Freiwilliges Soziales Jahr in Vietnam

Eine Erfahrung fürs Leben

Egelsbach - Die große weite Welt hat es Yannick schon länger angetan. Das elfte Schuljahr verbrachte er in Virginia (USA), in den Sommerferien zwischen zwölfter und 13. Klasse tourte er für sechs Wochen auf eigene Faust durch Australien. Von Manuel Schubert

Nach dem bestandenen Abitur im Sommer des vergangenen Jahres aber machte sich der mittlerweile 20-Jährige auf zur wohl spannendsten Reise seines Lebens: Für zwölf Monate ging es im Rahmen eines Freiwillige Sozialen Jahres (FSJ) nach Vietnam. Bei der Bundeswehr Dienst zu tun, hatte für den Jugendlichen ohnehin nie zur Debatte gestanden – so traf er die Entscheidung, für ein Jahr ins Ausland zu gehen und verließ im August 2010 den Frankfurter Flughafen in Richtung Asien.

Ein kleines, von der Organisation angemietetes Haus im südlich gelegenen Can Tho, das er sich mit zwei weiteren Freiwilligen aus der Bundesrepublik teilte, sollte für diese Zeit sein neues Zuhause werden. Doch unter sich waren die drei Deutschen nur selten: Regelmäßig kamen Frösche, Geckos und handtellergroße Spinnen zu Besuch. Auch eine Schlange schaute vorbei. Zur schnellen Fortbewegung im chaotischen Verkehr Vietnams diente ein kurzerhand angeschafftes Moped.

Von seiner eigentlichen Aufgabe als Freiwilliger wusste Yannick bis zu seiner Ankunft auf der anderen Seite des Globus nur wenig. „Mir wurde nur gesagt, dass ich die Englischlehrer an einer Hochschule unterstützen soll“, erinnert sich der junge Mann. Doch an seiner neuen Arbeitsstelle angekommen, vertraute man ihm weit mehr an als nur das: Zwei Klassen Englisch-Studenten durfte der Egelsbacher Tag für Tag eigenständig in den Fächern Hörverständnis und Sprechen unterrichten. „Ich war vollkommen frei in meiner Unterrichtsgestaltung. Doch meine hauptsächliche Aufgabe war es, die Studenten zum Reden zu animieren, was alles andere als leicht war.“

Dies gestaltete sich im ersten Halbjahr wesentlich einfacher als im zweiten, in dem die Studenten Englisch lediglich als Pflichtveranstaltung besuchten und so gut wie keine Vorkenntnisse besaßen. „Es war wirklich schockierend“, erzählt Yannick, „wie wenig manche wussten. Von 50 Studenten waren zwei in der Lage, einen ganzen Satz zu bilden, obwohl alle in der Highschool jahrelang Englischunterricht hatten.“ Eine willkommene Abwechslung zum eher frustrierenden zweiten Halbjahr an der Hochschule war daher der einmonatige Vorbereitungskurs auf ein Englisch-Zertifikat, den Yannick außerdem leiten durfte. Moderne Materialien und motivierte Teilnehmer sorgten hier für einen deutlich größeren Lernerfolg.

Da sich jedoch nur die wenigsten Vietnamesen auf Englisch verständigen können („Die Sprachbarriere lag eigentlich bei 100 Prozent.“), musste sich der Freiwillige wohl oder übel mit der Landessprache auseinandersetzen, was ihm auch recht gut gelang. Ein zweiwöchiger Sprachkurs schuf zu Beginn des Jahres die ersten Grundlagen, danach lernte der ohnehin Sprachbegeisterte mit einem hilfsbereiten Muttersprachler weiter und kann sich nun relativ problemlos auf Vietnamesisch verständigen.

Selbstverständlich ist solch ein langer Auslandsaufenthalt stets geprägt von vielen neuen Erfahrungen. So lernte der Egelsbacher, dass man durchaus vier Personen (oder wahlweise auch mehrere Dutzend Enten) mit einem Mofa transportieren kann und Hund gar nicht mal so schlecht schmeckt. Am meisten vermisst habe er deutsche Milchprodukte („vor allem Käse“) und einige deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Auf der anderen Seite beeindruckte ihn jedoch der extreme Hang zur Gelassenheit, den viele Vietnamesen an den Tag legen.

Nun möchte Yannick seiner Heimat erst mal treu bleiben und in Marburg Gymnasial-Lehramt studieren. Doch er ist überzeugt: „Wenn ich hier einmal keine Perspektive mehr sehe, weiß ich, dass ich in Vietnam ein gutes Leben führen könnte.“

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