Pionier, Visionär und Mäzen Egelsbachs

Gerold Fleissner im Alter von 92 Jahren verstorben

Visionär, Mäzen, große Persönlichkeit: Gerold Fleißner ist im Alter von 92 Jahren in seinem Altersdomizil in der Schweiz verstorben. In und für Egelsbach hat der Unternehmer zeitlebens viel bewirkt, an seine großzügige Spende für das Freibad erinnert eine Tafel (kleines Bild).
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Visionär, Mäzen, große Persönlichkeit: Gerold Fleißner ist im Alter von 92 Jahren in seinem Altersdomizil in der Schweiz verstorben. In und für Egelsbach hat der Unternehmer zeitlebens viel bewirkt, an seine großzügige Spende für das Freibad erinnert eine Tafel (kleines Bild).

Egelsbach - Er war Unternehmer vom alten Schlage, Pionier und Visionär zugleich, über Jahrzehnte der Arbeitgeber schlechthin im Ort und ein Mäzen Egelsbachs: Gerold Fleissner ist vor Kurzem im Alter von 92 Jahren in der Schweiz verstorben. Von Holger Borchard

Zur letzten Ruhe gebettet werden will der große Mann der Textil-, Chemiefaser- und Nonwovens-Industrie in Egelsbach. Der Name Fleissner ist untrennbar mit Egelsbach verbunden, die Straße zum Flugplatz ist nach Gerolds Vater Hans benannt. Jener hatte das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg in Egelsbach aufgebaut und es Ende der 60er Jahre an seine beiden Söhne übergeben. Nach dem Tode von Bruder Heinz übernahm Gerold Fleissner 1984 die Gesamtleitung der Firma mit mehr als 800 Mitarbeitern. Die Charakterisierung Unternehmer des alten Schlages im besten Sinne wird Gerold Fleissner gerecht. In seiner Person vereinten sich Mut und Tatkraft, Visionen und Erfindergeist und nicht zuletzt Verantwortung und soziales Engagement. Dem Fachwissen der Familie Fleissner entsprangen etliche Patente, die den Erfolg der Firma über einen langen Zeitraum gesichert und die Textilindustrie weltweit bereichert haben.

Die Wurzeln des Familienunternehmens liegen im böhmischen Asch. Dort legte Johann Christian Fleissner 1884 den Grundstein seines Betriebs mit acht Gesellen in einer Schmiede. In der Folgezeit wurden in der zweiten Generation von Karl Fleissner Stahlkonstruktionen und Textilmaschinen erzeugt sowie eine Eisengießerei gegründet. Hans Fleissner entwickelte 1929 den ersten Siebtrommeltrockner und meldete die Erfindung zum Patent an. Dies war die Geburtsstunde der Durchströmtrockentechnik. Weitere Patente folgten und so machte sich Fleissner bald weltweit einen Namen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Fleissner zur Neugründung gezwungen, was zwischen 1948 und 1951 mit Umweg über Bayreuth in Egelsbach geschah. Zahlreiche Arbeiter folgten Hans Fleissner von Asch nach Egelsbach – der Anfang einer glanzvollen Geschichte. Viele Mitarbeiter waren über Jahrzehnte am Standort beschäftigt. Qualifizierte Ausbildung war Säule der Unternehmenspolitik; für die Gemeinde war Fleissner der wichtigste Arbeitgeber.

Mitte der 60er Jahre entwickelte sich die Herstellung von Chemiefasern wie Polyester, Polyamid, Polypropylen, Polyacryl etc. bei den Chemiefaserherstellern zur Produktionsreife. Da das Unternehmen in der Zellwollindustrie über viele Jahre erfolgreich war, gelangen dank guter Geschäftsbeziehungen zu den Faserherstellern und des Ideenreichtums der Ingenieure rasch der Einstieg und Durchbruch zum weltweit größten Lieferanten für Stapelfaseranlagen.

1965 wurde die US-Niederlassung in Charlotte (North Carolina) gegründet und drei Jahre später übergab Hans Fleissner die Firma in die Hände der Söhne Heinz und Gerold. Heinz war für die kaufmännische Führung, Gerold für die technische Leitung des Unternehmens verantwortlich. Ab 1984, nach dem Tode des Bruders, führte Gerold Fleissner in alleiniger Verantwortung die Geschicke der Firma. In der Folge erkannte er als einer der Ersten das Potenzial des asiatischen Markts; schon 1993 eröffnete das Firmenbüro in Peking. Zu diesem Zeitpunkt war Fleissner mit eigenen Vertretungen und Industriekooperationen in mehr als 80 Ländern präsent.

Neben dem schon ausgebauten Produktionsprogramm für Chemiefaser-, Wolle-, Web-und Maschenwaren sowie Teppiche entwickelte Gerold Fleissner den seit Ende der 60er Jahre aufgebauten Nonwovensbereich konsequent weiter, was die Firma zu einem der führenden Hersteller von Hochleistungs-Anlagen für die Vliesindustrie gemacht hat. Durch Übernahme der Firma Mohr in Ansbach 1995 wurde Fleissner auch in der Herstellung und Lieferung von Wattevliesen führend. In dieser Zeit revolutionierte Gerold Fleissner das von seinem Vater erfundene Siebtrommeltrocknungsprinzip (bis dahin waren mehr als 40.000 Trommeln verkauft), was den Einstieg in einen neuen Produktionsbereich ebnete: die Trocknung mit hoher Geschwindigkeit von luftdurchlässigen Filterpapieren und Tissue für hochqualitative Softpapiere.

Als unternehmerischer Pionier und Visionär verstand Gerold Fleissner es über Jahrzehnte die Weltmarktposition des Unternehmens zu stärken. Alle großen Namen der Branche wussten die Technik „made in Egelsbach“ zu schätzen. Fleissner-Anlagen spiegelten stets den aktuellen Stand von Forschung, Technik und Umwelttechnologie wider. Kein Zufall, hatte für Gerold Fleissner doch die Kooperation mit Forschungsinstituten, Universitäten, Maschinenbau- und Textilvereinigungen sowie Faserherstellern hohen Stellenwert. Nicht zu vergessen: Wünsche und Anregungen der Kunden als Antrieb und Kernaufgabe.

So ist die Geschichte von Fleissner eine Erfolgsgeschichte von vier Generationen von Unternehmern, die freilich mit Gerold Fleissner endete. Da keine Nachkommen das Lebenswerk fortsetzen konnten, verkaufte er 2003 das Unternehmen an die Zimmer AG (Frankfurt), deren Muttergesellschagt mg technologies die Fleissner GmbH 2006 an die Trützschler GmbH (Mönchengladbach) weiterveräußerte. Fleissner selbst zog sich seinerzeit noch nicht aufs Altenteil zurück, sondern führte noch bis 2009 die nicht an Zimmer verkaufte kleinere Fleissner Nonwovens GmbH Ansbach weiter.

Bilder: Brunnenfest in Egelsbach

Klammernschnitzerbrunnenfest 2017 in Egelsbach: Bilder
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Sein Erfolg wäre nicht möglich gewesen ohne eine starke Frau an der Seite – das hat Gerold Fleissner stets betont. Elisabeth Fleissner hat ihrem Mann den Rücken freigehalten, sodass er sich voll aufs Wohl der Firma konzentrieren konnte. Darüber hinaus war auch sie Pfeiler des Betriebs und stets mit großer Liebe und Engagement für Kunden wie Mitarbeiter an der Seite ihres Mannes. Gemeinsam repräsentierte das Paar über viele Jahre Fleissner-Produkte auf allen wichtigen nationalen und internationalen Messen. So mancher Kunde von einst dürfte sich noch gut an glanzvolle Auftritte der Fleissner-Messestände erinnern.

Aus Egelsbacher Perspektive freilich bleibt über den reinen Arbeitgeber hinaus das soziale Engagement von Gerold und Elisabeth Fleissner nachhaltig in Erinnerung. Von finanzieller Unterstützung können ehemalige und amtierende Vorstände der Egelsbacher Vereinswelt ein Liedchen singen. Unter anderem die Weihnachtsbeleuchtung im Ort haben die Fleissners aus der Schweiz „gesponsert“. Die dickste Spende jedoch hinterließ das Paar, als es anno 2004 die Zelte in Egelsbach abbrach: eine Viertelmillion Euro für den Erhalt des Freibads. Den Stellenwert würdigt eine Tafel am Bad, der nichts hinzuzufügen ist.

Ein Termin für die Beisetzung Gerold Fleissners steht noch nicht fest. Geplant ist, dass der Verstorbene im Familiengrab auf dem Egelsbacher Friedhof die letzte Ruhe finden wird. Eine Trauerfeier in der evangelischen Kirche ist ebenfalls angedacht.

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