Integriert, aber die Angst bleibt

Mohamed Ali hat eine „Integrations-Karriere“ hingelegt, wie man sie sich von einem Flüchtling nur wünschen kann – jüngst gekrönt von der abgeschlossenen Friseurausbildung. Das Foto zeigt ihn und Annkatrin Hoeck bei der Innungsfeier. Foto: P

Seit mehr als fünf Jahren lebt der kurdische Syrer Mohamed Ali in Egelsbach. Inzwischen ist seine Geschichte ein Musterbeispiel für gelungene Integration. Trotzdem muss der 29-Jährige noch immer die Abschiebung fürchten, denn er ist nur geduldet. VON TIMO KURTH

Egelsbach – Vor wenigen Wochen hat Mohamed Ali seine Ausbildung zum Friseur abgeschlossen – mit guter Abschlussnote. Zum 1. Juli hat er eine unbefristete Vollzeitstelle in seinem Egelsbacher Ausbildungsbetrieb, dem Friseurteam Schweinhardt in der Ernst-Ludwig-Straße, angetreten.

„Das war die Belohnung für all die harte Arbeit. Endlich hatte ich das Zeugnis“, erzählt der Syrer strahlend, als er an die Überreichung seines Gesellenbriefes durch die Friseurinnung in Offenbach denkt. Nach rund zweieinhalb Jahren ist Mohamed Ali ausgelernte Fachkraft in einer Branche, die dringend Nachwuchs braucht. „Im Friseursalon haben erst vor Kurzem zwei Mitarbeiter aufgehört. Wenn jetzt auch noch der Mohamed gehen müsste, wäre das für den Chef definitiv eine Katastrophe“, erzählt Annkatrin Hoeck. Die Egelsbacherin steht Mohamed Ali schon seit Längerem ehrenamtlich zur Seite

Alis Aufenthalt in Deutschland ist freilich bislang nur geduldet – mit dem Ende der Ausbildung fiel sogar das sogenannte Abschiebehindernis weg. Vor Kurzem stellte er deshalb einen erneuten Antrag auf eine Aufenthaltserlaubnis, über die die Ausländerbehörde aktuell erneut zu befinden hat. „Ich habe Angst und wache deswegen nachts manchmal auf“, gesteht der 29-Jährige.

Mit einem gewissen Maß an Pragmatismus müsste jeder zu dem Schluss kommen, dass Mohamed Ali all das getan hat, was man von einem Zuwanderer in Sachen Integration wünschen und verlangen kann. Trotzdem ist sein Bleiberecht in Deutschland noch immer alles andere als gesichert. „Was soll er denn noch tun?“, fragt Annkatrin Hoeck.

Das Problem des abgelehnten Asylbewerbers ist ein rein Bürokratisches: Auf seiner Flucht aus Syrien hatte er einen Asylantrag in Bulgarien gestellt – einem anderen EU-Staat. Dieser wurde schnell bewilligt, doch in Bulgarien lebte Ali auf der Straße und ohne Unterstützung durch den Staat. „Der Schlepper sagte ihm, dass er nach der Anerkennung direkt nach Deutschland weiterreisen kann, da Bulgarien in der EU sei. Doch das stimmte nicht.“ Es zog Ali weiter nach Deutschland, vor allem deshalb, weil seine gesamte Familie sich inzwischen hier aufhielt.

Der Syrer kommt schließlich in Egelsbach in der Gemeinschaftsunterkunft der Christlichen Flüchtlingshilfe (CFEE) unter. Dort lebt er geduldet, nachdem ein abermaliger Asylantrag vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wiederum abgelehnt worden ist. Laut Behörden gilt: Bulgarien ist für ihn zuständig. Folglich erklärt das Amt Mohamed Ali für ausreisepflichtig.

„Mohamed ist inzwischen ,Egelsbacher’ – er kann nicht zurück nach Bulgarien“, hält Annkatrin Hoeck dagegen. Denn hier angekommen, integriert der junge Mann sich schnell. „Mohamed ist inzwischen in Egelsbach bekannt wie ein bunter Hund“, kommentiert Hoeck. „Er war beim Karnevalsumzug dabei, hat bei der Elschbächer Kerb in einem Kerbhof ausgeholfen und hat viele Bekannte und Freunde.“ Selbst der Ebbelwoi, der Auswärtige gerne mal durchschüttelt, ist Ali sympathisch. Während der Unterhaltung mit dem Journalisten trinkt er einen Schoppen aus dem Gerippten – „sehr lecker“. Ganz offensichtlich funktionieren in diesem Fall sogar säuerliche Feinheiten der Integration.

Eine der wichtigsten und höchsten Hürden hat Mohamed Ali im Schnelldurchgang genommen. Er lernte binnen kürzester Zeit die deutsche Sprache und machte mithilfe seiner Mentorin Annkatrin Hoeck sowie engagierter Lehrerinnen an der Max-Eyth-Schule in Dreieich den Hauptschulabschluss. Kurz darauf bekam er einen Ausbildungsplatz beim Friseur Schweinhardt. Dank Vorerfahrung im Friseurberuf aus Syrien konnte von Anlaufschwierigkeiten nicht die Rede sein. „Mohamed hat Stammkundschaft im Laden, die sich ausschließlich von ihm die Haare schneiden lassen möchte“, lobt Hoeck stolz, während ihr Schützling das gar nicht so heraushängen möchte, aber durchaus zufrieden lächelt.

Vor zwei Jahren hat Ali hier standesamtlich seine Frau – ebenfalls syrische Asylbewerberin – geheiratet, seit März dieses Jahres ist die Familie zu dritt. „Das drei Monate alte Baby hat eine Woche nach der Geburt Post mit Ausreiseaufforderung erhalten“, erzählt Hoeck. „Das hat schon etwas von Realsatire“, stellt sie fest – zum Lachen zumute ist ihr freilich keineswegs.

Dass die Egelsbacherin sich für ihren Schützling kraft dessen Integrationsleistung und seines Angekommen-Seins in Egelsbach die Aufenthaltserlaubnis wünscht, liegt auf der Hand. Doch selbst wenn Mohamed Ali diese nun zugesprochen bekäme, würde sie zunächst nur ein Jahr gelten. Im Anschluss müsste er eine Verlängerung beantragen, die sodann wohl für drei Jahre ausgesprochen würde. Ist auch diese Frist vorüber, könnte es mit dem unbefristeten Aufenthaltsstatus klappen.

„Mohamed muss sich bewähren, das heißt: für sich selbst sorgen. Er sollte keine Unterstützung vom Staat annehmen“, erklärt Hoeck. Nicht ganz unwichtige Anmerkung: „Mit den branchenüblichen Friseurgehältern gestaltet sich das nicht einfach.“ Hintergrund: Bekommt Ali die Aufenthaltserlaubnis, muss er die Gemeinschaftsunterkunft der CFEE verlassen, in der er momentan noch mit seiner kleinen Familie wohnt. „Wir möchten gerne in Egelsbach bleiben“, sagt Ali, der sich dem Ort stark verbunden fühlt. Seine Frau arbeitet derzeit für die Sportgemeinschaft und will möglichst bald eine Ausbildung beginnen. Eine bezahlbare kleine Drei-Zimmer-Wohnung im Ort wäre für seine Familie ideal. Hoeck stellt beste Referenzen aus: „Die junge Familie ist ein Gewinn für unseren Ort und unsere Gesellschaft!“ Langfristig träumt der Syrer vom eigenen Friseurladen in Deutschland – doch noch sind seine Prioritäten andere.

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