Denis Obst ringt körperlich wie beruflich um altes Leben

Ins Koma getreten: Neustart nach brutaler Attacke

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Während ich neu laufen lernen musste, sagte mir meine Lebensgefährtin, dass sie für all das keine Kraft mehr habe. Denis Obst Langer, harter Weg zurück zur Normalität: Nach der brutalen Attacke kämpft der Egelsbacher Denis Obst (35) um seine Gesundheit und die berufliche Existenz.

Langen/Egelsbach – Der Überfall vor anderthalb Jahren, bei dem Denis Obst von brutalen Schlägern ins Koma geprügelt wurde, sorgte für Schlagzeilen. Im Dezember sind die Täter aus der Untersuchungshaft entlassen worden und vor Gericht mit Bewährungsstrafen davongekommen. Denis Obst muss mit den Folgen der Tat leben. Von Nicole Jost

Er will einen Streit schlichten und wird selbst zum Opfer: Ein Albtraum, der für den Egelsbacher Realität wurde. Denis Obst ist am späten Abend des 15. Juni 2017 mit Freunden auf dem Weg nach Hause, als die Gruppe unweit der Langener Stadthalle auf sieben junge Männer stößt, die die Frauen in Obsts Gruppe anpöbeln. Beherzt geht Obst dazwischen, will den Konflikt abwenden – und wird brutal niedergeschlagen, mehrfach gegen den Kopf getreten und lebensgefährlich verletzt.

Das Landgericht Darmstadt beschäftigt sich viele Verhandlungstage mit dem Fall. Für die sieben Angeklagten endet die Geschichte Mitte Dezember 2018 mit Bewährungsstrafen. Sie verlassen wegen gemeinsamer gefährlicher Körperverletzung vorbestraft, aber als freie Männer das Gerichtsgebäude.

Für den 35-jährigen Denis Obst ist seit diesem Abend nichts mehr, wie es war. Vier Wochen lang kämpft er um sein Leben, liegt im Koma, überlebt eine stundenlange Hirn-OP mit geöffneter Schädeldecke, bei der Blutungen am Frontallappen, im Mittelhirn und im hinteren Hirn gestillt werden müssen. „Danach musste ich alles neu lernen“, schildert er. Eine Erinnerung an den Tatabend hat er nicht, die ersten Wochen im Krankenhaus fehlen ihm ebenfalls im Gedächtnis. „Das Erste, an das ich mich erinnere, ist das schlimme Gefühl, nachdem ich wach bin und merke, dass ich mich hüftabwärts nicht mehr bewegen kann.“

Es folgen zwei mehrwöchige Aufenthalte in Rehakliniken. Obst will ehrgeizig zu alter Kraft zurück. Doch der Weg ist weit: Aus dem 1,93 Meter großen, sportlichen 75-Kilo-Mann ist nach dem langen Liegen eine hagere 60-Kilo-Person mit minimaler Muskelmasse geworden. „Ich wollte schnell und viel und hatte mir vorgenommen, beim Training in der Reha alles zu geben. Aber weil ich während der Koma-Phase zwei epileptische Anfälle hatte und zweimal lebensbedrohlich hohen Blutdruck, haben die Ärzte mich sehr ausgebremst und vor neuerlicher Epilepsie gewarnt“, erzählt Denis Obst von den schwierigen Wochen.

Ein Verbrechen wie dieses ist wohl für jeden Menschen ein Trauma – neben den Sorgen um die Gesundheit treten bei Obst die Sorgen um seine berufliche Existenz dazu. Der Mittdreißiger mit den bleibenden Narben am Kopf ist zum Tatzeitpunkt seit 13 Jahren als selbstständiger Hausmeister tätig. Ein halbes Jahr zuvor hat er in Egelsbach ein Haus gekauft, in dem auch seine Firma untergebracht ist. Doch an volle Arbeitsleistung ist auch eineinhalb Jahre nach dem brutalen Überfall nicht zu denken: „Ich habe wieder angefangen, aber meine körperlichen Kräfte verlassen mich recht schnell“, sagt Obst. „Über viele Jahre waren Zwölf-Stunden-Tage die Regel – jetzt merke ich, dass ich nach vier Stunden einfach nicht mehr leistungsfähig bin.“

Folglich läuft die Firma nur äußerst eingeschränkt. Etwa 100.000 Euro habe er mittlerweile an Umsatzeinbuße zu Buche stehen, schätzt Obst. Seinem Mitarbeiter musste er nach dem Verlassen des Krankenhauses kündigen. Monatlichen Belastungen von rund 2500 Euro stehen aktuell nur etwa 2000 Euro Verdienst gegenüber. Die ersten Rechnungen konnte er glücklicherweise dank einer Unfallversicherung bezahlen, aber dieses Polster wird demnächst aufgezehrt sein. „Meine größte Angst ist, dass mir alles um die Ohren fliegt und ich das Darlehen für mein Haus nicht mehr bezahlen kann“, fasst Obst seine Sorge in Worte. Seine Lebensgefährtin habe ihn verlassen: „Während ich neu laufen lernen musste, sagte sie mir, dass sie für all das keine Kraft mehr habe“, sagt er und zuckt resigniert mit den Schultern.

In Gewaltkonflikten richtig verhalten

Dazu ist Obsts Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert. Er hat sich erhofft, während der Verhandlung genau zu erfahren, was an jenem Abend passiert ist. Stattdessen sagen die Täter aus, dass sie ihm nur einmal gegen den Kopf getreten hätten – angesichts der Schwere der Verletzungen faktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Obendrein habe er im Verfahren einige unfassbare Einlassungen wegstecken müssen: „Die Gerichtsmedizinerin sagte aus, dass sie am Tag vier, als sie bei mir im Krankenhaus war, keine Fußabdrücke mehr auf meinem Kopf gefunden habe. Klar, da war ich ja auch schon operiert. Und der Verteidiger der Täter sprach mich direkt an, dass meine Verletzungen ja nicht so schlimm gewesen sein könnten, wenn ich nun auf eigenen Füßen in den Gerichtssaal laufe. Das habe ich schon als Beleidigung und Hohn empfunden.“ Seitens der Täter habe es „den Versuch einer Entschuldigung“ gegeben.

„Mein großes Ziel ist es, als selbstständiger Hausmeister wieder voll einsatzfähig zu sein und meine Firma wieder Stück für Stück erfolgreich aufzubauen“, sagt Obst, während er seinen weißen Hemdkragen richtet.

Ganz zu Ende ist das Kapitel der brutalen Tat nicht, der Zivilprozess mit der Forderung nach Schmerzensgeld steht aus. Noch im Januar könnten die Verhandlungen beginnen. Denis Obst hofft auf finanzielle Hilfe.

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