„Ich habe nie den Mund gehalten“

Pfarrer Röper seit 45 Jahren in Eppertshausen

Einen klassischen Nachfolger wird es für Pfarrer Harald Christian Röper – hier mit seiner Mischlingshündin Leni – nicht geben.
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Einen klassischen Nachfolger wird es für den Eppertshäuser Pfarrer Harald Christian Röper – hier mit seiner Mischlingshündin Leni – nicht geben.

Seit 45 Jahren Eppertshausens katholischer Pfarrer: Harald Christian Röper geht nächsten Juli in den Ruhestand und will im Pfarrhaus wohnen bleiben.

Eppertshausen – Mehr seelsorgerische Konstanz geht kaum: Seit 45 Jahren ist Harald Christian Röper Eppertshausens katholischer Pfarrer. Zum Priester geweiht wurde er schon 1972, doch die Stationen in Gießen und Offenbach blieben je 18-monatige Intermezzi. Am 7. Juli 2021 wird der gebürtige Hamburger, der später in Bingen aufwuchs und in den 60ern in Mainz Pädagogik und Theologie studierte, 80 Jahre alt. Röpers Ära in der Pfarrei St. Sebastian endet damit aber nicht ganz: Obgleich er zum „Runden“ offiziell in den Ruhestand geht, will er im Eppertshäuser Pfarrhaus wohnen und in der Gemeinde tätig bleiben.

In welchem Maß das geschehen wird, weiß er noch nicht. „Das liegt am Nachbarpfarrer“, sagt Röper. Damit meint er Bernhard Schüpke von der Münsterer Pfarrei St. Michael. Die ist zwar wie die Pfarrei St. Sebastian noch eigenständig; doch unter anderem im gemeinsamen Pfarrgemeinderat haben sich die zwei Kirchengemeinden vor einem Jahr schon zusammengetan. Einen Nachfolger, der Röpers Aufgaben eins zu eins und exklusiv für Eppertshausen übernimmt, werden die Katholiken nicht bekommen - Priestermangel, Laienkirche, mehr Kooperation über Ortsgrenzen hinweg. Als Teil der Lösung soll die Zusammenarbeit mit Münster und Schüpke intensiviert werden. Röper dürfte als Geistlicher trotzdem noch in Erscheinung treten: „Wenn ich gebeten werde, halte ich weiter Gottesdienste oder Beerdigungen.“

Angestrebt hat Röper seinen baldigen Ruhestand sowieso nicht, „bei der Altersgrenze 80 war aber nichts mehr zu machen“. Langweilig werden dürfte es ihm nicht: In der Pfarrer-Röper-Stiftung (Kauf und Renovierung von Häusern, die dann etwa Wohngruppen für sozial benachteiligte Jugendliche beherbergen) und der Stiftung Juvente (vielfältige professionelle Sozialarbeit in den von der Röper-Stiftung erworbenen Immobilien) will er weiter im Vorstand beziehungsweise als Spiritual wirken. In beiden Stiftungen engagiert sich auch sein Zwillingsbruder Friedrich Franz Röper an vorderster Front, ebenso im Verein „Spielende-lachende-lernende Kinder“. Der ermöglicht sozial benachteiligten Jugendlichen Hausaufgabenhilfe, Musikkurse und Ausflüge. Die Röpers gehörten 1963 zu den Gründern des Vereins, „damals haben sich die Studenten noch politisch engagiert.“

Überhaupt, Harald Christian Röper und die Politik: Der liest er gern mal die Leviten und denkt gar nicht dran, seine öffentlichen Äußerungen auf Glaubensfragen zu beschränken. „Ich wünsche mir die Kirche viel freimütiger“, sagt er und kann mit einer strikten Grenzziehung zwischen religiösem und weltlichem Leben wenig anfangen: „Ich bin Deutscher und bin Katholik. Ich kann das nicht so scharf trennen, wie andere das gut fänden“, hat er es in der Dokumentation über sein Leben formuliert, die der Eppertshäuser Filmproduzent Günter Maier Anfang 2020 vorlegte. Insofern spiele „die Politik in den Gottesdiensten eine Rolle und das Christsein in der Politik“. Auch wenn es Parteien gebe, „die das ,C’ nur noch im Namen tragen“, wie er sich auch nicht scheut, der in Bund, Land und Ort mächtigen CDU eine mitzugeben.

Seinem Kompass, sich ohne Schere im Kopf zu äußern, ist Röper in den 45 Jahren stets gefolgt: „Wenn ich eines Tages sterbe, werde ich mir nicht vorwerfen müssen, dass ich zu gesellschaftlichen und sozialen, zu weltlichen oder kirchlichen Themen geschwiegen hätte“, tut er kund. „Ich habe mich immer eingemischt und auch gegenüber der Obrigkeit nie den Mund gehalten.“

So scheut er auch Worte zu heißen Eisen wie Corona nicht. Einige der aktuellen Einschränkungen halte er „schon für nötig“, sehe aber auch den Kollateralschaden, etwa die Vereinsamung vieler Menschen. Er, der andere – unabhängig von Herkunft und Glaube – wann immer möglich besucht, unterstützt und gleichsam im Pfarrhaus willkommen heißt, kann weder mit dem Rückzug ins Private noch mit verordnetem „Social Distancing“ viel anfangen. Was nicht bedeutet, dass er mit Fundamentalkritik an Politik und Wissenschaft sympathisieren würde: „Die Querdenker sind Querköpfe“, findet Röper.

Klar bekannt hat er auch schon als Anhänger der „Fridays for Future“-Bewegung. Umgekehrt, so ist der Eindruck, haben zum Beispiel auch die jüngeren Mitglieder der Kolpingsfamilie einen guten Draht zum 79-Jährigen. Vielleicht gerade deshalb, weil er mutig und authentisch ist, seine Ecken und Kanten nicht schleift, auch unangenehme Botschaften sendet. Den Gottesdienst-Besuchern redet er schon mal provokant ins Gewissen: „Wann wart ihr das letzte Mal in einem Altenheim? Kennt ihr die Kranken in eurer Straße? Wann war denn der letzte Krüppel bei dir am Tisch?“ Nicht nur er wolle das wissen: „Der Herr wird dich fragen!“ (Von Jens Dörr)

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