Tag der Nachbarschaft

Berta-Pägelche-Fest: Wie ein längst geschlossener Laden noch heute die Leute verbindet

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Jung und Alt versammelt sich im „Pägelche“ – umgangssprachlich für Verbindungspfad – um gemütliche Stunden miteinander zu verbringen. Hier eine Aufnahme vom Fest 2017.

Für mehr Gemeinschaft, weniger Anonymität und ein herzliches Stück Heimat: Dafür feiert man in Eppertshausen seit 1982 – immer im Juli und stets an einem Samstag – das Berta-Pägelche-Fest.

Eppertshausen – Die verbindende Straßenparty auf dem offiziell unbenannten Verbindungsweg zwischen der Friedhofstraße und der Nieder-Röder-Straße in Eppertshausen hat eine lange Tradition und würdigt vor allem eines: die gute Nachbarschaft. Und es hat auch einen Grund, warum gerade ein Nachbarschaftsfest einen so seltsam-ausgefallenen Namen trägt: Weil die Namensgeberin – heute kaum noch jemandem in Erinnerung – Sinnbild intakter Nachbarschaft war.

Berta Müller gab dem Fest den Namen.

Will man mehr wissen über die Historie des Berta-Pägelche-Festes, muss man zu Karl-Heinz und Elfriede Kraus in die Nieder-Röder-Straße 9 gehen. Denn sie wohnen dort, wo die Namensgeberin einst einen legendären Tante-Emma-Laden führte. Dort, wo heute ihr Wohnzimmer ist, gingen einst nicht nur Zucker, Mehl, Obst, Gemüse, Kartoffeln und Haushaltswaren über die Theke, dort traf sich auch die gesamte Nachbarschaft und Anwohner von weit hinaus.

Karl-Heinz und Elfriede Kraus wohnen heute in der Nieder-Röder Straße 9. Ihr Wohnzimmer ist dort, wo einst Berta Müller ihre Waren verkaufte.

Die Berta hieß nicht etwa Pägelche, auch wenn man sich stets anschickte, genau zu solchem Faktotum zu laufen, wenn man etwas im Hauhalt brauchte. Berta Müller hatte nur zufällig ihren Kolonialwarenladen just an jener Ecke des Verbindungswegs, den die Masse ihrer Kunden zu ihr durchliefen. Und weil der Weg bis heute keinen Namen bekam, Pägelche in Eppertshausen umgangssprachlich für Pfad steht, kam’s zum Eigennamen der Berta und dem des Nachbarschaftsfestes.

Berta Müller, so wissen es Kraus’, hatte kein leichtes Leben. Am 10. Januar 1875 in Waldaschaff als Berta Müller geboren, heiratete sie am 11. November 1897 einen Gottfried Müller aus und somit auch nach Epperthausen. Das Glück währte nicht lang, denn schon im April 1900 starb der Gatte, mit dem sie zwischenzeitlich einen Sohn bekommen hatte. Berta musste sich (nebst Kind) fort-an allein durchs Leben schlagen. So um die 1920 gründete sie den kleinen Gemischtwarenladen an der Nieder-Röder-Straße.

Sie blieb dem Geschäft bis zum Tod im Mai 1957 treu, dann führte es Anna-Maria Müller, Schwiegertochter von Berta Müller, bis 1963 allein weiter. Der Sohn von Berta war Schausteller, hatte eine Schießbude, und war mindestens so bekannt im Ort wie die Krämerin-Mutter. Er und seine Frau waren ebenfalls vom Pech verfolgt: Ihre drei Söhne starben im Zweiten Weltkrieg.

Anna-Maria Müller schloss den Laden 1963.

All dies ficht indes die Eppertshäuser nicht an, dem Nachbarschaftsgedanken von einst mit einem großen Fest bis ins Heute zu huldigen. Ausgerichtet wird das Berta-Pägelche-Fest von 14 anliegenden Parteien und einigen Helfern aus der näher liegenden Nachbarschaft. Es werden „mitten auf’m Pägelche“ drei bis vier Zelte aufgestellt, und einen Samstagnachmittag lang (Kraus: „Bis in die späte, späte Nacht hinein“) mit allen Anwohnern gefeiert. Alles auf der Getränkekarte fängt mit B wie Berta an. Allem voran freilich traditionell Bier. Doch auch „Saure Bertas“, ein Longdrink nach geheimer Tante-Emma-Rezeptur, gehen bestens.

Karl-Heinz Kraus (72), Erbe des Anwesens, kam einst via Kinderlandverschickung zu den damals bereits kinderlosen Müllers in die Nieder-Röder-Straße. Er bewahrt noch heute nicht nur den Stammbaum seiner einstigen Pflegefamilie, sondern auch Fest-Raritäten. Darunter eine Getränkeaufstellung aus dem Jahr 2006. Auch sie zeugt von gelebter Nachbarschaft: Denn die inzwischen bis zu 500 Festbesucher angewachsene Fangemeinde verzwitscherte damals 4 600 Liter Bier, 290 Liter Hefeweizen, 280 Liter Apfelwein, 104 Flaschen Sekt, 13 Flaschen Schnaps und 38 Liter Cognac. Dazu kamen diverse Liter Wasser, O-Saft und Cola. Kein Wunder, denn das Fest dient mittlerweile auch als Anlaufort für Brautentführungen, Hochzeiten werden hier ausgerichtet, Junggesellenabschiede gefeiert.

Nicht nur das Fest schweißt die Nachbarschaft zusammen. Fünf Ausflüge unternahmen die Anlieger des Pägelche mittlerweile gemeinsam, beispielsweise nach Kulmbach und in den Schwarzwald. „Zu Geburtstagen lädt man sich gegenseitig ein“, berichtet Elfriede Kraus (62). Auch um die Zukunft machen sich Kraus’ keine Sorgen: Wir haben hier beim Fest Geburten gefeiert, und aus den Babys wurden längst tatkräftige Ausbauhelfer.“

Gelebte Nachbarschaft eben.

von Thomas Meier

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