Ausgrabung

Spektakulärer „Scherbenhaufen“: Hobby-Archäologe findet über 2000 Jahre alte Urne

Rund 2200 Jahre alt ist die Urne, die nun im Egelsbacher Heimatmuseum zu sehen ist.
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Die Urne ist rund 2200 Jahre alt.

Sensationeller Fund in Egelsbach bei Offenbach: Ein Hobby-Archäologe findet eine Urne aus vorchristlicher Zeit. Eine Röntgenaufnahme enthüllt mehr Details.

Egelsbach – Wieder einmal hat Sebastian Karg in einem vermuteten Siedlungsfeld südlich von Egelsbach gegraben. Viele Tage verbringt der Hobby-Archäologe vom Geschichtsverein Egelsbach hier und sichtet immer wieder vorsichtig das ausgehobene Erdreich. Zunächst findet er nur nutzlose Scherben, die wohl als Verfüllmaterial dort gelandet sind. „Noch ein paar Spatenstiche wollte ich machen, als ich auf etwas Metallisches stieß“, schildert Karg eine erste Abwechslung der Grabungsgeschichte.

Nachdem er das rostige Metallstück von der Erde befreit, denkt er sich: „Wieder nichts Berühmtes, wohl ein altes Beil.“ Dennoch dokumentiert er natürlich sowohl den Fund als auch den Fundort und meldet dies dem zuständigen Amt für Bodenfunde im Kreishaus Dietzenbach.

Egelsbach (Kreis Offenbach): Axt entpuppt sich als Beil aus keltischer Zeit

„Mit dieser Behörde stand ich schon seit längerer Zeit in Verbindung, die Grabungen waren genehmigt“, erklärt der Hobby-Archäologe. Die vermeintliche Axt entpuppt sich, nach fachlicher Begutachtung, als Tüllenbeil aus keltischer Zeit. Das geschätzte Alter: rund 2000 bis 2750 Jahre, also aus vorrömischer Eisenzeit. „Ich wollte schon als Kind mal was Sensationelles finden, denn ich war an den Berichten über Ausgrabungen und deren Funde interessiert“, freut sich Karg noch heute über den Fund. Seine Begeisterung für Archäologie wird dadurch noch gesteigert, er ist heute für den Bereich Archäologie im Museum zur Ortsgeschichte Egelsbach verantwortlich.

„Ich wollte nicht bis zu meiner Rente warten, das dauert ja noch eine Weile, und habe mich deshalb schon jetzt in meiner Freizeit aktiv in die Archäologie eingebracht“, beschreibt Sebastian Karg seinen Werdegang zum Hobby-Archäologen. Als er von einer möglichen Siedlung südlich von Egelsbach erfährt – entsprechende Zufallsfunde lassen dies vermuten – wird Karg bei der Unteren Denkmalschutzbehörde, wo auch die Archäologie angegliedert ist, vorstellig. Kreisarchäologin Gesine Weber hat offene Ohren, zusammen mit dem Landesamt in Wiesbaden wird eine Grabungsfläche kartiert. Dort finden dann im vergangenen Jahr gezielte Grabungen statt. In genau abgesteckten Feldern wird Schicht um Schicht abgetragen und die Funde werden dokumentiert.

Egelsbach (Kreis Offenbach): Hobby-Archäologe findet Urne aus vorchristlicher Zeit

Als Karg im Sommer 2020 wieder auf einen „verdächtig angeordneten“ Scherbenhaufen stößt, kontaktiert er sofort die Kreisarchäologin. „Ich glaube, es war Sonntag, dennoch ist sie sofort gekommen“, beschreibt Karg. Der „Scherbenhaufen“ stellt sich bald als von den Ereignissen der Zeit eingedrückte Urne heraus. „Es wurde alles fein säuberlich dokumentiert und immer wieder fotografiert, bevor weitere Erde entfernt wurde“, schildert Karg den langwierigen Prozess. An der FH Frankfurt (University of Applied Sciences) werden die Funde im Labor für Werkstoffkunde auf ihre Zusammensetzung analysiert. Dann stellt sich die Sensation ein: Es handelt sich um eine Graburne, in der noch 657 Gramm Leichenbrand sind, dazu ein Knochenring und eine Glasperle als Beigabe. „Die Toten wurden in unterschiedlichen Zeiten auch unterschiedlich begraben – in dieser Zeit eben verbrannt und die Asche in einer Urne beigesetzt“, erläutert Karg.

Mittels der Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA) wird die Urne auf eine Zeit zwischen 150 und 15 vor Christus datiert – ist also rund 2200 Jahre alt. Das ist der bisher älteste Fund. „Die Urne war mit einer Deckelschale abgedeckt, diese Scherben habe ich selbst gefunden“, berichtet Karg stolz. Die Paläontologie-Spezialisten bestimmen anhand der Asche die Person als eine Frau im Alter von 30 bis 50 Jahren. Mit der Urne wurden noch Knochenreste von Hauswiederkäuern gefunden.

Stolz über den Fund: Sebastian Karg mit der Urne.

Egelsbach (Kreis Offenbach): Gezielt laufende Grabungen seit 2014

Das passt zum Siedlungskontext der seit 2014 gezielt laufenden Grabungen in dieser Region, bei der mehrere Siedlungsstellen des Endneolithikum, der Eisenzeit, entdeckt wurden. Die bisher ältesten Materialienfunde waren ein Steinbeil, welches auf 2800 bis 200 v. Chr. datiert wird, sowie eine durchbohrte Dechselklinge, ebenfalls aus Stein, deren Entstehung der Rössner Kultur (4790 bis 4550 v. Chr.) zugeschrieben wird.

„Es befällt einen ein ehrwürdiges Gefühl, wenn man solch eine Urne in den Händen halten darf“, beschreibt Karg seine Empfindungen. Das Hobby der Archäologie steht im kreativen-förderlichen Kontrast zu seinem Beruf als Informatiker. „Bei den Grabungen an der frischen Luft werden die Gedanken wieder klarer“, scherzt Karg. (Leo F. Postl)

Auch im Mühlloh-Areal in Egelsbach gab es Ausgrabungen.

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