Wiederholte Insolvenzverschleppung

Guter Handwerker, mieser Kaufmann: Angeklagter erhält milde Strafe

Langen/Egelsbach - Insolvenzverschleppung ist kein Kavaliersdelikt. Erst recht nicht, wenn man dafür schon verurteilt wurde und, noch auf Bewährung, für exakt das gleiche Vergehen abermals vor Gericht steht. Von Holger Borchard 

Insofern kann ein Handwerker seinem Glücksstern – vor allem aber Amtsrichter Volker Horn – danken, dass er ein freier Mann bleibt. Ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung mit erheblichen Auflagen: Mehr als glimpflich davon kommt der Endfünfziger, der sich als Wiederholungstäter verantwortet. Der gut zweistündige Prozess am gestrigen Montag ist Paradebeispiel dafür, wie man als selbstständiger Handwerker den Laden vor die Wand fährt: Indem man zwar fleißig arbeitet, allerdings kaufmännisch alles schleifen lässt beziehungsweise ausblendet, das Betriebsführung und Gesetz einem Unternehmer nun mal abverlangen. Das Grundübel des Angeklagten ist damit geschildert – und doch ist es erst die halbe Geschichte. Als verantwortlicher Geschäftsführer hat er seine in Egelsbach ansässige Firma in die Pleite gesteuert.

Das Insolvenzverfahren wird im Frühjahr 2014 eröffnet (und „mangels Masse“ kurz darauf schon wieder eingestellt). Etliche Monate zu spät, wirft die Anklageschrift dem Handwerker vor. Insolvenzverschleppung nennt man das. Die Konsequenzen hat der Geschäftsführer schon mal erlebt: 2012 verurteilte ihn das Amtsgericht Langen wegen des gleichen Vergehens in vier Fällen mit der Vorgänger-Firma zu sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Mit diesem „Rucksack“ und neuerlich angeklagt in acht Punkten, tritt der Mann vor Volker Horn. Neben Insolvenzverschleppung und Verletzung der Buchhaltungspflicht am schwersten wiegt: Der Geschäftsführer hat mehrfach Geld vom Firmenkonto auf sein Privatkonto abgezweigt; dreimal vor, einmal nach Anmeldung der Insolvenz. Der letzte Fall ist der gravierendste: Um 10.000 Euro erleichterte er direkt am Tag nach der Insolvenz das Firmenkonto. „Das alles hab’ ich doch nur getan, um Material für anstehende Aufträge zu kaufen und die Miete zu bezahlen, damit der Laden irgendwie weiterläuft“, beteuert der Handwerker. „Ich dachte, dass ich das wieder auf die Reihe kriege, es war ja genug Arbeit da. Auch mein eigenes Gehalt hab’ ich deutlich gekürzt.“

Aus Sicht der Verteidigerin gibt es an der „katastrophalen“ Buchhaltung nix zu beschönigen. Die freilich habe er sich auch deshalb eingebrockt, weil er seinem Steuerberater ebenfalls Geld schuldete. Zugute halten müsse man ihrem Mandanten: „Er hat nichts für sich beiseite geschafft, sondern alles ins Geschäft gesteckt.“ Die Geschichte vom blauäugigen Handwerker, der einfach mal die Augen schließt und alles laufen lässt, mag der Klage führende Oberstaatsanwalt so nicht stehen lassen. „Schließlich gab es klare Signale: Mahnungen, Zwangsvollstreckungen, ja sogar Haftbefehle.“ Der Angeklagte habe die Situation nicht zum ersten Mal erlebt – „das Umleiten der Firmengelder steht für die Routine desjenigen, der die Insolvenz als Erster realisiert.“

Bilder: Baumesse in Offenbach

Ein Jahr Haft ohne Bewährung fordert der Ankläger, „drei Monate auf Bewährung“ hält die Verteidigerin für angemessen. Sie führt nicht zuletzt den Gesundheitszustand des Angeklagten ins Feld. Operationen an beiden Hüften und Handgelenken vor Augen, werde jener gewiss keinen eigen Handwerksbetrieb mehr führen. Vielmehr habe der Mann Ende 2016 den Antrag auf Berufsunfähigkeitsrente gestellt. Die gesundheitlichen Umstände sind das eine, das Volker Horn dem Handwerker im Sinne einer „positiven Prognose“ trotz Vorstrafe zugute hält. Das aus Richtersicht Entscheidende ist indes: „Sie haben zu keiner Zeit eigennützig gehandelt.“ Das rette ihn vor der Haft, schärft Horn dem Handwerker ein. Es liege nun ganz bei ihm, diese „allerletzte Chance“ nicht zu verspielen. Der Amtsrichter will das Seinige dazu beitragen – in Form strenger Auflagen: Horn legt die Bewährungsfrist auf fünf Jahre fest, in denen dem Verurteilten jegliche selbstständige Geschäftstätigkeit verboten ist. Zudem bekommt der Mann einen Bewährungshelfer zur Seite gestellt und muss obendrein 250 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten.

Rubriklistenbild: © dpa

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