Was heißt Schiedsrichter auf Arabisch?

Integrationsarbeit macht Sportgemeinschaft europaweit zum Vorbild

Egelsbach - Gäbe es eine PISA-Studie, die nicht Schulleistungen, sondern das Gelingen des Ansatzes „Integration durch Sport“ europaweit auf den Prüfstand stellte, Deutschland wäre ganz vorn mit dabei. Deutschland? Ja  – dank der Sportgemeinschaft Egelsbach . Von Holger Borchard 

Ehre, wem Ehre gebührt: „Es ist schon ein dolles Gefühl, wenn einem Leute bei einer internationalen Tagung in Budapest bestätigen, dass die Arbeit deines Vereins über Grenzen hinweg Vorbild für andere ist“, sinniert Dr. Helmut Winkler, Vorstands- und Kuratoriumsmitglied der SGE. „Wenn ein Teilnehmer dir dann sogar noch erzählt, dass er bei einer ähnlichen Veranstaltung in Rom einem Iren begegnet ist, der noch heute von seiner Projekt-Teilnahme in Egelsbach schwärmt, dürfen wir wohl zurecht stolz sein – in dem Wissen, dass wir uns deshalb nicht zurücklehnen werden.“

Vor Kurzem sind Winkler und Ehrenvorsitzender Edgar Karg aus der Hauptstadt Ungarns zurückgekehrt. Dort haben beide auf Einladung des European Sport Inclusion Network (ESPIN) im Rahmen einer zweitägigen Konferenz zum Thema Integration durch Sport als einzige Vertreter Deutschlands praktische Alltagserfahrungen geschildert und die prämierten SGE-Projekte „Sport und Flüchtlinge“ und „Integration durch Sport und Sprache“ vorgestellt.

Die Zahlen sprechen für sich: 3161 Mitglieder zählte die SGE Ende Oktober, 1447 von ihnen haben einen sogenannten Migrationshintergrund. 142 Flüchtlinge sind in den SGE-Abteilungen aktiv – am signifikantesten ist die Quote der Fußballabteilung, in der 511 von insgesamt 747 Kickern Migranten sind. „Alle wollen Fußball spielen“, weiß Thomas Geiß als Sportcoach der SGE nur zu gut. Gemeinsam mit Georg Rademacher leitet er den Mitternachtsfußball und gründete unter anderem das SGE-Flüchtlingsteam „Refugees United“. „Zwölf Leute hatten anfangs Interesse bekundet. Beim ersten Mitternachtskick waren wir dann 20 und kurze Zeit später 40“, schildert Geiß die Dynamik. Heute gibt es zwei Termine und zunächst unüberwindbare Hürden sind gemeistert. „Was heißt Schiedsrichter auf Arabisch? Wo kriegen wir Schuhe, Trikots und so weiter her?“, gibt Geiß drängende Fragen der Startphase wieder.

Kommunikation als Schlüssel, Sprachbarrieren überwinden, deutsche Vereinskultur kennenlernen, sportliche Fairness üben: All das hat sich über nunmehr zwei Jahre als Schwerpunkt der Arbeit entwickelt und macht längst über Partnerschaften mit Landessportbund, Deutschem Fußballbund oder Deutschem Olympischen Sportbund Schule. „Politik schafft allenfalls Rahmenbedingungen“, merkt Geiß an. „Die Tagesarbeit läuft vor Ort im Verein. Dabei haben wir gesehen, wo es hakt und konsequent Strategien entwickelt, stets ausgehend von der Frage: Was macht uns als Verein aus?“ So wurde der Aktenordner mit Vorlagen, Ideen, Spielanregungen etc. immer dicker und schließlich Leitfaden und „Lehrbuch“, das längst nicht nur in Egelsbach effektive Projektarbeit pilotiert. Eine besonders clevere Antwort auf die von Geiß geschilderten Anfangsprobleme ist zum Beispiel der auf inzwischen 160 Kärtchen angewachsene Satz mit Fußballbegriffen von A wie Abseits bis Z wie Zweikampf. Die Karten tragen jeweils die deutsche, englische und arabische Benennung des obendrein aufgemalten Begriffs.

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Und was sagt jemand dazu, der das SGE-Programm von Anfang bis Ende durchlaufen hat? „Der Verein hat mir sehr geholfen – nun will ich dem Verein helfen“, erklärt etwa Adam Abdullahi Ali. Heute ist er Trainer der F 2-Jugend; als er 2013 nach Deutschland kam, trat er erstmals bei den „Refugees United“ gegen den Ball. Und was treibt die Koordinatoren um und weiter an? „Das Feedback und die Freude der Menschen, die hier bei uns ankommen, sind der größte Ansporn“, weiß SGE-Vorsitzender Wolfgang Schroth. „Als nächstes wollen wir den im Fußball geernteten Erfahrungsschatz auf andere Abteilungen wie etwa Judo, Boxen oder Cricket übertragen.“ Ach ja: Schiedsrichter heißt auf Arabisch übrigens „Hakam“. Mehr zu den SGE-Projekten auf der Homepage. www.sg-egelsbach.de

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