Neu-Bürgermeister Wilbrand

Das Wunder der 1000 Stimmen

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Innige Umarmung mit der treusten aller Anhängerinnen in der Stunde des Triumphs: Tobias Wilbrand mit Tochter Maite.

Egelsbach - Egelsbach hat gewählt – und wird ab Sommer den ersten Grünen-Bürgermeister seiner Geschichte erhalten. Ein ebenso überraschender wie spannender Ausgang. Von Holger Borchard 

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Was ist am Wahlsonntag passiert? Wie bewerten die beiden Hauptakteure das Erlebte? Und: Was lässt die Personalie im Hinblick auf die künftige Marschroute in Verwaltung und Politik schlussfolgern?
Es ist schon ein Paukenschlag, für den Egelsbachs Wähler da am Sonntag gesorgt haben. Sie bestimmten den Grünen Tobias Wilbrand zum kommenden Mann im Rathaus – am 21. Juni wird der 46-Jährige das Amt des Bürgermeisters und damit die Nachfolge von Jürgen Sieling (SPD) antreten. 2241 Stimmen stehen in der Stichwahl für den Grünen zu Buche, der Amtsinhaber sammelte derer nur 1962. Eine Differenz von 279 Stimmen – angesichts 8 725 potenziellen Wählern auf den ersten Blick ein nicht allzu großer Vorsprung. Die meisten Wahlbeobachter waren sich freilich schon am Sonntagabend in den ersten spontanen Analysen einig: Man darf Wilbrands Vorsprung als hoch bezeichnen. Dies nicht zuletzt, weil der Grüne einen vermeintlich aussichtslosen Rückstand von 500 Stimmen in der Stichwahl gut machte. Mit annähernd 1 000 Stimmen Zugewinn hat Wilbrand den von den ausgeschiedenen Konkurrenten Axel Vogt (FDP) und Jörg Leinberger (unabhängig, aber unterstützt von CDU und Linken) hinterlassenen „Markt“ nahezu vollständig abgegrast. Sozialdemokrat Sieling indes vermochte sein Ergebnis von vor zwei Wochen (1724) nur noch um knapp 240 Stimmen zu steigern – zu wenig.

„Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich fest damit gerechnet habe, Bürgermeister zu werden“, betont Tobias Wilbrand am Montagmittag im Gespräch mit der Redaktion. „Die einzige in unserer Familie, die immer fest dran geglaubt hat, ist meine Tochter Maite. Aber ich wusste, dass es knapp wird – und genau dafür haben mein Wahlkampfteam und ich ja auch in den vergangenen Wochen und gerade im Endspurt mächtig Gas gegeben.“

Mächtig Gas gegeben haben Wilbrand und seine Unterstützer auch bei der rauschenden Wahlparty in der Luchmann-Scheune. „Sprechchöre mit meinem Namen, dazu minutenlanger Applaus: Das lief genauso so surreal weiter, wie dieser ganze wunderbare Abend für mich gelaufen ist“, bekennt Wilbrand. Eine kurze, in unruhigem Schlaf verbrachte Nacht und einen Vormittag später ist der Grüne noch immer „geflasht“, wie er sagt. „Eigentlich hatte ich uns allen Entspannung verordnet, aber das können wir jetzt erst mal vergessen.“

Zum Vergessen – nichts beschreibt den Sonntag aus Sicht des Amtsinhabers und seiner Partei treffender. „Ich bin mit mir im Reinen und weiß beim besten Willen nicht, was man mir objektiv anlasten wollte“, resümiert Jürgen Sieling. Seiner Wahlmannschaft habe er am Sonntagabend im Rahmen des naturgemäß von Enttäuschung und Fassungslosigkeit geprägten Beisammenseins in der Gaststätte Alt Egelsbach Dank für den engagierten Wahlkampf ausgesprochen. „Die Demokratie lebt von Aufs und Abs“, sinniert der Abgewählte und betont: „Ich habe alle in meiner Partei um respektvollen Umgang mit dem Wahlergebnis und Tobias Wilbrand gebeten. Wer mich kennt, der weiß, dass ich traurig bin, weil der Job mir richtig Spaß macht. Wer mich kennt, weiß aber auch: Ich tue alles für eine geordnete Amtsübergabe – so, wie es sich gehört.“

Bilder von der Stichwahl in Egelsbach

Worte, die der Grüne gerne hört. Seinen Job als selbstständiger Personalberater wird Wilbrand an den Nagel hängen, so viel ist klar. „Ich habe bewusst nur bis Mai Termine vereinbart und will so gut wie möglich vorbereitet sein“, sagt er. „Bevor ich das Bürgermeisteramt übernehme, möchte ich gerne möglichst alle Abteilungen und Ämter im Rathaus persönlich kennengelernt haben. Ich kann mir gut vorstellen, das als eine Art Hospitanz zu machen, und möchte mich darüber mit Jürgen Sieling kurzschließen.“ Ferner plant Wilbrand den Besuch des ein oder anderen Seminars, um sich im Themenfeld kommunale Verwaltung noch mehr Know-how anzueignen. „Dafür kommen Angebote des Hessischen Städte- und Gemeindebundes oder auch der Landes-Grünen infrage.“ Wilbrands Versprechen: „Ich werde vorab auch mit allen Parteien und Fraktionen sprechen, um bestmögliche Rahmenbedingungen für den Start zu schaffen.“

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