Rund 50 Teilnehmer sondieren Ideen, Soll und Haben

Jugendversammlung im Egelsbacher Bürgerhaus

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Eine Prioritätenliste entsteht: Barbara Mey geht mit den Jugendlichen jeden Punkt der Vorschlagslisten durch. Robert Hoppe (Verein für Jugendsozialarbeit und Jugendkulturförderung) sorgt für die fein säuberliche Auflistung, aus der die Teilnehmer sodann mittels Klebepunkten ihre „Hitliste“ der Wünsche machen.

Egelsbach -  Was vermisst die Egelsbacher Jugend an Angeboten für sich im Ort, was findet sie gut, was verbesserungswürdig? Um solche Grundsatzfragen drehte sich vorgestern Abend die Jugendversammlung im Bürgerhaus. Gut 50 Teilnehmer taten ihre Meinung kund, mit Stiften, Klebepunkten – und bemerkenswerten Ansätzen.  Von Holger Borchard 

Mittwochnachmittag kurz nach 17 Uhr: Erste Erleichterung ist den Veranstaltern im Gesicht abzulesen – der Saal ist schon mal nicht leer. Circa 100 Stühle hatten die Gastgeber von der Gemeindeverwaltung aufstellen lassen, gut die Hälfte ist besetzt. Inklusive Fluktuation – etwa zwei Dutzend Jugendliche schauen mal rein und sind dann auch wieder weg – stehen ungefähr 70 Besucher der avisierten Zielgruppe zu Buche.

Der „harte Kern“ von 50 Jugendlichen, Männlein und Weiblein recht gleichmäßig repräsentiert, zieht das gut anderthalbstündige Mitmachprogramm durch. Den geplanten Ablauf erläutern die Moderatorinnen Sabine Ehret und Barbara Mey. „Heute geht es um eure Interessen, Wünsche und Anregungen“, ruft Ehret, die beim Fachdienst Jugend und Familie des Kreises Offenbach angestellt ist, dem jungen Publikum zu. Mey, die sich in Diensten der Gemeinde um die Kinder- und Jugendbetreuung kümmert, fordert sodann dazu auf, die auf drei Seiten des Saals vorbereiteten Stellwände mit Anregungen zu füllen. „Wünsche, Ideen, Engagement“, „Das ist/läuft schon richtig gut in Egelsbach“ sowie „Was können Vereine, Organisationen etc. im Ort noch verbessern?“ lauten die Stationen, die die zu diesem Zweck in drei Gruppen aufgeteilten Teilnehmer im Rotationsprinzip durchlaufen.

Egelsbachs Jugend hat geklebt, was sie bewegt – die Gemeindevertreter bekommen’s bald Orange auf Weiß.

Eine gute halbe Stunde später sind etliche Seiten gefüllt. Die Moderatorinnen ziehen nun mit den Jugendlichen Bilanz, formulieren das „Brainstorming“ noch einmal aus und sorgen für Übersichtlichkeit und Lesbarkeit. Dann ist es abermals an den Teilnehmern, ihre Prioritäten zu setzen. Nach dem Motto „Jeder einen Punkt“ entsteht die Hitliste auf Flip-Chart – je mehr Klebepunkte neben einem Vorschlag prangen, desto inniger der Wunsch der Befragten nach dessen Realisierung. „Wir werden diese Liste an die Gemeindevertreter weiterreichen und im Sozial- und Kulturausschuss über den heutigen Abend berichten“, verspricht der zuständige Amtsleiter im Rathaus, Manfred Kraus, ehe er die Jugendlichen in den kalten Abend entlässt. Den Termin der Ausschusssitzung nennt Kraus ebenfalls: „Donnerstag, 26. April. Los geht es allerdings erst um 20 Uhr.“

Im Kreis der Lokalpolitiker dürfte die Rangliste der Jugendlichen zumindest in Teilen überraschte Mienen hervorrufen. Während die in jüngster Zeit heftig diskutierte Pumptrack-Strecke und ein Bolzplatz fast erwartungsgemäß Punkte sammeln, entpuppen sich die Stichworte „Kerb-/Faschingsmädels“ als unangefochtene Spitzenreiter. Dahinter verbirgt sich der Wunsch einer im Bürgerhaus stark vertretenen Mädchengruppe, die Phalanx der Kerbborschen-Tradition zu durchbrechen. Tenor: „Wo steht geschrieben, dass es keine Kerbmädels zur Kerb geben darf?“

Ob die Politik sich zum Vorreiter auf diesem Feld der Emanzipation machen wird, dürfte ebenso spannend abzufragen sein wie die Haltung der Kerbgemeinschaft zu der Mädchenoffensive.

In jedem Fall zur Kenntnis nehmen sollten die Fragesteller die Wünsche nach einem Partyraum, einer Grafittiwand, Treffpunkten und Rückzugsorten im Freien, einer Eisdiele und einem Kino. Ebenfalls ein Fingerzeig: die Punkteansammlung neben dem Stichwort Jugendparlament. Wie ernsthaft die Teilnehmer sich auch und gerade mit dem Thema Politik auseinandergesetzt haben, bringt die 17-jährige Lisa zum Ausdruck: „Die Initiative, sich politisch zu engagieren und entsprechend Gehör zu finden, müsste aber schon von den Jugendlichen ausgehen. Gibt es genug Leute, die das wollen, dann sollte die Gemeinde ihnen auch so wie in Langen oder Dreieich etwas bieten.“

Bilder: Bürgermeisterwahl in Egelsbach

Etwas gewundert hat sich freilich so mancher junge Gast, dass überhaupt keine vorhandenen Angebote präsentiert wurden. „Wir hatten die Einladung so verstanden, dass bestehende Angebote vorgestellt werden“, monieren etwa Mila und Salome, beide 15 Jahre alt. Gerade im Sportbereich gebe es in Egelsbach doch so viele tolle Angebote. „Ganz ehrlich: Dafür müsste man doch noch viel mehr Werbung in der Breite machen.“ Einig ist sich das Duo mit der ein Jahr jüngeren Mareike: „Diese Veranstaltung war gut, so etwas hat es schon lange nicht mehr gegeben. Das sollte regelmäßig stattfinden.“

Ein guter Anfang – so lautet das Fazit der erwachsenen Beobachter aus Verwaltung und Politik, unter ihnen Bürgermeister Jürgen Sieling und sein Herausforderer am Stichwahl-Sonntag, Tobias Wilbrand. Fast 900 Jugendliche im Alter von 13 bis 21 Jahren waren zur Jugendversammlung eingeladen, insofern hätte die Resonanz stärker sein können. Doch auch so sei die Beteiligung ein erfreuliches, starkes Signal, kommentiert ein Beobachter und erinnert schmunzelnd: „Die jüngsten Bürgerversammlungen waren im Vergleich klar schlechter besucht.“

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