Fingierter Unfall, fiktives Hotel

Prozess: Mann soll Vermieter aus Egelsbach (93) um 200 000 Euro erleichtert haben

Immer wieder bat der 33-jährige Dietzenbacher seinen Vermieter um Geld. (Symbolbild)
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Immer wieder bat der 33-jährige Dietzenbacher seinen Vermieter um Geld. (Symbolbild)

Ein 33-Jähriger soll sich das Vertrauen seines 93 Jahre alten Egelsbacher Vermieters erschlichen und ihm so eine riesige Geldsumme abgezockt haben - unter anderem mit einem erfundenen Lkw-Unfall. Dafür steht er nun vor dem Amtsgericht.

Langen/Egelsbach – An einer einzigen Aussage hing ein Betrugsprozess am Amtsgericht Langen: an der eines 93-jährigen Egelsbachers, der an einer Aufklärung schon im Vorfeld kein Interesse gezeigt hatte. Dass die Beweislage damit auf wackligen Füßen stand, war also klar. So kam, was kommen musste: Der Hauptbelastungszeuge erschien nicht zur Aussage. Richterin Natalie Herbert stellte nach einem Rechtsgespräch das Verfahren ein.

Zur Entschuldigung des Seniors muss man hinzufügen, dass drei Tage zuvor seine Ehefrau verstorben war und er an einer beginnenden Demenz leidet. Angeklagt war ein 33-jähriger Dietzenbacher. Er soll den 93-Jährigen, seinen Vermieter, von 2017 bis 2019 um fast 200 000 Euro erleichtert haben. Um an das Geld zu kommen, erfand der sechsfache Vater verschiedene Notlagen: Er habe mit seinem Lkw auf der A 5 einen Unfall gebaut. Bis zur Regulierung durch die Versicherung brauche er ein Überbrückungsgeld. Dass diese scheinbar nicht erfolgte, erklärte er mit einem Rechtsstreit, für den er wiederum Geld benötigte. Natürlich wolle er das Darlehen zurückzahlen.

Dafür erfand er die nächste Geschichte: Er besäße in Rumänien ein Hotel, das er verkaufen wolle. Was er angeblich tat. Von dem Erlös sollte auch der Rentner ausbezahlt werden. Nun gebe es aber an der Grenze ein Problem mit dem Zoll, um das Geld nach Deutschland zu schaffen. Dafür benötige er wieder einen Vorschuss. Die Betrugsmasche wird neudeutsch als „Scamming“ bezeichnet, sie geschieht oft im Internet über Datingportale.

Wie viele dieser Maschen der Dietzenbacher mutmaßlich anwandte, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass der Geschädigte den ihm seit vielen Jahren guten Bekannten niemals angezeigt hätte und wohl an eine Rückzahlung glaubte. Die Strafanzeige erledigte der 56-jährige Sohn. Er besitzt Vollmacht über die Konten seines Vaters, von den Betrügereien soll er aus dessen Erzählungen erfahren haben. Die vielen Barabhebungen zwischen und 100 und 5000 Euro erschienen ihm eher unverdächtig.

Am 31. März 2019 bekam der Vater dann Besuch von einem Polizisten, der der Anzeige nachging. Mit der Aussage, er habe „lukrative Verträge“ mit seinem Mieter, gewährte der Egelsbacher dem Beamten Einsicht in den „Darlehensordner“. Zur Aufklärung beitragen wollte er allerdings nicht. „Ich fühle mich nicht betrogen“, betonte er mehrmals. Und auch, dass er den 33-Jährigen niemals angezeigt hätte und an einer Strafverfolgung kein Interesse habe.

Der Angeklagte, anwaltlich vertreten, schweigt vor Gericht. Wohl wissend, dass ohne seine Aussage und die des Gönners ein Schuldnachweis unmöglich ist. Verteidiger Axel Kollbach regt deshalb gleich zu Prozessbeginn eine verfahrensbeendende Absprache an, Richterin und Staatsanwalt sind einverstanden. Als weder Vater noch Sohn vor Gericht erscheinen, einigt man sich auf eine Einstellung – mit der Auflage, innerhalb von sechs Monaten 5000 Euro an den Geschädigten zurück zu zahlen. (Silke Gelhausen)

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