Medikamente statt psychiatrische Klinik

40-jähriger Egelsbacher entblößt sich auf Kinderspielplatz 

Ein 40-jähriger Egelsbacher entblößte sich auf einem Kinderspielplatz. (Symbolbild)
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Ein 40-jähriger Egelsbacher entblößte sich auf einem Kinderspielplatz. (Symbolbild)

Straftat im Kreis Offenbach: Neben einem Spielplatz in Egelsbach soll sich ein Mann entblößt haben.

Egelsbach - Das Landgericht in Darmstadt musste sich mit einem Fall von paranoider Schizophrenie in Egelsbach im Kreis Offenbach beschäftigen. 

Dieses Mal geht es um einen 40-jährigen Egelsbacher. Er soll am 9. April vergangenen Jahres neben einem Spielplatz an der Georg-Wehsarg-Straße in darstellerischer Weise onaniert haben. Zweieinhalb Monate später versuchte er am S-Bahnhof erfolglos, einer Frau die Tasche zu entreißen. In beiden Fällen hält sich der Egelsbacher für völlig unschuldig. Schuldunfähig ist er tatsächlich. Die Vorsitzende Richterin Ingrid Schroff ordnete wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und versuchtem Raub die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an – auf Bewährung, aber mit hohen Auflagen.

Depotspritzen, Drogenscreenings, ambulante Therapie und die fortgesetzte Aufsicht durch einen Betreuer sollen dafür sorgen, dass der Beschuldigte keine Gefahr mehr für seine Umwelt darstellt. 

Zwei psychiatrische Gutachter befürworten die Aussetzung der stationären Unterbringung, in der der Patient seit dem 6. Juni 2019 weilt: „Die Medikamente sorgen dafür, dass aggressive Schübe nicht mehr zu erwarten sind“, so ihr Tenor. Die Bewährungszeit beträgt vier Jahre. Staatsanwalt Alessandro Di Maria und Verteidiger Andreas Mainczyk verzichteten nach dem Urteil auf ein mögliches Veto. Damit ist der Richterspruch rechtskräftig.

Egelsbach: 40-Jähriger soll neben Spielplatz onaniert haben 

Der Deutsch-Jamaikaner äußert sich umfangreich zu seinen Entgleisungen und seinem Lebenslauf. Seine Formulierungen hören sich zunächst schlüssig und klar an, doch je länger er redet, desto unstimmiger wird das Gesamtbild. 

Zum Spielplatz hat er eine einfache Erklärung: „Ich hatte zu viel getrunken, musste mich dringend erleichtern. Da hab ich mich in die Büsche gestellt, aber dauernd kam jemand vorbei, dass ich gar nicht dazu kam.“ 

Egelsbach: An Spielplatz onaniert - die Beobachtungen der Zeugen klingen anders

Die Beobachtungen von Zeugen hören sich etwas anders an. Der 40-Jährige habe sich in einen Busch gezielt in Richtung Spielplatz postiert. Sein Glied sei erigiert gewesen und er habe daran gespielt. Vier Kinder sollen den Mann gesehen haben. Ein Passant spricht ihn laut an, ein Taxifahrer ruft die Polizei. Die Richterin hält ihm aus dem Protokoll vor: „Sie haben den Beamten erklärt, dass Sie ständig onanieren müssten.“ Der Beschuldigte widerspricht, bleibt vehement bei der Pinkel-Version. Auch habe ihn niemand angesprochen oder gar geschrien.

Noch schräger kommt die Erklärung des versuchten Handtaschenraubs daher. „Ich war unterwegs zum Bahnhof. Da hab ich diese Frau gesehen, die ich für eine Bekannte hielt. Ich hab sie angesprochen und ihr auf die Schulter getippt. Da hat sie sofort mit der Tasche nach mir geschlagen und getreten!“ Deshalb habe er den Beutel festgehalten. Die Frau habe zu seinem ehemaligen Freundeskreis gehört, der gegen ihn intrigieren und ihn schlecht machen würde. Er habe sie nur zur Rede stellen wollen. Bei Richterin Schroff steht jedoch etwas ganz anderes in den Akten: „Sie sollen gesagt haben ,Du hast da was in der Tasche, was mir gehört‘.“ Darauf der Angeklagte: „Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe, ich wollte doch nur, dass sie aufhört!“ 

Dann sei er von hinten überwältigt worden, dabei sei sein Klappmesser (Klingenlänge: 21 Zentimeter) aus der Tasche gefallen. „Ich hab das nicht benutzt. Ich hab das zum Selbstschutz immer dabei. In Erzhausen hätt’ ich das nicht gebraucht, aber hier im Dorf sind ja alle gegen mich!“, behauptet der Deutsch-Jamaikaner.

Egelsbach: 40-Jähriger nach Meinung des Gerichts nicht schuldfähig 

Sein Lebenslauf sei alles andere als rosig gewesen. Mit fünf Jahren ist er von einer Langener Familie adoptiert und nach Deutschland gebracht worden. Den Kontakt zur neuen Familie hat er inzwischen abgebrochen, denn die sei für seine zahlreichen Traumatisierungen verantwortlich. Nach der mittleren Reife beginnt er eine Ausbildung zum Koch, bricht aber nach einem Jahr „wegen Rassismus und schlechtem Arbeitsklima“ die Lehre ab. Zeiten von Arbeitslosigkeit und Gelegenheitsjobs wechseln sich ab, x-mal zieht er deswegen um. Aber auch wegen Krachs mit der Hausverwaltung und weil er von Nachbarn und Freunden gemobbt werde. „Ich hab meist die falschen Leute kennengelernt“, so seine Erklärung für das Dilemma. 

Mit 30 sei er endgültig zurück nach Jamaika gegangen, aber Interpol habe ihn zurückgeholt: „Sie wollten Zeugenaussagen von mir gegen die Hells Angels. Aber ich wollte das nicht. Ich hatte ja schon Todesdrohungen bekommen!“

Mobbing und Rassismus hätten ihn psychisch und physisch kaputtgemacht. Ab dem 22. Lebensjahr sei der regelmäßige Konsum von Marihuana dazugekommen. Der soll ja eigentlich eher schläfrig machen, aber der Egelsbacher fällt wiederholt durch aggressive Verhaltensweise auf. Mit Ruhestörung, Exhibitionismus und Gewalt gegen Eingangstüren, hinter denen er Gefahr vermutet. „Er ist uns allen gut bekannt“, ist das Resümee eines Langener Polizisten im Zeugenstand.

Bleibt noch die andere Version des versuchten Handtaschenraubs am 21. Juni 2018. Den hatten drei Frauen und mehrere Männer auf dem Bahnsteig hautnah miterlebt. Die 34-jährige schwangere Besitzerin des begehrten Beutels war mit der S-Bahn auf dem Weg von Darmstadt nach Frankfurt, als das Verkehrsmittel wegen eines Oberleitungsschadens in Egelsbach strandete. „Es dauerte und dauerte, die Ansagen waren spärlich, deshalb entschied ich mich dazu, um 20.45 Uhr ein Taxi zu rufen“, so das Opfer. Weitere Frauen schlossen sich der Idee an. 

Man stieg aus und begegnete auf dem Bahnsteig dem Beschuldigten. „Ich ging Richtung Treppe, da rief jemand hinter mir: ,Warte mal, warte mal, du hast da was in deiner Tasche, was mir gehört‘“, so die Zeugin. Dann habe er nach der Tasche gegriffen. „Ich hielt sie fest, schrie und trat nach ihm, die anderen beiden Frauen halfen mir. Es war wie Tauziehen. Wir schafften es nicht, das Ding von ihm zu lösen. Er stand einfach nur da und hielt sie fest!“ Zwei oder drei Männer seien zu Hilfe geeilt und hätten den Mann am Boden gebracht. Sie selbst sei wieder in die S-Bahn gestiegen und habe die Polizei gerufen.

VON SILKE GELHAUSEN

Auch in Darmstadt hat sich ein 26-jähriger Mann vor einer 16-Jährigen entblößt. Die Jugendliche ruft sofort die Polizei.

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