Schreibend durchs Mittelalter

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„Mit dem Schreiben habe ich meinen Traumberuf gefunden“, ist Alf Leue überzeugt. Der 46-jährige Egelsbacher tourt mit dem Buch „Die vierte Zeugin“, einer Coproduktion zwölf deutscher Autoren, durch die Republik.

Langen/Egelsbach - Ganz entspannt lehnt sich Alf Leue in dem modernen Ledersessel seines Arbeitszimmers zurück. Vor ihm ein wuchtiger Schreibtisch aus dunklem Holz, auf dem sich ein Computer der neuesten Generation silberglänzend abhebt. Von Marc Strohfeldt

Hinter ihm ein schwerer Schrank aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Die Bücher darin sind noch älter. Gesammelte Werke. Goethe, Schiller, Shakespeare. „Ich habe schon als Kind wahnsinnig gerne gelesen“, sagt der 46-jährige Egelsbacher, der heute noch immer gerne liest, noch lieber aber selber schreibt und deshalb gerade mit seinem neuesten Buchprojekt durch die Republik tourt. „Die vierte Zeugin“ heißt das Werk, dass eine Coproduktion von zwölf deutschen Autoren ist, darunter so klingende Namen wie Tanja Kinkel, Oliver Pötzsch und Peter Prange.

Aus einer Benefizaktion ist dieser historische Roman entstanden, der auf einer wahren Begebenheit fußt, die sich Mitte des 16. Jahrhunderts in Köln ereignet hat. Nach dem geheimnisumwitterten Tod eines wohlhabenden Händlers, der sein Vermögen allerdings mit Betrügereien gemacht haben soll, findet sich seine schöne Witwe Agnes vor Gericht wieder, wo sie für die Geschäfte ihres Gatten haftbar gemacht werden soll. Damals, das Mittelalter hatte gerade erst der frühen Neuzeit Platz gemacht, eine unerhörte Forderung, da Frauen noch nicht als geschäftsfähig galten. „Die Vorlage für den Plot haben wir einem alten Gerichtsdokument aus dem Kölner Stadtarchiv entnommen“, erzählt Leue. Wir, das sind Leue selbst und Heike Koschyk, die beide als Herausgeber fungieren und den Verlauf der Handlung vorskizziert haben. Dann bekam jeder der Autoren, die allesamt aus dem Kreis „Historischer Roman Quo vadis“ stammen, eine Romanfigur zugeteilt und durfte je zwei Kapitel lang die Geschichte aus Sicht seines Protagonisten fortspinnen. Es ist der Verdienst von Leue und Koschyk, dass dabei ein Werk ohne Brüche herausgekommen ist.

Dass die Autoren überhaupt auf das historische Dokument aufmerksam wurden, hat einen tragischen Grund, hängt es doch mit dem Einsturz des Kölner Stadtarchives vor knapp vier Jahren zusammen. Die Urkunde wurde dabei stark beschädigt und deshalb zu einer der vielen, für deren Restaurierung man Paten suchte. Das Geld dafür sammelten Quo Vadis-Autoren mit Benefiz-Lesungen.

„Die vierte Zeugin“ ist im Aufbau-Verlag erschienen und kostet 9,99 Euro (als E-Book für 7,99 Euro erhältlich).

Leues Weg zum erfolgreichen Autor verlief keineswegs geradlinig. Nach Schule und Abi in Langen studierte er ein paar Semester, brach ab und gründete mit 24 eine IT-Firma. Erst im heimischen Keller, dann schnell wachsend im Langener Industriegebiet und später in Egelsbach. 2002 gab es einen radikalen Bruch, das Geschäft knickte ein, die Firma ging Pleite. Leue zog sich aus der Branche zurück und begann völlig neu. Drei Jahre Messebau. Danach zog er für sechs Jahre nach Schweden und sanierte dort Häuser. „Es kann wirklich den Kopf befreien, wenn man einfach den ganzen Tag Dämmplatten durch die Gegend schleppt, ohne an sehr viel anderes zu denken“, sagt er schmunzelnd.

In der skandinavischen Weite war es auch, wo Leue sich aufs Schreiben besann und ihm die Idee zu seinem ersten historischen Roman „Schattenfehde“ kam. Dessen Handlung siedelte er aus alter Heimatverbundenheit in Langen an. Nicht leicht sei es gewesen, einen Verlag zu finden – zunächst hagelte es Absagen. „Ich wollte aber unbedingt in einem ,richtigen’ Verlag erscheinen, nicht in einem, dem man für seine Bücher zahlen muss.“

Dem Erstling folgte bald ein zweiter Wurf, der nun im Frankfurter Societäts-Verlag erschien. „Der Fluch des Mechanikus“ heißt er und ist ebenfalls ein historischer Roman. Öffnet man die Homepage des Verlages, erscheint Leues Name auf der Autorenseite direkt nach Alexandre Dumas – wenn das kein Ansporn ist.

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