sack kaufen – was nichts anderes heißt, als dass ein Vertragsabschluss nur über ein Gutachten führt. Ein Experte soll das Hochhaus auf Herz und Nieren prüfen, im Hinblick auf Bausubstanz, potenziellen Sanierungsbedarf, laufende Kosten und regelmäßige Einnahmen.

Die Vorlage des Gemeindevorstands kalkuliert für Letzteres ein Budget von circa 15 000 Euro ein, das die Gemeindevertreter mit dem Februar-Beschluss freigeben würden. Parallel sollen sodann die Fühler nach Fördertöpfen für den Ankauf beziehungsweise die Sanierung der Immobilie ausgestreckt werden. Sofern es an dieser Front etwas abzugreifen gibt, werden entsprechend aufbereitete Unterlagen zusammen mit dem Gebäudegutachten den Parlamentariern zur Mai-Sitzungsrunde vorgelegt. Der 20. Mai soll laut vorgeschlagenem Fahrplan der alles entscheidende Tag sein, an dem die Gemeindevertretung Ja oder Nein sagt zum Ankauf der Immobilie Kurt-Schumacher-Ring 20-22.

Warum das Ganze? Es geht um den sozialen Wohnungsbau und die Pflicht der Gemeinde, entsprechende Wohnungen vorzuhalten. Die Gemeinde verfügt aktuell über 189 Belegungsrechte, von denen jedoch bis 2023 zwei Drittel – exakt 125 – aus dieser sogenannten sozialen Bindung herausfallen. Der jeweilige Eigentümer kann dann frei über diese Wohnungen verfügen – während die Gemeinde in der Pflicht steht, ihre Quote zu halten, beziehungsweise diese sogar noch erhöhen muss. Exakt 79 der auslaufenden 125 Rechte liegen auf der Immobilie im Kurt-Schumacher-Ring 20-22.

„Ja, die Gemeinde hat ein vitales Interesse daran, die Liegenschaft Kurt-Schumacher-Ring 20-22 zu kaufen – und wir haben mit dem Eigentümer auch schon einen Kaufpreis vereinbart“, bestätigt Bürgermeister Tobias Wilbrand auf Nachfrage, ohne jedoch Zahlen zu nennen. „Die Vorlage des Gemeindevorstands setzt einen Beschluss der Gemeindevertretung um, demzufolge die Gemeinde aktiv in den sozialen Wohnungsbau einsteigen soll“, erinnert er. „Ebenso gilt der Auftrag, eine Wohnungsbaugesellschaft zu gründen – was ebenfalls Teil des Bayerseich-Geschäfts wäre.“

Die prinzipielle Abwägung von Kosten, Nutzen und Risiken kommentiert Wilbrand wie folgt: „Jedem muss klar sein: Sozialen Wohnungsbau mit Gewinn wird es nicht geben. Er kostet immer Geld.“ Die Übernahme des Altbestands stelle zu einem gewissen Grad ein Risiko dar – „wir wissen nicht, wie bald und wie viel Geld in diese Immobilie reingesteckt werden muss“. Aber: „Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit kostet jegliche Neubauvariante noch viel mehr; aktuell werden da Preise zwischen 3 500 und 4 000 Euro je Quadratmeter aufgerufen.“ Grundsätzlich obliege es nun der Gemeindevertretung, zu bestimmen: „Ist ihr der soziale Wohnungsbau Investitionen wert? Und wenn ja, in welcher Größenordnung?“

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