Spürnase in den Weiten des Alls

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Da ist er, der Kleinplanet Darmstadt, den der Egelsbacher Hobby-Astronom Erwin Schwab entdeckt hat.

Egelsbach - Am 15. September 2007 war Frankfurt ziemlich genau 283 Millionen Kilometer von Egelsbach entfernt. Das mag manchen ein wenig überraschen, nicht jedoch diejenigen, die Erwin Schwab kennen. Der Egelsbacher hat nämlich eine außergewöhnliche Freizeitbeschäftigung. Von Marc Strohfeldt

Während sich der 47-jährige Ingenieur tagsüber beim GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung mit den kleinsten Teilchen des Universums beschäftigt, pflegt er nächtens den Blick fürs große Ganze und geht in den Weiten des Universums auf Jagd nach Kleinplaneten. Ganz genau 50 davon hat er schon entdeckt – ziemlich viel für einen Amateur. Einen dieser Brocken – zirka zwei bis drei Kilometer dick ist er – hat er Frankfurt getauft, mittlerweile sausen aber auch Mannheim, Darmstadt, Speyer, Marburg und viele andere fröhlich durchs All.

Kleinplaneten, auch Asteroiden oder Planetoiden genannt, sind Gesteinsbrocken mit in der Regel Durchmessern von wenigen Metern bis zu einigen Dutzend Kilometern, die im Weltall unterwegs sind. In unserem Sonnensystem findet man die meisten von ihnen im sogenannten Asteroidengürtel zwischen den Planetenbahnen von Jupiter und Mars.

Fernglas schon früh in den Himmel gerichtet

Schwab, der seit 2002 in Egelsbach lebt, hat früh begonnen, sich für die außerirdischen Klumpen zu interessieren. „Mit zwölf Jahren bekam ich von meinen Eltern ein Fernglas geschenkt“, sagt er. Ziemlich bald habe er es gen Himmel gerichtet und sei fasziniert gewesen von der Welt, die sich dort auftat. Wenig später stieg er beim Verein der Starkenburg-Sternwarte in seiner Geburtsstadt Heppenheim ein. Mittlerweile ist er an der Taunus-Sternwarte auf dem kleinen Feldberg aktiv, hatte aber auch schon die Gelegenheit, mit großen Teleskopen (unter anderem in Nordamerika, Australien und Spanien) zu arbeiten. Nicht immer musste er dafür vor Ort sein, denn mittlerweile ist es Zugangsberechtigten möglich, die Riesenteleskope via Internet anzusteuern. Das geht dann quasi vom heimischen Sofa aus. „Pyjama-Astronomie“ nennt der zweifache Vater das scherzhaft.

„Deutschland ist eine Hochburg der Kleinplanetenjäger“, weiß Schwab. „Etwa 100 dürften es sein, weltweit vielleicht 500.“ Dazu kommen noch einmal ungefähr genauso viele, die sich beruflich mit der Materie beschäftigen, die meisten davon in den USA. Was Erwin Schwab und seine Mitstreiter tun, ist keineswegs nur Spielerei. „Die Profis sind sehr dankbar für die von Amateuren geleistete Unterstützung“, sagt er. Zwar seien die meisten Asteroiden für Menschen harmlos, aber es bestehe stets die Gefahr, dass eines dieser Geschosse aus dem All auf die Erde pralle und extremen Schaden anrichte. Auch Raumfahrtmissionen könnten gefährdet werden. Deshalb sei es sinnvoll, möglichst viele solcher Kleinplaneten zu kennen und ihre Bahnen frühzeitig zu berechnen.

Der Erwin-Schwab-Planet

Am Aschermittwoch 2009 beispielsweise hätte tatsächlich alles vorbei sein können, denn da entdeckten der Planetenenthusiast und ein Kollege einen Asteroiden, der in gerade einmal 5,7-facher Mondentfernung an unserem Heimatplaneten vorbeischrammte – und das ist für kosmische Verhältnisse wirklich nur haarscharf daneben. „Wir beobachten ihn jetzt weiter“, sagt Schwab. „Das nächste Mal wird er im August 2012, dann aber in sicherer 80-facher Mondentfernung, an uns vorbeisausen.“

Mittlerweile sind Maßnahmen, die das Einschlagen großer Asteroiden auf der Erde verhindern könnten, durchaus denkbar. Möglich wäre zum Beispiel der gezielte Beschuss mit einer Rakete, um entweder seine Flugbahn zu verändern oder um ihn zu sprengen.

Doch wie findet man so einen Kleinplaneten in der Tiefe des Alls? „Ich sehe mir auf einschlägigen Seiten im Internet an, wo die Profis gerade gesucht haben und nehme mir dann ein Stück Himmel vor, das zurzeit nicht beobachtet wird“, beschreibt Erwin Schwab seine Vorgehensweise, „Dort sind die Chancen natürlich am größten.“ Der Erfolg gibt ihm recht.

Mittels einer hochempfindlichen Spezialkamera – die in der Lage ist, Objekte aufzunehmen, die eine Million mal schwächer leuchten als solche, die noch mit dem bloßen Auge erkennbar sind – fotografiert er durch ein Teleskop einen Himmelsausschnitt in mehreren Sequenzen. Lichtpunkte, die sich im Verhältnis zu den Fixsternen bewegen, kommen dann als mögliche Kleinplaneten in Frage.

Namensdoppelungen sind ausgeschlossen

Von der Entdeckung bis zur Benennung ist es freilich ein weiter Weg. Erst, wenn durch das Minor Space Center in den USA geprüft wurde, dass der Brocken tatsächlich von niemandem zuvor bemerkt wurde und wenn seine Bahn von den Wissenschaftlern genau berechnet wurde, darf er von seinem Entdecker getauft werden.

Für alle Offenbacher gibt es an dieser Stelle allerdings eine schlechte Nachricht, denn ihre Stadt wird niemals am Himmel verewigt werden. Zwar gibt es bereits einen Kleinplaneten mit Namen Offenbach, der aber ist nach dem Komponisten benannt. Und Doppelungen sind leider ausgeschlossen. Freuen hingegen können sich die Egelsbacher, denn eines verspricht Erwin Schwab schon jetzt: Einer der nächsten Kleinplaneten, den er benennen darf, wird definitiv den Namen der Klammernschnitzergemeinde tragen.

Natürlich gibt es inzwischen auch einen Asteroiden namens Erwinschwab (Foto links). Den allerdings hat er nicht selbst entdeckt, sondern er wurde ihm von Kollegen des Observatorio de La Sagra in Andalusien gewidmet. Die Planetoiden werden nämlich, im Gegensatz zu den Kometen, nie direkt nach ihren Entdeckern benannt.

Wer Lust auf mehr bekommen hat, findet weitere Informationen im Internet.

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