Aus Alt mach Alt mit Baustoff Lehm

Annkathrin Hoeck und Bernfried Kleinsorge sind stolz darauf, dass die eine Hälfte ihrer Hofreite wieder historischen Charme ausstrahlt.
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Annkathrin Hoeck und Bernfried Kleinsorge sind stolz darauf, dass die eine Hälfte ihrer Hofreite wieder historischen Charme ausstrahlt.

Egelsbach - Nach zehn Monaten voller Staub und Dreck sind Bernfried Kleinsorge (55) und Annkathrin Hoeck (53) am Ziel aller Wünsche. Von Holger Borchard

Der IT-Spezialist und seine Lebensgefährtin haben ihre mehr als zwei Jahrhunderte alte Hofreite in der Weedstraße 12 aufwändig und stilgerecht renovieren lassen. Um das Anwesen wieder komplett im historischen Charme erscheinen zu lassen, setzte das Paar konsequent auf umweltfreundliche und historische Materialien – und den zentralen Baustoff Lehm.

Wo heute die Sitzecke ist, wurde vor einigen Monaten noch unter Atemschutz gearbeitet.  

„Wir haben ein altes Haus wieder zu einem alten Haus gemacht, unter Verwendung eines Baustoffs, der über die Jahrhunderte nichts von seinen optimalen Eigenschaften verloren hat“, fasst Bernfried Kleinsorge zusammen. Lehm habe nur gute Seiten, betont er. „Er ist billiger als herkömmliche Baustoffe, frei von Bauchemikalien, in der Herstellung CO2-neutral, vollständig recycelbar und sorgt für konstant gesundes Raumklima.“ Rund zwölf Tonnen des Baustoffs, auf den Kleinsorge so schwört, wanderten im Lauf der vergangenen Monate neu zwischen die Fachwerk-Balken. Es hätte spielend die doppelte Menge sein können, doch die Sanierung bestätigte Kleinsorges Lobeshymnen eindrucksvoll. „Hinter alten Tapeten und Wandverputz beziehungsweise unter alten Teppichen, PVC-Belägen und Fliesen kamen Eichenholz und Lehmgefache in tadellosem Zustand zum Vorschein“, erzählt er. „Und wo der 200 Jahre alte Lehm unbeschädigt war, haben wir ihn drin gelassen – der hält problemlos den nächsten 200 Jahren stand.“

Zwölf Tonnen frischer Lehm füllten neben dem 200 Jahre alten die Gefache, moderne Heiztechnik verschwand in der Wand.

Der Neuaufbau der freigelegten Bausubstanz erfolgte etappenweise nach stets gleichem Prinzip: Zunächst füllte man Hohlräume mit Lehmhäckseln – einem Mix aus trockenem Lehm und Holzspänen, dann wurde die erste Wandschicht geschlemmt. Es folgte ein Latten-Unterbau, auf den wiederum fertige Lehmplatten aufgeschraubt wurden. „Die Platten haben Hohlräume, in denen sich biegsame Rohrleitungen bestens verlegen lassen“, schildert Kleinsorge. So kamen die neuen Räume nicht nur zu optimaler Dämmung, sondern ebenso zu Wandheizungen. „Alles war und ist klassische Handwerksarbeit“, sagt Kleinsorge. „Aber obwohl Lehm seit einigen Jahren eine regelrechte Renaissance erlebt, muss man erst mal Handwerker finden, die sich darauf spezialisiert haben.“

Das schlüssige Konzept endet nicht im Inneren des in Grundriss, Fenstern und Türen komplett überarbeiteten Hauses. Solaranlage auf dem Dach, Hof-Pflaster aus 100 Jahre alten Feldbrandziegeln, sechs im Norden bzw. Südwesten Deutschlands aufgetriebene Türen und eine 200 Jahre alte Eichentreppe aus einem Weingut (sie führt ins noch der Lehmsanierung harrende Dachgeschoss) krönen den originalgetreu-ökologischen Bauansatz.

Das Lehmquartier im Internet

Bewohnt werden die zwei urigen, warmen Geschosse im Übrigen nicht von ihren Eigentümern. Vielmehr kann jeder, der mag, dort auf Zeit einziehen. Hoeck und Kleinsorge vermieten ihr „Lehmquartier“ an Reisende; sie selbst wohnen gegenüber in der anderen Hälfte der Hofreite. „Die war leider schon konventionell saniert“, bedauert Kleinsorge.

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