Vorreiter und Hoffnungsträger

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Gar nicht so einfach, mit der SaeboFlex-Schiene einen Ball zu greifen. „Dieses Gerät leistet zum Beispiel nach einem Schlaganfall gute Dienste, wenn unkontrollierbare Muskelspannungen die Hand verkrampfen lassen“, erläutert ProWalk-Gründer Benedikt Preisler.

Egelsbach ‐ Wie fremdgesteuert. Ja, so fühlt es sich an, wenn die Hand in der SaeboFlex-Schiene die Gefolgschaft aufkündigt. Ein starker Zug, der die mit Federzügen verbundenen Finger streckt – Zugreifen ist extrem anstrengend. Von Cora Werwitzke

Dieses Gerät leistet zum Beispiel nach einem Schlaganfall gute Dienste“, erklärt Benedikt Preisler, Chef der Firma ProWalk, „wenn unkontrollierbare Muskelspannungen dazu führen, dass sich die Hand verkrampft.“ Bis zu zehn Mal stärker seien die innen gelegenen Fingermuskeln zum Greifen dann als die gegenläufigen Streckmuskeln: „Betroffene haben Schwierigkeiten, die Hand zu entspannen, zielgerichtet zu greifen und zu führen.“

Seit einem halben Jahr vertreibt das Egelsbacher Familienunternehmen die komplexe Handschiene, seit mehr als 20 Jahren entwickelt, baut und passt es Hilfsmittel an, die Menschen mit Behinderungen das Leben leichter machen. „Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort, als vor etwa zwei Jahrzehnten der Nachfrage-Boom nach diesen Hilfsmitteln einsetzte“, begründet Preisler den heute national hohen Stellenwert der Firma. Der Firmengründer hält Schulungen und Vorträge – Patienten kommen aus ganz Deutschland.

Man muss Schritt halten

Ende September machte der kleine, ohne Beine auf die Welt gekommene Ali aus Kasachstan Schlagzeilen: Von Preisler und dessen Team bekam der Junge eine speziell für ihn entwickelte Prothese, mit der er die ersten Schritte machen konnte. „Auch Kindern mit der Glasknochenkrankheit oder angeborenem Muskelschwund konnten wir mit hohem technischen Aufwand in der Vergangenheit weiterhelfen. Das sind allerdings keine alltäglichen Fälle“, sagt der Firmenchef. Unikate seien zwar alle Hilfsmittel, da sie jeweils auf die Bedürfnisse der Nutzer angepasst würden. Doch in der Regel wählten die Kunden aus einem mehr oder weniger festen Sortiment aus.

Generell bewegen wir uns an der Schnittstelle von Medizin und Technik“, beschreibt Preisler das Spannungspotenzial seines Berufs. „Beide entwickeln sich stetig fort.“ Für ProWalk bedeutet dieser Entwicklungswettlauf, dass man Schritt halten muss: „Wir haben sehr gute internationale Kontakte, vor allem in die USA, so dass wir von Neuheiten schnell erfahren“, sagt Preisler. Zudem sei das Unternehmen seit zehn Jahren unterteilt, um Kernaufgaben besser wahrzunehmen. Seitdem gibt es unter dem Dach der Preisler Group zum einen ProWalk mit dem Fokus auf Vertrieb und Entwicklung und zum anderen die Optimus GmbH, das Zentrum für technische Orthopädie mit Rehabilitationstechnik zur Versorgung von Patienten aus der Region.

Der gebürtige Steinheimer erkannte eine Marktlücke

Spezial-Maschinen und geballte Erfahrung machen es möglich, dass die Preisler Group dort anfangen kann, wo normale Sanitätshäuser häufig bereits passen müssen: „Eine Orthese für den Fuß ist heute Standard, doch für eine Orthese, die vom Fuß bis zum Rumpf reicht, braucht es besonderes Know-how“, unterstreicht Yves Preisler, Sohn des Geschäftsgründers und Chef von Optimus. Als Orthese bezeichnet man ein medizinisches Hilfsmittel, das zur Unterstützung eingeschränkt funktionstüchtiger Körperteile eingesetzt wird, diese jedoch nicht ersetzt wie eine Prothese. „Das Verhältnis von eingekauften zu selbst entwickelten Hilfsmitteln ist generell schwer zu schätzen“, erläutert Yves Preisler beim Rundgang durch die Werkstatt. „Oft kommt es vor, dass wir Basisteile einkaufen und dann individuelle Anpassungen vornehmen.“

Improvisation und Kreativität sind stets gefragt – wenn auch nicht mehr im gleichen Umfang wie in Zeiten vor der Firmengründung: „Damals arbeitete ich als Physiotherapeut. In den 80ern machte die Intensivmedizin riesige Fortschritte. Plötzlich überlebten vor allem Kinder, die vorher keine Chance gehabt hätten – nicht selten mit Handicap. Hilfsmittel, um ihren Alltag zu bewältigen, gab es schlichtweg nicht“, erinnert sich Benedikt Preisler. Eine Marktlücke, die der gebürtige Steinheimer erkannte.

Beruf ist Sinn erfüllend

Heute kommen zu dem 30 Mitarbeiter zählenden Unternehmen viele Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind – manchmal verzweifelt, immer mit hoffnungsvollen Erwartungen: „Manchmal ist diese Erwartungshaltung einfach zu hoch“, bedauert Preisler senior. Meistens seien die Versorgungskonzepte jedoch erfolgreich: „Wenn es einem Kunden nach der Behandlung besser geht, ist das zutiefst befriedigend – mein Beruf ist auf vielen Ebenen Sinn erfüllend“, so der Firmenchef.

Gefragte Spezialhilfen

„Versorgungskonzepte“ nennt die Preisler Group ihre kombinierten Produkte und Dienstleistungen. Vor allem für Kinder hat sie gefragte, bundesweit rare orthopädische und neuroorthopädische Konzepte parat, darunter einen Helm für Säuglinge, die unter Kopfasymmetrie leiden. Im Februar bringt Pro Walk eine selbst entwickelte Gehhilfe für spastisch gelähmte Kinder auf den Markt.

Weitere Infos und Kontakt: Tel.: 706420.

Internetseite

Auch für Erwachsene mit Lähmungserscheinungen hat sich die Sortiments-Palette vor allem in den vergangenen zwei Jahren erweitert: So etwa in Form eines kleinen Geräts, das – unterhalb des Knies angebracht – dem Fuß rechtzeitig signalisiert, wann er beim Laufen „dran“ ist. Viele Patienten, die nach einem Schlaganfall oder im Zuge einer Multiple-Sklerose-Erkrankung unter Fußhebeschwäche leiden, können dank des mit elektrischer Stimulation (Myo-Technologie) arbeitenden Geräts besser gehen.

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