Egelsbach, wie es singt und lacht

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Muskelkraft war beim Kerb-Ritus am Samstagnachmittag gefragt. Doch mit vereinten Kräften war das blau-weiß geschmückte Fest-Symbol zügig in die Senkrechte gewuchtet.

Egelsbach - Drei schwarze Gestalten knien am Samstagabend auf der Bühne des Eigenheims, laute Musik dröhnt durch den Saal. Wer noch etwas vom Kerbprogramm der Elschbächer Kerbborsch 2011 sehen will, der steht längst mit beiden Füßen auf seiner Festgarnitur. Von Nico Wagner

„Es kann nur einen geben“, dröhnt eine abgrundtiefe Stimme durch den Saal, während das Kreischen ringsherum auf ein Niveau anschwillt, das sonst wohl nur Massen auf dem Konzert eines international gefeierten Teenie-Stars erzeugen können. Und der Star kommt: Aus einem der Umhänge enthüllt sich Patrick Steitz (17) und reißt die Hände gen Hallendach – die Stimmung ist definitiv am Siedepunkt: Egelsbach hat seinen „Kerbvadder“.

Traditionell bis zuletzt streng geheim gehalten und traditionell im Moment der Wahrheit extrem spärlich bekleidet: „Kerbvadder“ Patrick Steitz grüßt das Publikum, das außer Rand und Band ist – Höhepunkt des Samstagsprogramms.

Die Feier im Eigenheim ist der Höhepunkt des ganz normalen Egelsbacher Ausnahmezustands zur Kerb. Nach der Kür ihres Kerbvadders unterhalten die 21 „Jünglinge“ ihr Publikum mit dem Programm „Two and a half Kerbborsch“. Sketche, Musik und Tanz, gecovert und auf Kerbmaß zurechtgeschnitten nach dem Vorbild der Erfolgsserie Two and a half men. Da haben es die Jungs gut getroffen. Denn der Durchschnittskerbborsch eifert dem Ruf des Serien-Hauptdarstellers – Hollywood-Lebemann Charlie Sheen – durchaus nach. Dem wilden Treiben ist freilich eine lange Vorbereitungszeit vorausgegangen: Seit zwei Jahren haben sich die Jungs regelmäßig getroffen, um Events unterschiedlichster Art zu organisieren. Unter anderem den Weihnachtsmarkt oder das über die Ortsgrenzen hinaus bekannte Fest am 1. Mai an der Waldhütte. Jetzt sind die Jungs am Ziel. „Die Kerb ist das Allergrößte nach zwei Jahren Vorbereitungszeit“, sagt Kerbborsch Joshua Wannemacher.

„Jetzt ist Bieranstich und dann geht es ins Eigenheim“

Auch die Pflichten des Brauchtums, wie am Samstagmittag das Aufstellen des Kerbbaums, dürfen nicht fehlen. „Der Baum ist unser Kerb-Symbol“, betont Wannemacher. Das mit blau-weißen Bändern geschmückte Gehölz reckt sich letztlich schnell und unproblematisch in den Himmel. „Jetzt ist Bieranstich und dann geht es ins Eigenheim“, verrät Wannemacher den weiteren Fahrplan. Die Party im Eigenheim ist vor allem der Egelsbacher Jugend vorbehalten. Die reiferen Generationen treffen sich in den Heckenwirtschaften, die privat organisiert werden. Bei Ebbelwoi, Bier und allem, was das leibliche Wohl fördert, trifft sich ganz Egelsbach in den rausgeputzten Hinterhöfen. Dort entwickelt sich die andere Seite der Egelsbacher Kerb-Atmosphäre, die von familiärem Miteinander geprägt ist. „Zwei Egelsbacher, die sich ein Jahr lang nicht gesehen haben, treffen sich hier mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder“, spricht beispielsweise Thomas Geiß (44) aus eigener Erfahrung.

Im Eigenheim dauert die Feier bis kurz nach Mitternacht, in den Heckenwirtschaften fällt das Ende offen aus. Die Kerbborschen sind zufrieden, auch wenn Joshua Wannemacher sofort verneint, dass alles nach Plan gelaufen sei. „Aber das ist total normal – alles super!“ Sprach’s und flitzte wieder auf die Bühne zur Abschiedszeremonie.

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