Tortur

Krach im Minutentakt: Fluglärm nimmt zu - Anwohner sauer

Viele Egelsbacher leiden gerade unter mehr Fluglärm, vor allem in Bayerseich. Mehr einmotorige Maschinen und Hubschauer als sonst fliegen über den Ort hinweg. Das liegt auch an der geänderten Flugroute „Amtix kurz“.
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Viele Egelsbacher leiden gerade unter mehr Fluglärm, vor allem in Bayerseich. Mehr einmotorige Maschinen und Hubschauer als sonst fliegen über den Ort hinweg. Das liegt auch an der geänderten Flugroute „Amtix kurz“.

In Egelsbach nimmt die Belastung durch Fluglärm immens zu. Anwohner sprechen von einer unerträglichen Tortur. Auch im Rathaus ist das bekannt, aber die Gemeinde hat nur begrenzt Einfluss.

Egelsbach – Neulich war Gerhard Walter mal wieder im Koberstädter Wald joggen, aber Spaß hat es ihm nicht gemacht. Schuld sei der „unerträgliche Fluglärm“, der seit Wochen „mehr und mehr zur Tortur“ werde und die Lebensqualität in Egelsbach „auf nahezu Null sinken“ lasse, wie der Egelsbacher in einem Schreiben an die Redaktion formuliert. Am Samstag vor zwei Wochen hatte Walter nach eigenen Angaben „Hunderte von lärmenden Kleinflugzeugen“ gezählt, die „im Minutentakt bis tief in die Nacht“ die Egelsbacher Bürger „in unverschämter Weise vollgelärmt und zugemüllt“ hätten.

Walter ist stinksauer. „Mit welchem Recht dürfen diese lärmenden Dreckschleudern den Bewohnern von Egelsbach die Lebensqualität nehmen?“, fragt er. Und was werde wohl erst auf das Klammernschnitzerdorf zukommen, wenn die Corona-Pandemie irgendwann überwunden ist? „Was wird sein, wenn sich Millionen von Flugreisenden nach einem Gefühl des Eingesperrtseins wieder auf den Weg machen?“, fragt Walter. „Werden wir dann nur noch mit Ohrenschützern das Haus verlassen, um eine Runde Joggen zu können? Oder bleibt uns Egelsbacherinnen und Egelsbachern tatsächlich nur noch der Wegzug?“

Blick in die Statistik: Mehr einmotorige Maschinen am Himmel über Egelsbach

Auch bei Bürgermeister Tobias Wilbrand (Grüne) landet das Thema regelmäßig auf dem Schreibtisch. „Im Moment kriege ich ständig Rückmeldungen dazu“, berichtet der Rathauschef, der sich daher einmal durch die Zahlen gewühlt hat. Beim Blick in die Statistik könne man zunächst vermuten, dass Beschwerden über eine Zunahme an Fluglärm unbegründet seien, sagt der Bürgermeister: Der Flugplatz Egelsbach habe 2020 im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung der Flugbewegungen von weniger als einem Prozent registriert.

Bei großen Maschinen über 5,7 Tonnen habe die Zahl der Flugbewegungen im zurückliegenden Jahr sogar deutlich abgenommen – um mehr als ein Viertel. Dies sei wohl vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Geschäftsfliegerei durch die Pandemie große Einbußen zu verzeichnen habe. Bei der sogenannten „Foxtrott-Klasse“ – einmotorige Maschinen zwischen zwei und 5,7 Tonnen – habe es hingegen einen deutlichen Anstieg gegeben, um mehr als 50 Prozent. Auch bei den Hubschraubern sei ein Anstieg von knapp über zehn Prozent zu verzeichnen.

Insgesamt habe es in der zweiten Jahreshälfte tatsächlich deutlich mehr Flugbewegungen über Egelsbach gegeben, so Wilbrand. „Berücksichtigt man die Tatsache, dass im ersten Lockdown im März und April kaum Flüge stattgefunden haben, so ist eine Steigerung von knapp einem Prozent ein sicheres Indiz für deutlich mehr Flugbewegungen in den Folgemonaten.“ Das belegt auch die Statistik: Seit Mai habe es bereits fünf Monate gegeben, in denen mehr als 8 000 Flugbewegungen pro Monat gezählt wurden. Und zwischen Mai und September seien die Flugbewegungen um bis zu fast 30 Prozent im Vergleich zum gleichen Monat des Vorjahres gestiegen. Seit Oktober hätten sich die Zahlen allerdings wieder auf dem Vorjahresniveau eingependelt.

Egelsbacher Bürgermeister vermutet drei Gründe für gestiegenen Fluglärm

Der Bürgermeister vermutet drei Gründe für die Veränderungen: „Zum Ersten müssen Piloten eine gewisse Anzahl an Flugstunden nachweisen, um ihre Lizenzen zu erhalten. Hier hat es im Sommer sicher einen gewissen Nachholeffekt gegeben.“ Zweitens hätten viele Menschen durch Homeoffice und Kurzarbeit mehr Zeit für derartige Freizeitaktivitäten und aufgrund der Einschränkungen auch „ein größeres Bedürfnis nach Freiheit und Unbeschwertheit. Dieses Gefühl verbinden einige Menschen wohl mit dem Fliegen.“ Drittens habe wohl auch die Tatsache, dass Urlaub und Ausflüge zurzeit nur schwer möglich sind, dazu geführt, dass der eine oder andere das Fliegen als Alternative für sich entdeckt habe.

Ein weiterer wesentlicher Faktor ist jedoch die geänderte Abflugroute „Amtix kurz“ des Frankfurter Flughafens, die für Flugzeuge gilt, die von der Startbahn West Richtung Südosten starten. Zusammen mit Erzhausen und Messel hatte sich die Gemeinde gegen die Verschiebung der Route nach Norden ausgesprochen und dabei auch die bereits hohe Belastung durch den Flugplatz Egelsbach angeführt. Doch laut Wilbrand habe sich die zuständige Fluglärmkommission dennoch für die Verlegung ausgesprochen. „Wir haben uns lange dagegen gewehrt, aber man wollte auf unsere Anregungen nicht hören.“ Seit November läuft der Probebetrieb von „Amtix kurz“.

Anstieg des Fluglärms in Egelsbach: Auch „Amtix kurz“ spielt eine Rolle

„Angeblich sollte Egelsbach nur gering betroffen sein“, berichtet Wilbrand. „Das sehen die Bayerseicher anders.“ Im südlichen Ortsteil gebe es nun eine „hohe Belastung durch Fluglärm“, weiß Wilbrand. „Es ist zu befürchten, dass bei einer Rückkehr zum Normalbetrieb am Rhein-Main-Flughafen diese Belastung noch weiter steigen wird.“ Der Rathauschef kündigt an, Erzhausen beim juristischen Kampf gegen die endgültige Verlegung von „Amtix kurz“ zu unterstützen.

Insgesamt sind der Gemeinde beim Thema Fluglärm jedoch weitestgehend die Hände gebunden. Am Flugplatz könne man nur bedingt Einfluss nehmen, solange die vertraglich festgelegte Obergrenze von 100 000 Flugbewegungen pro Jahr nicht überschritten werde, so Wilbrand. In den letzten Jahren habe es stets um die 75 000 Bewegungen gegeben.

Dennoch will sich Wilbrand dafür einsetzen, dass die Lärmbelastung im Rahmen bleibt: „Ich halte es für bedenklich, dass die Freizeitaktivitäten einiger weniger zur Belastung von Gesundheit und Wohlergehen werden.“ Der Bürgermeister fordert, die Lärmimmission bei den Landegebühren stärker zu berücksichtigen. Auch sollten die Flugschulen bei der Ausbildung stärker auf Simulatoren setzen. Seine Anregungen hat Wilbrand Ende des vergangenen Jahres in einer virtuellen Runde mit Regierungspräsidium, Flugplatzleitung und -eigentürmern vorgetragen. Konkrete Änderungen seien aber noch nicht beschlossen worden. (Von Manuel Schubert)

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