4,4 oder 9,9 Millionen?

Egelsbacher Freibad: Entscheidung über Sanierung steht an

Wird die Durchströmung im Schwimmerbecken modifiziert oder komplett erneuert? Und braucht es überhaupt acht Bahnen? Diese und viele weitere Fragen hat die Gemeindevertretung zu klären.
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Wird die Durchströmung im Schwimmerbecken modifiziert oder komplett erneuert? Und braucht es überhaupt acht Bahnen? Diese und viele weitere Fragen hat die Gemeindevertretung zu klären.

Das Egelsbacher Freibad ist sanierungsbedürftig. Nun liegt eine erste Schwachstellenanalyse vor: Sie kommt auf Kosten von stolzen zehn Millionen Euro.

Egelsbach – Dass es viel zu tun gibt, zeigt allein die Länge des Schriftstücks: Über 19 Seiten erstreckt sich die Schwachstellenanalyse und Machbarkeitsstudie zum Egelsbacher Freibad, die die Gemeindevertretung im Mai 2020 angefordert hatte – und die nun vorliegt. Das Büro BZM Architekten aus Wiesbaden war damit beauftragt worden, zu ermitteln, was für eine DIN-Norm- und vorschriftenkonforme Sanierung getan werden muss und wie die Technik auf den aktuellen Stand gebracht werden kann.

Die Studie kommt auf Gesamtkosten von stolzen 9,9 Millionen Euro. Baustellen gibt es viele. Ein kleiner Auszug: „Die Badewassertechnik entspricht nicht den aktuellen Vorgaben, die Wasserwerte werden nur mit größter Mühe erreicht“, bescheinigt die Studie sowohl dem Schwimmer- als auch dem Nichtschwimmerbecken. Die Fliesen seien zum Teil stark beschädigt. „Es wird zunehmend zu Frostschäden kommen“, urteilen die Architekten, die außerdem den Bau eines neuen Technikgebäudes vorschlagen, da die benötigten neuen Anlagen zu groß seien, um sie in den Bestand zu integrieren.

Ein Knackpunkt – und ein großer Kostenfaktor – ist außerdem die Durchströmung der Becken. Aktuell gibt es eine Längsdurchströmung, also vom Kopf- zum Fußende des Beckens. Das Architektenbüro schlägt eine Verkleidung der Becken mit Edelstahl vor, ebenso wie eine DIN-konforme Vertikaldurchströmung, sprich: vom Boden zur Oberfläche hin. Für die Edelstahlbecken sind Kosten von 1,6 Millionen Euro veranschlagt, für die neue Badetechnik weitere 1,7 Millionen.

Aufgrund der hohen Kosten hat der Gemeindevorstand eine zweite Studie in Auftrag gegeben. Die Firma WS Sondergeld aus Dietzenbach soll eine „abgespeckte Variante“ erarbeiten, wie es in einer schriftlichen Stellungnahme des Fachdienstes Bauen und Umwelt heißt. Wesentlicher Bestandteil ist eine Querdurchströmung, also von einem seitlichen Beckenrand zum anderen. Hierbei könnte die Filtertechnik (Fachdienst: „alt, aber noch gut“) erhalten bleiben, ein wesentlicher Kostenfaktor würde wegfallen.

Allerdings betont der Fachdienst, dass eine Querdurchströmung nicht vollumfänglich den aktuellen Richtlinien entsprechen würde: „Dies macht die Einholung einer Sondergenehmigung beim Gesundheitsamt notwendig.“ Da der designierte neue Badeleiter vergangenes Jahr tödlich verunglückt war (wir berichteten), arbeitet die Gemeinde aktuell mit einem externen Berater aus Mörfelden zusammen. Laut dessen Auskunft habe es eine solche Sondergenehmigung schon öfter für Bäder gleichen Baujahrs gegeben. Insgesamt kommt die Firma WS Sondergeld auf Kosten von rund 4,4 Millionen Euro, die fertige Studie liegt allerdings noch nicht vor.

Allerdings macht auch die Analyse von BZM Architekten einen Vorschlag, wie sich die Ausgaben reduzieren ließen: eine Verkleinerung des 50 Meter langen Schwimmerbeckens mit seinen acht Bahnen. „Ob eine solch große Wasserfläche heute im täglichen Schwimmbetrieb noch gebraucht wird, erscheint aus unserer Sicht mit der Erfahrung aus ähnlichen Bädersanierungen mehr als fraglich“, schreiben die Architekten. Eine Verringerung der Wasserfläche sei zwar ein Einschnitt, würde aber die Sanierungs- und Unterhaltskosten „auf Jahre senken“.

Bevor der Umbau des Freibads im Detail geplant werden kann, gilt es also zahlreiche grundsätzliche Fragen zu beantworten. „Das Freibad ist eine Riesenbaustelle“, sagt Bürgermeister Tobias Wilbrand (Grüne) im Gespräch mit unserer Zeitung. „Aber es hat eine sehr hohe Bedeutung für die Gemeinde Egelsbach und ihre Bevölkerung.“ Das Bad sei eine der wichtigsten Freizeitmöglichkeiten im Ort – „so viel haben wir hier ja nicht“. Alle Fraktionen in der Gemeindevertretung seien sich einig, dass das Freibad unbedingt erhalten werden müsse.

Wie genau das geschehen soll, werden die Parlamentarier nach der Sommerpause entscheiden müssen. Wilbrand hofft, in Vorgesprächen mit den Fraktionen abklären zu können, welche die bevorzugte Variante ist. Diese soll dann der Gemeindevertretung zum Beschluss vorgelegt werden. „Die verschiedenen Studien sollen uns dafür eine Entscheidungsgrundlage geben“, betont Wilbrand.

Die Gemeinde rechnet aktuell mit einer Bauzeit von circa anderthalb Jahren. Somit wird eine Badesaison definitiv ausfallen. Wilbrand schätzt, dass die Sanierung frühestens im Herbst 2022 beginnen kann und somit der Freibadsommer 2023 ins Wasser fällt. Möglicherweise treffe es auch erst die Saison 2024. Die Sanierung etappenweise anzugehen, um das Freibad nebenbei weiterbetreiben zu können, sei hingegen unrealistisch, so der Rathauschef: „Alle Experten haben uns gesagt: Das funktioniert nicht.“ (Manuel Schubert)

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