Prozesshansel 

Egelsbacher Rentner und Langener Familie machen sich gegenseitig das Leben zur Hölle

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Abgemagert und vernachlässigt: Das ist eines der letzten Bilder von Carrera, der entführte Wallach ist inzwischen gestorben.

Die Tragödie begann im Frühjahr 2017: Damals verkauft der Besitzer einer Egelsbacher Reitanlage sein Anwesen an eine Langener Familie. Eine Entscheidung, die er bitter bereut. 

Egelsbach/Langen – Sie ist Auftakt eines Kleinkriegs, der Zivilverfahren und nun sogar einen Strafprozess wegen Körperverletzung am Amtsgericht Langen nach sich zieht.

Doch auch dieser ist exemplarisch für die ganze Angelegenheit – am Ende der enorm anstrengenden, viereinhalbstündigen Verhandlung bleibt Richter Christos Anastasiadis nichts anderes übrig, als das Verfahren ohne Auflagen einzustellen. Zu unklar ist die Sachlage, zu verhärtet sind die Fronten zwischen den Handelspartnern.

Um zu verstehen, wie es zu dem Vorwurf kommt, der Egelsbacher Rentner habe den 55-jährigen Käufer mit Pfefferspray attackiert, muss man die Vorgeschichte kennen. 31. Mai 2017: Der allein stehende Diplom-Kaufmann veräußert den Pferdehof an die Unternehmerfamilie. Der Grund: "Ich war in einem miserablen gesundheitlichen Zustand, konnte die 16 Tiere nicht mehr versorgen." Bestandteil des Kaufvertrags ist sein eigenes lebenslanges Wohnrecht auf dem Hof. Bis zur endgültigen Übergabe wird ein Pachtvertrag bis 31. Dezember 2017 geschlossen. 

Tiere wurden nicht mehr versorgt

Die Langener können also den Hof samt Gaststätte und Koppeln sofort übernehmen. "Schon nach vier Wochen stellte sich heraus, dass die Tiere nicht mehr versorgt werden. Dafür war die Tochter zuständig", so der Rentner. Er habe das Thema beim Vater angesprochen, geändert habe sich aber nichts. Die Pensionspferde seien deshalb nach und nach abgeholt worden.

Der Streit ist nun in vollem Gang. Der Verkäufer will den notariell beurkundeten Vertrag rückgängig machen. Er unterstellt eine Nebenabrede (einen Vertrag ergänzende mündliche Abmachung), der Fall geht vors Landgericht – in vier Wochen soll die Verhandlung in zweiter Instanz vor dem Oberlandesgericht stattfinden.

Inzwischen erteilen die Käufer dem Rentner Hausverbot für das Betriebsgelände, lediglich der Weg zu seiner Wohnung bleibt ihm erlaubt. Eine Auflage, die der Richter kritisch sieht: "Es ist doch sehr fraglich, ob man dem Eigentümer und Bewohner so ein Verbot erteilen darf!" Woran sich der ohnehin nicht hält. Am 3. November 2017 sei er in der Gaststätte deswegen vom Käufer angegriffen worden: "Er hat mich von hinten gepackt und zu Boden gerissen, geschlagen und getreten. Ich konnte mich befreien und bin raus gerannt." Auf dem Hof habe es den zweiten Angriff gegeben. "Wieder riss er mich zu Boden, trat mir auf die Hände. Diesmal zog ich mein Pfefferspray und sprühte ihm ins Gesicht!" Richter Anastasiadis verliest den Bericht aus dem Krankenhaus: beidseitige Prellungen der Mittelhand, diverse Abschürfungen. Dennoch sitzt er jetzt auf der Anklagebank.

Sogar Morddrohungen wurden ausgesprochen

Die Version des als Nebenkläger auftretenden Käufers deckt sich damit nur peripher: "Ich habe ihn auf dem Betriebsgelände gesehen und ihm mitgeteilt, dass er Hausverbot hat. Er hat nicht reagiert und sich langsam Richtung Wohnung bewegt. Ich bin nebenher gegangen. Plötzlich zog er das Spray aus der Hosentasche und sprühte mir ins Gesicht! Da hab ich ihn gepackt und versucht, ihm die Dose wegzunehmen."

Doch Zeugen in der Gaststätte haben gesehen, wie der Langener den Rentner zuerst angriff. Der Nebenkläger wähnt sich trotzdem im Recht: "Ich hatte tagelang Schmerzen vom Pfefferspray. Einen Monat vorher hat er schon mal versucht, mir einen Stuhl über den Kopf zu schlagen. Und es gab immer wieder Beleidigungen." Sogar Morddrohungen soll der Verkäufer ausgesprochen haben.

Der wiederum sieht das Böse in seinen Widersachern. "Anfang 2018 haben sie meinen Wallach Carrera und Esel Axel geklaut. Ich habe erst vor Gericht den Aufenthaltsort der Tiere erfahren. Und dass das Pferd tot ist. Das haben sie verhungern lassen!". Dem Richter entgeht nicht, dass dem Angeklagten die Tränen kommen, wenn er über seine Tiere spricht. Ernsthaft fragt er beide Parteien nach ihrer Versöhnungsbereitschaft.

Der Nebenkläger: Ja, er sei dazu bereit. Doch es sei die Masche des Rentners, auf Kosten der Tiere andere zu manipulieren. Der Angeklagte: "Ich bin nicht bereit, ihm die Hand zu geben."

Der Richter kommt ins Stöhnen

Immer wieder schaltet sich der Anwalt des Nebenklägers ein, droht mit Strafantrag, wenn er noch einmal die Worte "Tiere geklaut" höre. Der Richter stöhnt. "Ist es wirklich sinnvoll, sich immer weiter in Prozesse hinein zu steigern?" Natürlich wettert der Anwalt gegen die Einstellung des Verfahrens, hat aber als Vertreter der Nebenklage kein Mitspracherecht. Verteidiger Axel Mönch erklärt sich dagegen sofort einverstanden.

Nicht gerade glaubhafter macht sich die Langener Familie mit einer zweiten Anzeige wegen Körperverletzung, die ebenfalls zur Verhandlung steht. Sie soll am 7. Juni 2018 passiert sein und betrifft die Ehefrau. "Ich habe in der Dämmerung ein Pferd in den Stall geführt und sah aus dem Augenwinkel eine kleine menschliche Gestalt. Einen Moment später hab ich mit einer Stange einen Schlag auf den Kopf bekommen", berichtet sie. Der Richter traut seinen Ohren nicht: "Sie haben den Angeklagten gar nicht erkannt? Warum hat Ihr Anwalt dann nicht Anzeige gegen unbekannt gestellt?" Darauf hat die 48-jährige Tierzüchterin und Leiterin eines Tierheims keine Antwort. Sie wünsche sich nur noch Frieden.

Doch warum hält die justizbekannte Langener Familie trotz der tiefen Gräben so eisern an dem Kauf fest? Das will auch Anastasiadis wissen. "So ein Anwesen findet man nicht oft", ist die lapidare Antwort des 55-Jährigen. Der Senior hat erwartungsgemäß eine andere: "Nur, weil sie Kohle machen wollen! Die Tiere interessieren sie nicht." Inzwischen ist auch der Esel verstorben. Er sei vergiftet worden, sagt der Egelsbacher. Das habe eine Tierklinik bestätigt. Weitere Prozesse werden folgen.

Silke Gelhausen

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