Eröffnung am 2. Mai

Ärztliche Gemeinschaftspraxis: 1300 Patienten in der Kartei

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Bürgermeister Carsten Helfmann (rechts) begrüßt die Hausärzte Dr. Christine Schwinn und Dr. Matthias Röckel vor der zukünftigen Praxis im Sandweg 8 in Eppertshausen.

Eppertshausen -  Die Patienten von Dr. Christine Schwinn und Dr. Matthias Röckel müssen sab Mai einen neuen Weg nehmen. Dann eröffnen die beiden ihre Gemeinschaftspraxis im Sandweg – die Immobilie hat die Gemeinde ersteigert.

Der heutige Weltgesundheitstag steht unter dem Schwerpunktthema „Flächendeckende Gesundheitsversorgung“. Die World Health Organisation (WHO) appelliert anlässlich des internationalen Gesundheitstags dafür, dass überall auf der Welt Menschen Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen können – unabhängig von Ort und Zeit und ohne dabei in eine finanzielle Notlage zu geraten.
Es gehe dabei nicht darum, alle medizinischen Leistungen kostenfrei zur Verfügung zu stellen, sondern vielmehr darum, Maßnahmen gegen wichtige Erkrankungen vorzuhalten und eine ausreichende Qualität sicherzustellen, heißt es in der Ankündigung zum Weltgesundheitstag. Die Gesundheitsversorgung ist vor allem abhängig von der Zahl der praktizierenden Ärzte. Im weltweiten Vergleich schneidet Deutschland zwar gut ab – besonders das Sozialversicherungssystem mit der Finanzierung von Gesundheitsleistungen durch Krankenkassen sorgt dafür, dass der größte Teil der Bevölkerung medizinisch versorgt ist.

Doch die WHO weist auch in Deutschland auf Verbesserungspotenzial hin – besonders mit Blick in die Zukunft. Niedergelassene Ärzte, die in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen wollen, finden in ländlichen Gebieten kaum Nachfolger. Junge Mediziner zieht es in die Städte, mitunter auch in andere medizinische Bereiche wie die Forschung.

Immer mehr Kommunen im ländlichen Raum haben das Weltgesundheitsthema „flächendeckende Gesundheitsversorgung“ auf ihre Agenda gesetzt und versuchen, dem Ärztemangel entgegenzuwirken. Gesundheitskonzepte, die Einrichtung von medizinischen Versorgungszentren und die Entwicklung von Wohnquartieren oder einzelnen Immobilien, in denen auch Räume für Arztpraxen vorgehalten werden.

Die Gemeinde Eppertshausen ging einen ungewöhnlichen und bis dahin einzigartigen Weg, der nun Früchte trägt. Im März 2015 erwarb Bürgermeister Carsten Helfmann eine örtliche Arztpraxis, die zwangsversteigert wurde. Zuvor hatte die Gemeindevertretung den Rathauschef ermächtigt, an der Versteigerung teilzunehmen und ihn mit Finanzmitteln in Höhe von 330 000 Euro ausgestattet. Für einen Kaufpreis von 354 000 Euro erhielt die Gemeinde Eppertshausen den Zuschlag.

Die Idee hinter der ungewöhnlichen Aktion erklärt Bürgermeister Helfmann so: „Etwa seit dem Jahr 2010 ist die Zukunft der medizinischen Versorgung in der Gemeinde ein Thema in den politischen Gremien und der Verwaltung. Wir haben damals gesehen, dass von den drei praktizierenden Hausärzten zwei in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen werden und die Nachfolge nicht geklärt ist.“

Zudem hatte ein Allgemeinmediziner seine kassenärztliche Zulassung zurückgegeben und sich allein auf die Behandlung privat versicherter Patienten fokussiert. Ein Treffen mit allen in Eppertshausen niedergelassenen Ärzten, bei dem die künftige Gesundheitsversorgung in der Gemeinde besprochen werden sollte, habe keine Früchte getragen, sagt Helfmann. Als dann Anfang 2015 die Praxis des Privatarztes als Teil der Insolvenzmasse versteigert werden sollte, beschloss das Parlament, die modern eingerichtete Praxis zu erwerben. Diese sollte dann an mindestens zwei Ärzte vermietet werden, die dort eine Gemeinschaftspraxis einrichten.

Fehlende oder ungeeignete Räume sowie hohe Investitionskosten in die Praxisausstattung hielten Mediziner oft davon ab, sich in ländlichen Gebieten niederzulassen. Auch für Dr. Christine Schwinn und Dr. Matthias Röckel waren vor allem dies die Hürden, die nach langer Suche kaum noch überwindbar schienen. „Wir hatten uns vor allem auf Rodgau konzentriert, dort aber keine Möglichkeit gefunden, eine Gemeinschaftspraxis zu eröffnen“, schildert Dr. Matthias Röckel.

Das wirtschaftliche Risiko sei einfach zu groß gewesen, obgleich die beiden Allgemeinmediziner über die Kassenärztliche Vereinigung über die Patientenzahlen und den Bedarf an Medizinern informiert waren. „So hatten wir auch erfahren, dass sich im benachbarten Landkreis Darmstadt-Dieburg ein Ärztemangel abzeichnet.“ Während Röckel und Schwinn auf der Suche nach geeigneten Praxisräumen waren, besuchte Eppertshausens Bürgermeister eine Praxisbörse in Frankfurt, auf der Ärzte ihre frei werdenden Praxen anbieten.

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Praxen, für die oft hohe Abstandzahlungen geleistet werden mussten, gebe es viele, interessierte Hausärzte aber kaum, so Helfmann. Bis die beiden Mediziner und die Gemeinde zusammenkamen, dauerte es zweieinhalb Jahre. Im November 2017 zogen Dr. Röckel und Dr. Schwinn in eine Interimspraxis, wo sie nach knapp fünf Monaten bereits 1 300 Patienten in ihren Karteien haben.

Derzeit wird die ersteigerte Praxis im Sandweg 8 renoviert. Am 2. Mai eröffnen die beiden Mediziner dort ihre Praxis mit den Möglichkeiten von Ultraschall- und Lungenfunktion, mit Langzeit-EKG und Blutdruckmessung sowie einem Labor. „Das Arbeiten in Eppertshausen ist sehr angenehm und abwechslungsreich, man kennt oft die ganze Familie der Patienten“, erzählt Dr. Christine Schwinn.

Mit einem Mietpreis von 1500 Euro monatlich sei der Einstieg in die Landarztpraxis zudem leicht gefallen. Sicher werde es lange dauern, bis sich die Ersteigerung der Praxis amortisiert habe. „Die Wirtschaftlichkeit spielte bei unseren Überlegungen natürlich auch eine Rolle“, sagt Bürgermeister Carsten Helfmann. „Doch wir hatten vor allem unsere Verantwortung für die Gesundheitsversorgung der Eppertshäuser Bürger im Blick. Dazu sind wir den richtigen Schritt gegangen.“ (zeta)

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