Stillstand statt Scheinwerferlicht

Lockdown: Circus Rolina in Egelsbach gestrandet

Verbringen den November an der Marie-Curie-Straße: Inhaber Freddy Ortmann und seine schottischen Hochlandrinder.
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Verbringen den November an der Marie-Curie-Straße: Inhaber Freddy Ortmann und seine schottischen Hochlandrinder.

Eigentlich sollte die Kolonne den Main entlang fahren, weiter in Richtung Westen. Hochheim stand als nächste Station im Tournee-Kalender des Circus Rolina. Doch dann kam der zweite Lockdown, Veranstaltungsverbot, alle Auftritte wurden abgesagt.

Egelsbach – „Das kam unerwartet“, sagt Inhaber Freddy Ortmann. „Aber wir müssen uns fügen.“ Deswegen ist der Circus Rolina spontan nach Egelsbach zurückgekehrt, wo er bereits Anfang Oktober für zwei Wochen gastierte. Und da steht er jetzt. Die Firma SMC gewährt der Artistenkarawane mit ihren mehr als 50 Tieren – darunter Pferde, Zebras, Kamele, Dromedare, Rinder, Strauße, Lamas und Ziegen – auf ihrem Grundstück in der Marie-Curie-Straße Unterschlupf. Wie lange? Das weiß niemand. „Erst mal haben wir den Platz bis Dezember gemietet“, sagt der 59-jährige Ortmann. „Und dann mal schauen. Vielleicht bleiben wir auch über Weihnachten.“

Ein eigenes Winterquartier, geschweige denn ein Zuhause, hat der Circus Rolina nicht. Der Artistenbetrieb ist ein Familienunternehmen. Inhaber Freddy Ortmann ist Zirkusdirektor in sechster Generation, sein ganzes Leben hat er in der Manege und auf Rädern verbracht. Den Circus Rolina betreibt er gemeinsam mit seiner Ehefrau, vier Söhnen, zwei Schwiegertöchtern, vier Enkelkindern und einem Neffen. Seine beiden Töchter haben in andere Zirkusse eingeheiratet.

Normalerweise steht die ganze Familie Nachmittag für Nachmittag im Scheinwerferlicht: Freddy Ortmann als Ansager und an der Technik, seine Kinder und Enkel als Jongleure, Clowns, Tierdompteure, Trapezartisten oder Handstandakrobaten. „Das ganz normale Familienzirkus-Programm“, beschreibt Ortmann. Doch dieses Jahr läuft alles andere als normal.

Als der erste Lockdown im März kam, traten die Ortmanns gerade in Stockstadt auf. Dort blieben sie dann auch, geschlagene sechs Monate, ohne einen einzigen Auftritt, ohne Einnahmen. „Das war schwierig und ungewohnt“, sagt Ortmann. Plötzlicher Stillstand – statt immer in Bewegung. Doch die Nachbarn zeigten sich solidarisch. „Viele haben uns Futter für die Tiere vorbeigebracht“, ist Ortmann dankbar.

Seit dem 1. September war der Circus Rolina wieder auf Achse, trat in Münster, Mömlingen, Egelsbach und zuletzt Kelsterbach auf, mit ausgeklügeltem Hygienekonzept: Abstand zwischen Stühlen, Maskenpflicht bis zum Platz, Desinfektionsmittelspender, Abstandsmarkierungen an der Kasse. Und ausnahmsweise musste auch niemand fürchten, von den Clowns in die Manege geholt zu werden. „Das hat alles wunderbar funktioniert“, berichtet Ortmann. Doch im Oktober, als sich die Pandemie-Lage verschärfte, lichteten sich auch im Zuschauerbereich die Reihen wieder. „Die Leute wurden ängstlicher. Manche, die schon Tickets reserviert hatten, haben wieder abgesagt“, erzählt Ortmann.

Der erneute Lockdown kam für ihn dennoch überraschend: „Ich dachte, wir können zumindest im kleinen Rahmen auftreten. Aber die Gesundheit geht vor, das sehen wir ein.“ Trotzdem folgt nun wieder eine Zeit ohne jegliche Einnahmen, die Rücklagen reichen vielleicht noch ein paar Monate. „Für meine Familie kann ich Hartz IV beantragen“, sagt Ortmann, „für die Tiere nicht.“

Deswegen wäre der Zirkus dankbar für Spenden, etwa von Landwirten, die etwas Tierfutter übrig haben. „Das soll kein Betteln sein“, betont Ortmann, „aber ein bisschen Heu wäre schön.“ Auch sonst freut sich der Zirkus über Besucher: „Wir haben nichts dagegen, wenn sich jemand die Tiere angucken will.“ In ihrem notgedrungenen Novemberquartier in Egelsbach fühlt sich die Zirkusfamilie wohl: „Das ist eine schöne Fläche für unsere Tiere“, sagt Ortmann. „Wir sind froh, dass wir hier herkommen durften.“

Wer dem Circus Rolina Futter vorbeibringen möchte, kann Freddy Ortmann unter 0157 30724419 erreichen.

(Von Manuel Schubert)

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