Podiumsdiskussion der Offenbach-Post

Kandidaten-Trio vor Wahl auf dem Prüfstand

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Bis auf den letzten Platz besetzt war das Egelsbacher Bürgerhaus bei der Podiumsdiskussion unserer Zeitung. Gut 350 Gäste ließen sich die Chance nicht entgehen, die Kandidaten um das Bürgermeisteramt live zu erleben und ihnen Fragen zu stellen. Krankheitsbedingt fehlte jedoch der vierte Bewerber Jörg Leinberger.   - Fotos: Strohfeldt

Egelsbach - Kurz vor der Bürgermeisterwahl am Sonntag bezogen die Kandidaten bei der Podiumsdiskussion unserer Zeitung Stellung zu Themen, die den Ort bewegen. Auf hitzigen verbalen Schlagabtausch musste die 350 Zuschauer zwar verzichten, dennoch offenbarten sich unterschiedliche Visionen. Von Julia Radgen

Ein „Titelverteidiger“ und zwei „Herausforderer“ stehen am Mittwochabend im Egelsbacher Bürgerhaus auf dem Podium: Amtsinhaber Jürgen Sieling (SPD), Tobias Wilbrand (Grüne) und Axel Vogt (FDP) – der vierte Kandidat Jörg Leinberger fehlt krankheitsbedingt. Sie stellen sich den Fragen unserer Redakteure Holger Borchard und Markus Schaible und jenen der Zuschauer. Die sind zahlreich gekommen: Bis in die hinterste Reihe stehen die Egelsbacher und nutzen die Chance, sich vor dem Gang zur Wahlurne ein eigenes Bild von den Kandidaten zu machen.

Eingangs darf jeder Kandidat seine Ideen skizzieren: FDP-Mann Vogt macht in der ausgelosten Reihenfolge den Anfang. Als Herausforderungen nennt er zudem das Thema Haushalt und den wachsenden Zuzug. Zudem bemängelt Vogt: „Oft regt sich Protest im Ort, weil die Bürger Entscheidungen zu spät mitbekommen.“ Der Grünen-Kandidat Wilbrand plädiert für mehr Beteiligung der Bürger und will Ehrenamtlichen stärker unter die Arme greifen. „Die Strukturen in der Verwaltung sind noch nicht so, wie sie sein sollten“, betont Wilbrand. Amtsinhaber Jürgen Sieling sagt: „Egelsbach steht heute deutlich besser da als vor sechs Jahren, aber es gibt noch viel zu tun.“ Die Expertise, die er sich im Amt angeeignet hat, wolle er weiter anwenden.

Abwechselnd am Mikrofon: Der Kandidat der Grünen, Tobias Wilbrand (links), nebst dem amtierenden Bürgermeister Jürgen Sieling.

Dann sind die Einschätzungen des Bewerber-Trios zu Themen gefragt, die den künftigen Rathauschef in den kommenden sechs Jahren beschäftigen dürften. Zunächst geht es um die Ansätze zur Gestaltung der Ortsmitte – die schon einmal ins Leere gelaufen ist. Wilbrand kritisiert: „Der Dialog mit den Bürgern ist letztes Mal nicht gelungen.“ Die Anwohner müssten diesmal von Anfang an mit ins Boot geholt werden. Mit den „parkplatzreichen Geschäften“ des Gewerbegebiets könne man nicht konkurrieren. „Wir müssen eine Ortsmitte schaffen, in der die Menschen gerne verweilen und in den Läden vorbeigucken“, fordert Wilbrand. Bürgermeister Sieling betont, ein Vorstoß zur Gestaltung der Ortsmitte dürfe sich nicht erneut in politischem Streit über Detailfragen verlieren. „Am Ende ist es aus meiner Sicht an der Straßenbeitragssatzung gescheitert.“ Diese Hindernisse seien jedoch aus dem Weg geräumt: „Das sind zwei gute Voraussetzungen“, findet Sieling. Vogt erachtet den Entwurf von 2015 als „überdimensional für die klamme Kommune.“ Der FDP-Kandidat findet: „Die Ortsmitte von oben bis unten durchzupflastern ist trostlos.“ Er setze auf Gastronomie, um die Ortsmitte zu beleben und Leerstand zu vermeiden. Darauf schaltet sich Sieling mit der Verwaltungsperspektive ein: Das Rathaus sei mit Gewerbetreibenden im Gespräch, das letzte Wort habe der Eigentümer. „Kein Bürgermeister der Welt hat Einfluss darauf, was für ein Geschäft dort aufmacht“, so Sieling. Wilbrand kritisiert dennoch „verpasste Chancen“ und beklagt, die Abläufe müssten besser kommuniziert werden.

Die Ortsmitte bringt die Kandidaten zum Thema Bürgerbüro: Während Sieling die Anlaufstelle für schnelle Verwaltungs-Angelegenheiten als richtige Entscheidung für mehr Bürgerservice verteidigt („Es waren vorher unerträgliche Zustände im Rathaus.“), kritisieren seine Kontrahenten das System unterschiedlich stark. „Das Bürgerbüro sollte die Ortsmitte beleben, aber dort ist immer wenig los“, bemängelt Vogt. Sieling verteidigt die Zweiteilung: „Im Bürgerbüro sollte man nach fünf Minuten bedient sein.“ Das Rathaus sei weiter Anlaufstelle für komplizierte Angelegenheiten wie Steuern oder Bausachen. Diese Doppelstruktur verursache aber unnötige Kosten, kritisiert Vogt und erntet dafür kräftigen Applaus. Anstelle der Mietkosten wäre ein kleiner Anbau am Rathaus sinnvoller gewesen, urteilt der FDP-Kandidat. Wilbrand mag sich der Kritik nur teilweise anschließen: „Das Konzept des Bürgerbüros ist notwendig, aber die Strukturen stimmen nicht.“ Der Grüne kritisiert die veraltete EDV-Technik und ebenfalls die hohen Mietkosten.

Liveticker zur Bürgermeisterwahl in Egelsbach

Auch FDP-Kandidat Axel Vogt erläuterte seine Vorhaben.

Damit sind die kontroversesten Themen der Diskussion erst mal abgehakt. Harsche Kritik und Vorwürfe für politische Entscheidungen äußern die Kandidaten nicht. In Sachen Ausgaben fordern Wilbrand und Vogt mehr Transparenz im Haushalt – für Bürger und Gemeindevertretung. Sieling betont, es gebe keine finanziellen Spielräume mehr: „Die Zitrone ist ausgequetscht.“ Dass die Schutzschirmkommune weiter sparen muss, verschweigt keiner. „Grundsteuererhöhungen werden kommen – auch mit mir“, sagt Vogt. Auch in Sachen Gewerbezuzug liegt das Trio weitgehend auf einer Linie: Alle Kandidaten wünschen weniger Leerstand, mehr Gewerbesteuerzahler und attraktive Firmen. „Die Gemeinde zeigt keine große Initiative, um Firmen zu gewinnen“, kritisiert Vogt und plädiert für inhabergeführte mittelständische Unternehmen. Wilbrand hingegen fordert „andere, kreative Lösungen.“ Er könne sich eine Indoor-Freizeitanlage oder einen Kletterpark vorstellen. Sieling kontert: „Das hatten wir alles schon. Wenn der Eigentümer nicht will, kann die Gemeinde nichts machen.“ Zudem scheitere die Verwaltung an Auflagen der Kreisbauaufsicht. „Es darf sich kein neuer Einzelhandel ansiedeln, das schreibt der Flächennutzungsplan vor“, erklärt der Amtsinhaber und erntet erstauntes Raunen im Saal. Gleichzeitig weist der Grüne darauf hin, die Gewerbesteuer sei eine „launische Diva“, mit den Einnahmen sollte man besser nicht planen. „Die verlässlichere Variante wäre es, Gebiete in Wohnfläche umzuwandeln.“

Bilder zur Bürgermeisterwahl: Kandidaten diskutieren

Alle drei Kandidaten wollen zudem Vereine und Ehrenamtliche unterstützen und deren Vernetzung fördern. Auch die Gründung einer neuen Wohnungsbaugesellschaft ist unumstritten. Vogt mahnt jedoch, keinen „Verwaltungswasserkopf“ zu schaffen, indem man einen eigenen Geschäftsführer einsetzt. „In Richtung GmbH“ soll es für Wilbrand gehen – „ohne einen Riesen-Verwaltungsapparat.“ Über eine Zusammenarbeit mit Langen könne man nachdenken, meinen beide. Alle sehen die Notwendigkeit, an der Leimenkaute neuen bezahlbaren Wohnraum zu schaffen – auch in Hinblick auf die Wohnungen in Bayerseich, deren Sozialbindung wegfällt. Wilbrand kritisiert, dass die Gemeinde für die Wohnblocks samt Packdeck nicht ihren Hut in den Ring geworfen hat und der Investor nun am Zug ist: „Es wurde nicht mal versucht, das ärgert mich.“ Sieling argumentiert mit den Kosten und erklärt, die Firma sei automatisch Partner der Gemeinde – „ob wir wollen oder nicht“. Deshalb sei eine gemeindeeigene Wohnungsbaugesellschaft so nötig, sagt der amtierende Bürgermeister: „Wir dürfen uns nicht auf Dritte und Vierte verlassen.“

Die Zuschauerfragen drehen sich um die Straßenbeitragssatzung, eine weiterführenden Schule – und den Flugplatz. Ein Bürger will von den Kandidaten wissen, ob die Gemeinde ihre Anteile daran behalten oder verkaufen soll. Hierauf gibt das Trio nach zweieinhalb Stunden die einzige kurze und absolut einhellige Antwort des Abends: „Behalten!“

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