Von der Zirkuswelt verzaubert

Alles im „Akrobatengriff“

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Bei so talentierten Akrobatinnen ist Zirkuschef René Ortmann um die Vorstellungen am Wochenende nicht bange. 430 Kinder zu integrieren ist eine organisatorische Meisterleistung.

Egelsbach - So aufregend ist der Alltag für die Grundschüler in Egelsbach sonst nie. Morgen für Morgen fiebern sie ihrem Schultag entgegen, denn eine Woche lang heißt’s nicht „Hefte raus“, sondern „Manege frei“. Von Cora Werwitzke 

Seit Montag proben die gut 430 Mädchen und Jungen der Wilhelm-Leuschner-Schule für ihren großen Auftritt unter der zwölf Meter hohen Zeltkuppel – eine Erfahrung, die sie prägen wird, sind sich Lehrer und die Zirkuscrew sicher.

„Körperspannung! Hände in die Hüfte!“ – schallen die Kommandos aus dem auffälligen grün-gelben Zirkuszelt, das nebst kleinem Wohnwagen-Dorf auf dem Berliner Platz thront. Eltern haben es zusammen mit der zwölfköpfigen Zirkusmannschaft am Sonntagnachmittag aufgebaut. Die mächtigen Spannseile des Zelts ankern an dicken, in den Boden gehauenen Pflöcken. Wo sie herausragen, musste je ein Pflasterstein des Berliner Platzes weichen. Ein Sinnbild dafür, was in den vergangenen Wochen für dieses Projektwochen-Spektakel alles bewegt wurde.

An Körperspannung und Lächeln denken

Unter dem Zeltdach schwebt das Trapez gerade auf Augenhöhe. „Wo sind die ,Liegemädchen‘“?, fragt René Ortmann in die Runde. Drei Grundschülerinnen melden sich schüchtern. Auch Johanna ist dabei. Im Liegen verschränkt sie Unterschenkel und Arme um die Füße des Zirkusartisten, der sich am Trapez ein Stück hochziehen lässt. Johanna muss ganz schön viel Körperspannung aufbringen, um „wie ein Brett und nicht wie ein Sack Mehl“, wie das René Ortmann formuliert, an seinen Füßen durch die mit Sägespänen ausgelegte Manege zu schweben. „Lächeln dabei“, ruft er in Erinnerung. Puh, auch das noch ... Spätestens beim „Kompliment“ – der eleganten Verbeugung am Ende des Kunststücks – grinst Johanna dann nicht nur breit, sie strahlt übers ganze Gesicht. Dass sie voller Sägespäne ist, bemerkt sie in diesem Glücksmoment kaum.

Diese kleine Freudenszene wiederholt sich kurze Zeit später 20 Mal – denn alle Mädchen schwingen anschließend mit dem kopfüber im Trapez hängenden Ortmann einmal durch die Manege. Selbst Angelika Madeja kommt nicht drum davon. Die angehende Referendarin der Leuschner-Schule ist als Aufsicht dabei – und fliegt im Nu ebenfalls im „Akrobatengriff“ durch die Zirkuskulisse. „Morgen machen wir das noch mal höher.“ Große Kinderaugen gucken den Artisten an. „Aber keine Angst, ich werde extra gut für euch frühstücken!“, kommentiert Ortmann, der die jungen Damen mit einer Mischung aus Strenge und Charme zweifellos bestens im Griff hat. Derart aufmerksam und kleinlaut, allenfalls nervös kichernd, sind die Erst- bis Viertklässlerinnen sonst wohl eher selten.

Jongleure, Akrobaten und Fakire

Kurz darauf heißt’s „Schichtwechsel“. Bei mehr als 430 Kindern ist der Trainingsbetrieb eine organisatorische Meisterleistung. In einer Karawane ziehen die Schüler, die bis eben geübt haben, zurück zur Schule, wo sie mit ihren Lehrern das Zirkusleben aus theoretischer Perspektive aufrollen und unter anderem eine Zirkuszeitung erstellen. „Ich kann jetzt einen Handstand“, erzählt noch jemand stolz, dann werden die aufgeregten Gespräche in der sich entfernenden Gruppe leiser.

Im Zelt sind derweil die Nächsten dran. „Wir wollen, dass jedes Kind täglich mindestens eindreiviertel Stunden probt“, erläutert René Ortmann, der Kopf des Mitmachzirkuses und Familienbetriebs „Rondel“ ist. Dafür werden auch Hallenkapazitäten genutzt: In der Schulturnhalle am SGE-Sportcenter sind je auf einem Drittel zum Beispiel die Jongleure, die Fakire und die Akrobaten zu Gange. Nur wenige Meter vom Hauptzelt tüfteln zudem die Bauchtänzerinnen mit Jannika Ortmann an einer Choreografie, eine Ecke weiter sammelt eine Gruppe erste Erfahrungen als Tauben-Dompteure. Erst- bis Viertklässler üben Seite an Seite. „Das ist uns ein besonderes Anliegen“, sagt René Ortmann.

Wie werde ich...? Artist/in

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Hier solle zusammenarbeiten und ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln, wer sich sonst allenfalls vom Schulhof kennt. Wenn am Freitag (15 und 19 Uhr), Samstag (11 und 16 Uhr) und Sonntag (10 Uhr) die Vorstellungen mit je wechselnder Kinder-Besetzung vonstatten gehen, bekommt jeder kleine Manegen-Star zudem ein richtiges Kostüm – „uns ist wichtig, dass hier jedes einzelne Kind im Mittelpunkt steht“, bekräftigt Ortmann, der mit seiner Zirkusfamilie im ganzen Land unterwegs ist. Jede Woche woanders – und immer im Auftrag, Kindern langlebige Erfolgserlebnisse in der Manege zu bescheren.

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