Frau um Gewinn betrogen

Lotto-Betreiber zu Bewährung verurteilt

Egelsbach/Darmstadt - Gelegenheit macht Diebe: Weil er eine Kundin um ihren sechsstelligen Gewinn bringen wollte, wurde ein 65-jähriger ehemaliger Betreiber einer Lotto-Verkaufsstelle in Egelsbach nun vom Schöffengericht Darmstadt wegen schweren Betrugs zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Von Sina Beck

„Rechtswidrige Vermögensbeschaffung in großem Ausmaß“ wird dem in Hanau lebenden Einzelhandelskaufmann laut Anklageschrift vorgeworfen. Dabei handle es sich, so Staatsanwältin Anne Huhn, um einen besonders schweren Fall von Betrug. Genau genommen: 469.777 Euro schwer. Im März vergangenen Jahres habe der Angeklagte einer 44-jährigen Kundin, die ihren Lottoschein bei der damals von ihm geführten Annahmestelle im Rewe-Center Egelsbach einlöste, vorsätzlich einen falschen Gewinnbetrag von 8 000 Euro ausgezahlt. Die tatsächlich gewonnene Summe betrug jedoch 477.777 Euro.

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Dem 65-Jährigen wird daher vorgeworfen, dass er sich an dem einbehaltenen Differenzbetrag bereichern wollte. „Bei jedem Angeklagten gehe ich erst mal davon aus, dass er unschuldig ist“, erklärt Richter Markus Herrlein, der aber mit Blick in die Akten dem 65-Jährigen direkt zu Verhandlungsbeginn den gut gemeinten Rat gibt: „In solchem Fall lohnt sich ein frühzeitiges Geständnis.“ Sogleich zieht sich auch Verteidiger Rolf Kärcher mit seinem Mandaten zur Beratung zurück, doch der Angeklagte bleibt dabei: Er habe lediglich einen Fehler gemacht, es sei keine böse Absicht gewesen. Ein Kamerateam war an dem Freitag bei ihm, da ein Lotto-Glückspilz seinen Gewinn noch nicht abgeholt hatte. Deshalb sei er noch aufgeregt und verwirrt gewesen, als seine Mitarbeiterin ihm den Lotto-Schein der Geschädigten gab und darauf hinwies, es handle sich um einen „Maxi-Gewinn“. Dies seien 8000 Euro, behauptet der Hanauer, also die Summe, die maximal in bar ausgezahlt werden darf. Das Bargeld habe er der Kundin im Nebenzimmer überreicht, an eine Quittung habe er dabei nicht gedacht.

Anschließend wollte die Kundin den Schein mit ihren Gewinnzahlen für das nächste Spiel duplizieren, was nach mehrmaligen Fehlversuchen am Terminal nur mittels manueller Bearbeitung möglich war. Der Angeklagte gibt an, sich noch darüber gewundert zu haben. Zumindest der Ablauf der Tat wird von den Zeugen in weiten Teilen bestätigt. Allerdings versichert der zuständige Bezirksleiter von Lotto Hessen, dass es den Begriff „Maxi-Gewinn“ im System nicht gebe und dieser ergo auch nicht auf dem Monitor angezeigt werden konnte. Eine glatte Gewinnsumme von 8000 Euro sei überdies im Spiel 77 äußerst unwahrscheinlich. Die Geschädigte, die ihren vollständigen Gewinn inzwischen erhalten hat und deshalb anonym bleiben will, erinnert sich außerdem genau, dass sie auf dem Bildschirm das Wort „Zentralgewinn“ gelesen habe. Dem Angeklagten, der über 15 Jahren Erfahrung im Betreiben solcher Lotto-Verkaufsstellen hat, musste also bewusst gewesen sein, dass es sich um einen wertvollen Lottoschein handelte.

Erneut spricht der Vorsitzende Richter nachdrücklich seine Empfehlung zum Geständnis aus, doch der Verteidiger muss weiterhin tatenlos zusehen, wie seine Felle davon schwimmen. Glücklicherweise waren der Geschädigten noch am selben Abend diverse Ungereimtheiten aufgefallen. So habe sie nicht, wie ihr zuvor vom Angeklagten versichert worden sei, die entsprechende Quittung im erhaltenen Geldumschlag vorgefunden. Und auch ihre zuvor verwendete Glückszahl fehlte auf dem neu ausgestellten Tippschein und wurde offensichtlich ausgetauscht. Zusammen mit zwei Polizisten suchte sie deshalb am nächsten Tag erneut die Verkaufsstelle auf und wurde – wie von einem der Beamten bestätigt wird – unglaubwürdig überschwänglich von dem Betreiber begrüßt, der seinen angeblichen Fehler bereits am Vortag noch bemerkt haben will. Dagegen spricht jedoch, dass er sich erst an seinen zuständigen Bezirksleiter wandte, nachdem die Polizei schon bei ihm gewesen war.

Auch seine Mitarbeiterin bezeugt, dass er ihr gegenüber einen derart markanten Fehler mit keinem Wort erwähnt habe. Der Berg an Fakten, die gegen den Hanauer sprechen, wächst bis zum Ende des Verfahrens an. „Er hat sich sehr merkwürdig, wenn nicht dämlich verhalten“, erklärt Verteidiger Kärcher ohne Umschweife. Er sieht allerdings, anders als die Staatsanwaltschaft, keinen Vorsatz in dessen Handlung. Da der Angeklagte bereits seine Lotto-Lizenz und praktisch seine Existenz verloren hat, bittet er um Nachsicht. Das Gericht kommt jedoch zur Überzeugung, dass es sich um einen besonders schweren Fall von Betrug handelt und eine Bereicherungsabsicht vorlag.

Zwar wirken sich die bis dato weiße Weste des Angeklagten sowie der Umstand, dass die Geschädigte ihren tatsächlichen Gewinn erhalten hat, strafmildernd aus, aber mit seinem Urteil tendiert Amtsgerichts-Präsident Herrlein zur Staatsanwältin: Eine zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten sowie 2400 Euro Geldstrafe, die der Bürgerstiftung Darmstadt zugute kommt.

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Rubriklistenbild: © dpa

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