Warten auf die Vögel

Jungstörche: Im Eppertshäuser Nest brüten alte Bekannte

Schon seit 2018 ziehen die Störche in Eppertshausen jeweils drei Jungen groß. Das schaffen nicht alle Paare, die in der Region brüten. Die Jungtiere sind an den dunklen Stellen am Schnabel zu erkennen, die im Laufe der Zeit verschwinden.
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Schon seit 2018 ziehen die Störche in Eppertshausen jeweils drei Jungen groß. Das schaffen nicht alle Paare, die in der Region brüten. Die Jungtiere sind an den dunklen Stellen am Schnabel zu erkennen, die im Laufe der Zeit verschwinden.

„Das Brutgeschäft ist in vollem Gange“, sagt Jürgen Reinecke von der Naturschutzsparte des Odenwaldklubs (OWK) mit Blick auf das Storchennest „In den Stöcken“.

Eppertshausen – Die freudige Kunde lässt sich neben dem Radweg Richtung Münster direkt beobachten: Dort sitzt jeweils ein Elternteil immer auf dem Gelege. Kopf und Schnabel sind aufgrund des hohen Nestrands nur bei genauem Hinsehen zu erkennen. „Die Störche wechseln sich beim Brüten ab. Nur wenn die Eier mit dem Schnabel gedreht werden und die Tiere aufstehen, ist das Gelege kurz unbedeckt“, weiß der Experte.

Die Brutdauer beträgt 30 bis 33 Tage. Demnach dürfte sich der erste Nachwuchs Mitte April aus seinem Ei befreien. Denn am 10. März notierte Reinecke in sein fein säuberlich geführtes Storchentagebuch, das sich sowohl im Schaukasten neben dem Radweg als auch im Internet einsehen lässt, dass das Weibchen vermutlich mit dem Eierlegen – maximal fünf – begonnen hat. Bis zu drei Tage kann dies dauern.

Der erste Eintrag in 2020 datiert vom 15. Februar. Damals vermerkte der 69-Jährige, der sich meist mehrmals am Tag aufs Rad schwingt und im Schutzgebiet einen Blick aufs Geschehen wirft, dass die Störche zurück sind. Die Vögel fliegen erfahrungsgemäß nicht zur gleichen Zeit ein. Meist ist das Männchen ein paar Tage früher da und wartet dann auf die Partnerin vom letzten Jahr.

Die Ankunftszeit der Störche in Eppertshausen beschreibt Reinecke mit Mitte Februar als relativ stabil. Die Abweichungen betrügen weniger als eine Woche. Ist das Männchen angekommen, beginnt es sofort, das Nest auf Vordermann zu bringen. Der Nachwuchs des Vorjahres hat ziemlich oft die Äste runtergetrampelt. Das rührt daher, dass er sich am Nestrand auf den Jungfernflug vorbereitet. Dabei schlagen die Vögel regelmäßig die Schwingen zusammen und machen kleine Sprünge in die Höhe.

Auch im Spätwinter 2020 machte Reinecke alte Bekannte aus: Das aktuelle Paar ist das gleiche wie 2019 und die Jahre davor. Zumindest beim Männchen lässt sich das mit Sicherheit sagen. Es ist beringt, sodass man die Daten mit einem Spektiv ablesen kann. Bei dem Weibchen besteht keine absolute Sicherheit. Meist finden sich jedoch wieder die Paare des Vorjahres zusammen.

Anders sieht es aus, wenn dem Weibchen im Winterquartier oder auf dem anstrengenden Flug etwas zugestoßen ist. Nach rund einer Woche Warten nimmt sich der männliche Storch dann eine neue Partnerin, schließlich will er ja seine Gene weitergeben. Die Wahl hängt wesentlich davon ab, welche Storchenfrau gerade sein Nest über- beziehungsweise anfliegt. Manchmal kommt es vor, dass die alte Partnerin doch noch eintrifft und dann in einen Kampf mit der „Neuen“ tritt. Das Männchen greift dabei nicht ein und wartet den Ausgang ab.

Nicht weit vom Storchennest steht ein Schaukasten, in dem sich die jüngsten Entwicklungen für Radfahrer und Fußgänger ablesen lassen.

Nestkämpfe von Weibchen hat Reinecke in Eppertshausen noch nicht beobachtet. Anders sieht das bei den Hähnen aus: So wurde jener Storch, der 2013 brütete, das Jahr darauf von einem Konkurrenten verdrängt. Dieser wollte das Nest „In den Stöcken“ unbedingt für sich. In Münster fand der Unterlegene ein neues Zuhause.

Hahnenkämpfe passieren, wenn das Weibchen zuerst zum Nest zurückkommt und dann zwei männliche Vögel um den Platz neben ihr streiten. Auch hier greift das dritte Tier nicht ins Gerangel ein. Zwei gegen einen heißt es nur beim Schutz eines bereits vorhandenen Geleges. Kommt in einem solchen Fall plötzlich ein fremder Storch und glaubt, sich des Standorts annehmen zu können, trifft der Angreifer auf den Widerstand beider Nestinhaber. Diese verteidigen dann vereint Gelege samt Domizil.

2013 kehrten die ersten Störche nach Eppertshausen zurück. Das kam einer kleinen Sensation gleich. Zuvor ließ sich der Wappenvogel der Kommune über Jahrzehnte hier nicht mehr nieder. Mit der Errichtung eines Mastes „In den Stöcken“ unterstützte der OWK maßgeblich die Wiederansiedlung. Der Erfolg stellte sich allerdings nicht gleich ein, und das Nest blieb zu Beginn in der Gunst der Vögel außen vor. Das änderte sich, als das erste Paar erkannte, dass es im Umkreis von zwei bis drei Kilometern – jene Distanz entspricht dem gewöhnlichen Radius für die Futtersuche – reichlich Insekten und Frösche gibt.

Der Storch, der 2014 seinen Vorgänger verdrängte, ist genau jenes Tier, das sich auch vor rund sechs Wochen „In den Stöcken“ erneut niederließ. Damit blickt Jürgen Reinecke auf einen äußerst treuen Gesellen, der seitdem immer wieder in die Gemeinde zurückkommt – und dabei auch möglichen Vereinnahmungsversuchen seines Nestes von anderen Hähnen standhielt. Die Zahl der Jungen kann sich über die Jahre sehen lassen. 2019 und 2018 waren es drei, 2017 zwei. Das schlechteste Jahr lag witterungsbedingt 2016 mit nur einem kleinen Storch vor.

VON MICHAEL JUST

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