Mit kühlem Kopf im Beiboot

Noch keine Angst vor Flugrouten-Änderung

Egelsbach/Erzhausen -  Eine drohende Flugrouten-Verlagerung aus Richtung Darmstadt in hiesige Gefilde, schürt Ängste im Nachbarort Erzhausen. Während jenseits der Kreisgrenze die Unruhe wächst, verordnet Egelsbachs Bürgermeister sich und der Gemeinde kühlen Kopf. Von Holger Borchard 

Kann Egelsbachs Bürgermeister entspannt (und tatenlos) zusehen, wenn der Amtskollege im Nachbarort einen Brandbrief an den Hessischen Ministerpräsidenten schreibt? „Kann ich“, sagt Jürgen Sieling. „Es ist zwar ein offenes Geheimnis, dass es die Planspiele gibt, aber: Um die Dinge bewerten zu können, braucht man zuverlässige Informationen. Und die gibt es derzeit einfach noch nicht.“ Darin stimme der „wie üblich gut informierte“ Vorsitzende der Fluglärm-Abwehrgemeinschaft Egelsbach, Günther de las Heras, absolut mit ihm überein, merkt Sieling an.

Planspiele – das bezieht sich auf die altbekannte Auseinandersetzung um Flugrouten, die seit 2016 aus dem Darmstädter Norden neu befeuert wird. Dort fordern Bürgerinitiativen die Verlegung der Abflugroute „Amtix“, ehemals bekannt als „König kurz“ vom Rhein-Main-Airport über Darmstadt. Würde das geschehen, müssten die Menschen in Wixhausen, Erzhausen und wohl auch in Egelsbach zusätzlichen Fluglärm in Kauf nehmen (unsere Zeitung berichtete).

Kompletter Ort wäre Lärmbelastung ausgesetzt

Im Darmstädter Norden haben sie dem Ministerpräsidenten schon längst geschrieben, um die Amtix-Verlegung gen Erzhausen zu forcieren. Nun haben Erzhausens Bürgermeister Rainer Seibold, Gemeindevorstand und Gemeindevertretung Volker Bouffier angeschrieben, um jenem die Folgen der Amtix-Verschiebung für ihren Ort vor Augen zu führen. „Für Erzhausen wäre das eine historische Katastrophe“, heißt es in dem offenen Brief, der unserer Zeitung vorliegt. Als Folge wäre fast der komplette Ort einer Lärmbelastung von 55 Dezibel und mehr ausgesetzt – „die gesunde Entwicklung Erzhausens über Jahre würde ein abruptes Ende finden“.

Die weit vorangeschrittenen Pläne seien der Gemeinde Erzhausen auf inoffiziellem Weg bekannt geworden, kritisiert Seibold. „Offizielle und detaillierte Information oder gar Beteiligung hat bis heute nicht stattgefunden und gerade die Geheimniskrämerei macht uns stutzig“, ärgert sich der Rathauschef. Insofern werde Erzhausen mit allen verfügbaren Mitteln gegen die Routenverlagerung vorgehen.

13 Dinge, die Sie auf Reisen mit dem Flugzeug beachten sollten

Bei Jürgen Sieling weckt Letzteres die Erinnerung an die Schlappe vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof, die die Egelsbacher mit ihrer Klage gegen die sogenannten Gegenanflüge zum Frankfurter Flughafen auf südlicher Route erlitten haben. Deshalb sei ihm vorerst „an nüchterner Sachstandsbestimmung“ gelegen. „Die Untersuchung hat stattgefunden, sowohl auf dem Papier als auch in Form von Befliegungen – unter dem Strich steht, dass die veränderte Route technisch zu fliegen ist. Das würde etwa 6 500 Menschen im Darmstädter Norden ent- und 1 500 bis 2 000 Menschen im Erzhausener Norden und Wixhäuser Süden belasten.“ Mehr Anhaltspunkte, Lärmdaten etc. gebe es indes nicht – „die sind für den Herbst zur Sitzung der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft der Flughafen-Anrainer avisiert“, weiß Sieling. Bis dahin gelte: „Wir verfolgen das aufmerksam und sitzen sozusagen mit Messel im Erzhäuser Beiboot. Ich habe gerade erst vor drei Tagen mit Rainer Seibold telefoniert.“

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare