„Spiel ohne Grenzen“ um ein Jagdrevier

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Dass endlich Ruhe im Egelsbacher Revier einkehrt, scheint illusorisch.

Egelsbach . Es ist eine verworrene Geschichte und seitens der Egelsbacher Beteiligten verspürt offenbar niemand den Drang, zur Aufklärung beizutragen. Seit drei Jahren wandert die erbitterte gerichtliche Auseinandersetzung um das Jagdrevier Egelsbach von Instanz zu Instanz. Von Holger Borchard

Mittendrin: ein Mann, den in der Gemeinde wohl so gut wie niemand kennt, Jagdpächter Erwin Wurm. Der Mühlheimer wehrt sich gegen die Egelsbacher Jagdgenossenschaft, die ihn trotz gültigen Pachtvertrags bis 2017 „abservieren“ will.

Amtsgericht – Landgericht – Oberlandesgericht: Das sind die Etappen, die Jagdpächter und Jagdgenossenschaft bereits hinter sich haben. Aus Wurms Sicht lässt sich der wiederkehrende Lauf der Dinge auf vier Worte reduzieren: „Gekündigt worden, geklagt, gewonnen.“ In der Tat haben die Jagdgenossen bislang in jeder Instanz mit ihren Kündigungen des Pachtvertrags grandios Schiffbruch erlitten (die Urteile liegen der Redaktion zum Teil vor).

„Die Gerichte sprechen eine überdeutliche Sprache“

Zuletzt war das vor zwei Wochen am Landgericht Darmstadt der Fall; das schriftliche Urteil zur Verhandlung soll den Parteien noch vor Weihnachten zugehen. Trotzdem gibt der Jagdpächter sich keinerlei Hoffnungen hin: „Die Gerichte sprechen eine überdeutliche Sprache, aber die stößt auf taube Ohren. Seit Frühjahr 2009 reagiert die Jagdgenossenschaft nach jedem verlorenen Prozess postwendend mit einer neuen Kündigung unter fadenscheiniger Begründung“, schildert Wurm. „Dieses ,Spiel ohne Grenzen’ soll mich wohl mürbe machen – und in Wahrheit ziehen im Hintergrund ganz andere die Fäden.“

Um das zu verstehen, muss man den Streit (der in Jägerkreisen von Darmstadt bis Hanau die Runde macht) zu seinem tragischen Ursprung zurückverfolgen: Zunächst hatte Wurm sich die Jagdpacht mit einem Kompagnon geteilt. Jener beging im Herbst 2008 Selbstmord – auf einem Hochsitz im Revier. Der ein Jahr zuvor auf beide Partner gleichberechtigt und für zehn Jahre abgeschlossene Pachtvertrag (er liegt der Redaktion ebenfalls vor) indes regelt selbst eine so traurige Wendung des Schicksals: „Verstirbt einer der beiden Pächter, steht dem überlebenden Pächter das Recht zu, bis zum Ende des folgenden Pachtjahres einen Mitpächter zu suchen oder den Vertrag [...] zu kündigen.“

„Zu kündigen hatte ich nie vor“

„Zu kündigen hatte ich nie vor“, betont Wurm. Stattdessen habe er „umgehend und rechtsgemäß“ der Jagdgenossenschaft seinen Sohn als Mitpächter benannt. Das freilich habe die Jagdgenossenschaft gar nicht mehr interessiert. „Sie hat im Frühjahr 2009 einfach die Kündigung ausgesprochen. Parallel dazu mobilisierte die Witwe meines ehemaligen Jagdpartners plötzlich eine Reihe von Anwälten gegen mich und benannte ihrerseits einen Jagdpächter“, so Wurm. „Seither wehre ich mich vor Gericht gegen die Jagdgenossenschaft und gegen die Witwe und ihre Anwälte.“

Warum alles so gekommen ist und wer da Allianzen schmiedet, liegt für ihn auf der Hand: „Alle Anwaltsfreunde der Witwe sind passionierte Jäger – einer von ihnen vertritt sowohl sie als auch Jagdgenossenschaft und Gemeinde Egelsbach. Noch Fragen? Da sucht eine Clique ein schönes neues Jagdrevier und instrumentalisiert die Egelsbacher Bauern für ihre Zwecke.“ Zumindest was die Ambitionen einer Seite angeht, ist laut Wurm das Ende der Fahnenstange erreicht. „Die Witwe und ihre Anwälte haben nun auch den letzten Prozess verloren und Revision wurde nicht zugelassen.“

Zu oft im Wald begegnet

Dass endlich Ruhe im Revier einkehrt, scheint dennoch illusorisch. Dafür sind sich die gegnerischen Seiten in den vergangenen drei Jahren zu oft im Wald begegnet, was der örtlichen Polizei wiederholt Arbeit mit Wilderei-Anzeigen bescherte. Und die Jagdgenossenschaft ist nach wie vor nicht zum Einlenken bereit. „Für uns ist der von der Witwe benannte Jagdpächter der legitime Ansprechpartner“, bekräftigt Bürgermeister Rudi Moritz in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Jagdgenossen. „Ich vertraue da voll und ganz unseren Anwälten.“

Warum die Auseinandersetzung überhaupt läuft und vor allem warum so lange und so undurchsichtig, mag Moritz nicht erklären, ebenso wenig, warum er 2010 im Parlament eine Anfrage zum Jagd-Wirrwarr mit dem Verweis „interne Angelegenheit“ abgebügelt hat. Die mittlerweile auf etwa 10.000 Euro aufgelaufenen Kosten der verlorenen Prozesse müsse die Gemeinde jedenfalls nicht anteilig bezahlen, versichert der Rathaus-Chef. „Es gibt eine Absprache, dass die Anwälte diese Kosten übernehmen.“

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