Tobias Wilbrand gewinnt Stichwahl

Triumph des grünen Außenseiters

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Händedruck zwischen Gewinner und Verlierer der Egelsbacher Bürgermeister-Stichwahl: Sieger Tobias Wilbrand (Grüne, rechts) nimmt die Gratulation des äußerlich gefassten, aber sichtlich kalt erwischten Amtsinhabers Jürgen Sieling (SPD) entgegen.

Egelsbach - Historischer Wahlsonntag: Mit Tobias Wilbrand wird erstmals ein Grüner Bürgermeister von Egelsbach. In der Stichwahl setzt sich der 46-jährige selbstständige Personalberater gegen den favorisierten Amtsinhaber Jürgen Sieling (SPD) durch. Von Holger Borchard

Ein Erfolg, der sich vom ersten ausgezählten Wahlbezirk an abzeichnet, von Minute zu Minute konkreter wird und am Ende einen umjubelten, nach eigenen Worten „völlig fertigen“ neuen Rathaus-Chef hervorbringt.
Um punkt 18.37 Uhr kennt der Jubel im Sitzungssaal des Rathauses keine Grenzen mehr. Tobias Wilbrand hat das vermeintlich Unmögliche geschafft! Umringt von Familie, Anhängern und Unterstützern nimmt der designierte Bürgermeister Egelsbachs – er wird das Amt am 20. Juni übernehmen – die Glückwünsche entgegen. Die fallen euphorisch aus, ist Wilbrand doch als Außenseiter ins Rennen gegangen. Mehr als 500 Stimmen hinter Amtsinhaber Sieling (1 724) hatte der Grüne im ersten Wahlgang vor zwei Wochen noch gelegen, als er sich mit 1259 Stimmen hauchdünn gegenüber FDP-Mann Axel Vogt (1 236) in die Stichwahl „rettete“. Doch an diesem Sonntag, 4. März, sprechen die farbigen Balken und Tortenstücke auf den beiden großen Fernsehschirmen im Saal eine ganz andere Sprache: Exakt 53,3 Prozent beziehungsweise 2 241 der abgegebenen Wählerstimmen hat Tobias Wilbrand auf seine Person vereint. Er hat somit mal eben fast 1 000 Stimmen gegenüber der ersten Runde hinzugewonnen – was in der Nachbetrachtung durchaus als Erdrutsch gelten darf.

Kontrahent Jürgen Sieling – während der kompletten Auszählung nicht im Sitzungssaal gesichtet und dort erst wenige Minuten nach Feststehen des vorläufigen Endergebnisses auftretend –bringt es auf 1 962 Stimmen oder 46,7 Prozent. Sein Stimmenzuwachs ist wahlentscheidend bescheiden.

Wilbrand gewinnt sieben der zehn Wahlbezirke; Sieling liegt nur bei den Briefwählern (zwei Bezirke) sowie vor seiner Haustür in einem der zwei Bürgerhaus-Wahlbezirke vorn. Wie schon vor zwei Wochen punktet der Grüne überproportional in Bayerseich, bringt es dort auf zwei 63-Prozent-Resultate.

Die Bürgermeister-Stichwahl im Liveticker zum Nachlesen

„Es ist mir gelungen, die Wähler auf meine Seite zu holen, die in der ersten Runde Axel Vogt beziehungsweise Jörg Leinberger gewählt haben. Und das praktisch komplett“, so Wilbrands erste spontane Analyse. „Aber wir haben auch wirklich einen super Wahlkampf geführt mit der Wahlzeitung zum Abschluss und noch heute Morgen mit 18 Leuten Brötchen im Ort verteilt.“

Freud’ und Leid liegen nahe beieinander an diesem denkwürdigen Abend. Als die Jubelschreie der Wilbrand-Anhänger erklingen, ist der Saal längst in Grünen-Hand. Ein guter Teil der gefühlt spärlicher als vor zwei Wochen erschienenen SPD-Anhängerschaft hat da bereits mit langen Gesichtern das Weite gesucht, zumal ihr Kandidat ebenfalls mit Abwesenheit glänzt. In der Jubeltraube: Tobias Wilbrand. Küsschen hier, Umarmungen dort, schier endloses Händeschütteln, vom Landesverband der Grünen gibt’s Blumen. Die emotionalsten Momente genießt der designierte Rathaus-Chef in den Armen von Ehefrau Pilar Peña und Tochter Maite (12) – Letztere in Freudentränen aufgelöst.

Bilder von der Stichwahl in Egelsbach

Dann ist auch Jürgen Sieling da: Es kommt zum fairen, obligatorischen Händedruck im Blitzlichtgewitter; sogar ein Smalltalk unter sich duzenden Polit-Konkurrenten ist drin. Sieling gibt sich äußerlich gefasst, aber ist ihm anzusehen, dass er von diesem Wahlausgang kalt erwischt worden ist und nicht erwartet hat, beim Händeschütteln als Verlierer dazustehen.

Die spontane Analyse des Amtsinhabers: „Ich muss anerkennen, dass die Wähler der anderen Kandidaten nahezu komplett Tobias Wilbrand gewählt haben.“ Er sehe freilich keinen objektiven Grund oder Mangel im Ort für diesen Wahlausgang, betont Sieling.

Tobias Wilbrand genießt derweil seinen Triumph, verlässt den Saal als einer der Letzten. Ihm ist auch das Kunststück gelungen, die historische Egelsbacher Bürgermeister-Phalanx in der Hand der SPD zu durchbrechen.

Wie erwartet, fällt die Wahlbeteiligung bei der Stichwahl mit 48,7 Prozent (4 246 Wähler bei 8 725 Wahlberechtigten) etwas geringer aus als vor 14 Tagen (53 Prozent).

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