Frostige Zeiten wegen des absehbaren Kahlschlags

Fleissner/Trützschler streicht 110 Jobs und mehrere Sparten

Egelsbach - Beim Egelsbacher Traditionsbetrieb Fleissner, seit Ende 2006 Teil der Trützschler-Unternehmensgruppe, brennt der Baum: 110 von 245 Mitarbeitern sollen gekündigt werden – alle zum 31. Mai, geht es nach der Geschäftsleitung. Von Holger Borchard 

Wie angesichts dieser Kunde die Stimmung in den Werkshallen ist, kann sich jeder lebhaft ausmalen. „Angst vor Stellenabbau“ lautete gestern im Wirtschaftsteil unserer Zeitung die Schlagzeile zur Lage bei dem Egelsbacher Textilmaschinenhersteller. Die bitteren Fakten: 110 Mitarbeiter sollen gekündigt werden – vorzugsweise zum 31. Mai, sofern Gewerkschaft und Betriebsrat der Geschäftsführung nichts Ernsthaftes entgegensetzen. Die Abteilungen Blechverarbeitung und mechanische Fertigung sollen aufgegeben werden, für den Bereich „Man-Made Fibers“ (Chemiefaser) wird ein Käufer gesucht. Dass die Kündigungen im Werkstattbereich einen Domino-Effekt haben und etwa in Bereichen wie Arbeitsvorbereitung und Programmierung ebenso zum Wegfall von Arbeitsplätzen führen, liegt auf der Hand.

„Die Entlassungen sind nicht nur auf den Werkstattbereich begrenzt“, räumt Betriebsratsvorsitzender Alexander Szabo auf Anfrage der Redaktion ein. Abgesehen davon wolle er sich „zu Inhalten des laufenden Verfahrens“ aktuell nicht näher äußern. Schließlich stehe er auch dem Arbeitgeber gegenüber in der Pflicht, die laufenden Verhandlungen und damit die Zukunft der verbleibenden Mitarbeiter nicht zu gefährden, erinnert Szabo.

Die kursierende Zahl von 110 Entlassungen bestätigt der Betriebsratsvorsitzende nicht – er dementiert sie aber auch nicht. Den auf „Nachricht von oben“ wartenden Kollegen könne er derzeit nichts Handfestes berichten, gerade was den sogenannten Sozialplan im Zuge des Stellenabbaus betreffe. „Wir haben Eckpunkte mit der Geschäftsführung ausgetauscht und fertigen einen Interessenausgleich an. Aber Schriftliches zum Sozialplan ist bislang noch nicht fixiert“, erklärt Szabo. „Mein Ziel ist, noch für den Monat April eine weitere Betriebsversammlung anzuberaumen.“

Die Versammlung, bei der die Katze aus dem Sack gelassen wurde, ist gut zwei Monate her. Am 25. Januar verkündete die Geschäftsführung der Belegschaft den Kahlschlag, den sie per Pressemitteilung als „Maßnahmen, die eine langfristig gesunde Geschäftstätigkeit am Standort Egelsbach ermöglichen“ verkauft. Allerdings spricht IG-Metall-Vertreter Carsten Witkowski da schon eher vielen Trützschler-Mitarbeitern aus der Seele, wenn er das „Betriebs-Sterben auf Raten“ für Egelsbach befürchtet.

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Wut, Angst, Sarkasmus, Resignation, Gerüchteküche: Diese Begriffe geben nach Einschätzung diverser Mitarbeiter, die ihre Namen freilich nicht in der Zeitung lesen wollen, das aufgeheizte Stimmungsgemisch in den Firmenhallen an der Wolfsgartenstraße wieder. „Uns sagt man, wir seien zu teuer und beschließt, statt selbst zu fertigen, in Zukunft die Teile zuzukaufen“, sagt ein Beschäftigter. „Dabei weiß jeder hier, wie oft wir bei solchen Zukaufteilen qualitativ nacharbeiten müssen.“

„Die Maschinen werden in Egelsbach ab- und in Mönchengladbach am Stammsitz wieder aufgebaut“, hat ein anderer erfahren. „Und einige Kollegen haben sogar schon befristete Arbeitsangebote erhalten, um dort ihre Nachfolger anzulernen – das ist unredlich und pervers.“

Schwere Fehler in der Vergangenheit habe das Management höchstselbst wiederholt in Gesprächen eingeräumt. „Und was ist passiert?“, fragt ein Mitarbeiter sarkastisch. „Seit Januar haben wir hier vier statt zwei Geschäftsführer.“ Der massive Stellenabbau indes treffe zu großen Teilen Personal, das dem Traditionsbetrieb seit Jahrzehnten die Treue halte. „Als Dank entlässt man diese Leute in die Perspektivlosigkeit. Angesichts so gut wie nicht vorhandener Jobs werden ein paar Schulungen von der Agentur für Arbeit daran kaum etwas ändern .“

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