INTERVIEW 

Bürgerkriegsflüchtling Ernes Erko Kalac erzählt sein Leben

Der Gründer des Gesundheits- und Kampfsportverein Lotus, Ernes Erko Kalac, mit seiner Biografie. 
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Der Gründer des Gesundheits- und Kampfsportverein Lotus, Ernes Erko Kalac, mit seiner Biografie.

Als Flüchtling des Jugoslawien-Kriegs kam Ernes Erko Kalac einst nach Deutschland. In Eppertshausen gründete er den Gesundheits- und Kampfsportverein Lotus. Im Interview spricht er über seine Biografie. 

Eppertshausen - In Eppertshausen gründete er den Gesundheits- und Kampfsportverein Lotus und trieb die Integration durch Sport mittels vieler Ideen und Projekte noch vor der großen Flüchtlingswelle 2015 voran. Nun ist die außergewöhnliche Biografie des 55-Jährigen erschienen.

Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?

Der Publikation, die im letzten Monat erschien, gingen zwei Jahre Vorbereitung voraus. Verfasst hat das Buch Anja Peschel, die ich bei einem Karateprojekt an einer Schule kennengelernt habe. Sie ist Lehrerin und eine gute Freundin. Über Wochen hat sie mich bei mehreren Terminen zu den einzelnen Kapiteln interviewt. Die Klärung der Bildrechte brauchte ebenfalls seine Zeit.

Wann sind Sie geflüchtet und was waren die Gründe?

Das war 1990 als ich gerade die Universität abgeschlossen hatte. Die Gründe lagen im Chaos beim Zerfall des ehemaligen Jugoslawien und meiner Kriegsdienstverweigerung. Zudem hatte ich Slobodan Milosevic als eine Person ohne Moral bezeichnet. Deshalb wurde ich verfolgt und verhaftet. Ohne diese Umstände hätte ich mein Heimatland nie verlassen und wäre auch nicht nach Deutschland gekommen.

Was wird alles im Buch beschrieben?

Der Bogen ist umfangreich und reicht von meiner Kindheit, den Ursachen der Flucht, dem schwierigen Neuanfang mit Sprachbarrieren, Existenzängsten, Ausgrenzung und was man als Staatenloser erlebt. Auf von mir gemachte Fehler gehe ich ebenso ein wie den Weg zurück in die Erfolgsspur. Dazu gehört die Gründung von Lotus, der erste Nikolaus-Cup, das Integrationsfestival, welches heute die Sportjugend Hessen weiterführt, oder meine Tätigkeit als sportpolitischer Botschafter.

Eppertshausen: Ernes Erko Kalac kam als Flüchtling nach Deutschland 

Den Neuanfang beschreiben Sie als besonders schwierige Zeit?

Für Geflüchtete gab es damals nicht die Möglichkeiten, die es heute mit Sprach- und Integrationskursen gibt. Ich war ohne Unterstützung völlig auf mich alleine gestellt. Hilfreich war die Rückkehr zum Sport, als ich Weltcupsieger im Kickboxen in Italien wurde. Trainiert habe ich damals privat in Offenbach, da ich kein Geld für einen Vereinsbeitrag hatte. Das Geld für die Reise nach Italien musste ich mir damals von meiner Schwester leihen. Als Konsequenz aus meinen Erfahrungen dürfen heute alle Kinder und Jugendlichen bei Lotus trainieren – unabhängig davon ob ihre Familie den Vereinsbeitrag aufbringen kann oder nicht.

Das Ankommen und die Akzeptanz in der neuen Gesellschaft scheint für Geflüchtete die schwierigste Herausforderung zu sein?

Das stimmt. Ich hatte Glück und konnte nach meiner ersten Arbeit in einer Putzkolonne im Fitnessstudio von Prinz Michael von Anhalt als Trainer mein Geld verdienen. Sogar ein Auto bekam ich gestellt. Damit war ein neuer Lebensabschnitt verbunden und die Existenz in einer Gesellschaft, die mich anerkannte.

Das Buch verfügt nicht nur über Fotos sondern auch über Gemälde. Was ist der Grund?

Von der Flucht und den ersten Stationen bei Verwandten in der Türkei sowie der Zeit in Österreich gibt es keine Fotos – oder sie gingen verloren. So hat Anja Peschel, die auch malt, diese sehr emotionale Zeit mit Pinsel und Farbe ausgedrückt. Ihre Bilder stellen sehr gut die Angst und die Ungewissheit dar, die ich erlebte.

Ihre Ausführungen fangen mit Ihren Eltern an und enden mit diesen. Was haben Mutter und Vater für Sie bedeutet?

Meine Eltern waren sehr wichtig in meinem Leben. Ich hatte eine sehr schöne und harmonische Kindheit, dazu war mein Vater ein sehr weiser Mensch. Meine Mutter und mein Vater sind vor wenigen Jahren gestorben. Damit schließt sich aber nicht der Kreis. Im Gegenteil: er wird fortgeführt durch Wael Shueb, der als syrischer Geflüchteter nach Deutschland kam. 2020 nimmt er als Karate-Sportler an den olympischen Spielen in Tokio teil. Dafür erhält er von der C&E gemeinnützigen GmbH, die Claudia Bokel und ich gegründet haben, die bestmögliche Unterstützung.

Was ist die wichtigste Aussage in Ihrem Buch?

In einer Sporthalle sind alle gleich und dass die Kraft des Sports riesig ist. Zudem öffnet sich eine neue Tür, wenn sich eine andere schließt. Im Buch habe ich mein Leben zum Konzept gemacht. Der Sport ist dabei wichtig, aber nicht alles. Erst eine Arbeit und das Beherrschen der Sprache sorgen für eine volle Integration.

Wer sollte das Buch lesen?

Keinesfalls nur Geflüchtete sondern alle Menschen. Denn es ist mit vielen Weisheiten über das Leben verbunden, die jeden betreffen. Politikern und Bürgern kann es helfen, Geflüchtete besser zu verstehen. Integration ist nie einfach. Deshalb ist oft eine flexible und nicht ganz so starre Sichtweise beim Thema Integration angebracht.

Einer der ersten, der Ihr Buch gelesen hat, war IOC-Präsident Thomas Bach. Auch haben Sie es am Stand des Deutschen Olympischen Sportbundes auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert.

Das ist richtig. Mit Thomas Bach hatte ich einen Termin in Tauberbischofsheim und konnte ihm mein Buch übergeben. Kurz darauf flog er auf einen Kongress nach Doha ab. Wie er sagte, bekomme er das Buch genau zum richtigen Zeitpunkt, denn damit habe er im Flugzeug etwas zum Lesen.

Das Gespräch führte Michael Just

Buchvorstellung

Am Samstag, 23. November 2019 findet um 18 Uhr im Parkhotel Rödermark, Nieder-Röder-Straße 24, eine Buchvorstellung statt. Einige Kapitel aus „Faszination und integrative Kraft des Sports“ werden von der Schauspielerin Amra Kacar gelesen.

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