In Eppertshausen möchte sich eine Aserbaidschanerin eine neue Zukunft aufbauen

Integration in der Kreher-Backstube

Schon jetzt ist Bäckermeister Jürgen Kreher glücklich, mit Asya Huseynbayli eine neue Kraft in der Backstube gewonnen zu haben. Ab nächstem Sommer würde er die Aserbaidschanerin gern ausbilden und ihr eine langfristige berufliche Perspektive in Eppertshausen bieten.
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Schon jetzt ist Bäckermeister Jürgen Kreher glücklich, mit Asya Huseynbayli eine neue Kraft in der Backstube gewonnen zu haben. Ab nächstem Sommer würde er die Aserbaidschanerin gern ausbilden und ihr eine langfristige berufliche Perspektive in Eppertshausen bieten.

Die Aserbaidschanerin Asya Huseynbayli kam über Russland und Ungarn nach Eppertshausen. In der Bäckerei Kreher wagt die Lehrerin den Neustart.

Eppertshausen – Wohnungssuche, Arbeitssuche, Spracherwerb: Wenn Flüchtlinge in ihrer neuen Heimat diese drei Aufgaben meistern, stehen die Chancen auf gelungene Integration schon mal ganz gut. Die Aserbaidschanerin Asya Huseynbayli schlägt in all diesen Bereichen derzeit ein neues Kapitel ihres Lebens auf – in Eppertshausen. Gerade ist die 33-Jährige mit ihrem Mann und dem zweijährigen Sohn in die Jahnstraße umgezogen, die Unterhaltung auf Deutsch klappt bereits passabel. Vor allem aber hat sich eine berufliche Perspektive aufgetan: In der Bäckerei Kreher sind Chef und Team nach ein paar Wochen von der neuen Kollegin begeistert.

Dabei ist die kleine, energiegeladene Frau aus der einstigen Sowjetrepublik eigentlich Grundschullehrerin. Als solche startete sie in Aserbaidschan ins Berufsleben, „für 100 Euro Lohn im Monat“, ehe sie das Land 2010 verließ. „Das ist eine Diktatur“, sagt sie und nennt ein Beispiel für den von Korruption geprägten Alltag: Ihr Vater betrieb dort selbst eine Bäckerei, „wenn der 1000 Euro verdient hatte, kam die Polizei und wollte 500 davon haben“. Wer nicht bezahlt habe, dem sei kurzerhand der Schlüssel fürs eigene Geschäft weggenommen worden.

Der Vater lebt und backt heute in Russland. Dorthin ging zunächst auch Huseynbayli, zumal sie neben Aserbaidschanisch und Türkisch auch Russisch spricht. Doch auch den flächenmäßig größten Staat der Erde nennt sie eine „Diktatur“. Über Ungarn kamen ihr Mann, der in hochklassigen Hotels kochte, und sie zeitversetzt nach Deutschland. Mit vorläufiger Endstation in Eppertshausen, wo sie Ende November von einer Flüchtlingsunterkunft in die nächste umzogen.

In der Jahnstraße haben die Huseynbaylis zwar zwei Zimmer zur Verfügung, allerdings nicht auf derselben Etage. Asya und ihr Mann müssen aus Platzmangel getrennt schlafen. Ein Problem, weil die Mutter seit ein paar Wochen nachts um drei Uhr aufsteht und ihr Kind dann in die Obhut des Vaters übergeben muss. Dennoch ist sie überglücklich, bei Bäckermeister Jürgen Kreher um halb vier in der Früh ihren Dienst antreten zu dürfen.

in Dieburg ist das Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft beheimatet

In Kontakt kamen Huseynbayli und Kreher dank des in Dieburg ansässigen Bildungswerks der Hessischen Wirtschaft. Dorthin gehen die Huseynbaylis seit Sommer vor allem, um ihr Deutsch zu verbessern. Teamleiterin Birgit Golak und Projektleiterin Stefanie Niemann fiel die positive Ausstrahlung Frau sofort auf. Als sie äußerte, sich eine Arbeit als Bäckerin vorstellen zu können, fragten sie bei Kreher nach. Der Münsterer betreibt nicht nur sein Geschäft in der Babenhäuser Straße, sondern engagiert sich auch in der Innung. Dass Kreher zur selben Zeit eine Hilfskraft für die Backstube suchte, war zum Einstieg ein hilfreicher Zufall.

Inzwischen hat Huseynbayli mehrere Wochen Praktikum absolviert – und sich bewährt. „Sie ist supernett, absolut zuverlässig und gewissenhaft, packt richtig mit an, fragt nach und kapiert schnell“, lobt Kreher in den höchsten Tönen. Auch die anderen im Team der Bäckerei seien froh über die Entlastung. Einen deutschen Mitarbeiter habe er zuvor vergeblich gesucht, sagt der Handwerksmeister, „morgens um drei will einfach keiner aufstehen“. Auch die persönliche Chemie stimme: „Als Asya nach kurzer Zeit davon gesprochen hat, dass wir ihre Familie sind, habe ich Gänsehaut bekommen.“

Die einstige Lehrerin wünscht sich nun eine berufliche Zukunft in der Eppertshäuser Backstube. An Kreher soll es nicht liegen, er nimmt die neue Mitarbeiterin mit Kusshand weiter unter seine Fittiche. Im Rahmen des Landesprojekts „Wirtschaft integriert“, das das Bildungswerk mit Sprachförderung, Wertevermittlung und sozialpädagogischer Betreuung als professioneller Projektpartner begleitet, soll Huseynbayli bis nächsten Sommer im sechsmonatigen Langzeitpraktikum in der Bäckerei Kreher weitere Kompetenzen und Erfahrungen sammeln. Beweist sie sich weiter bis bisher, hat sie von Jürgen Kreher bereits ein Ausbildungsangebot zur Bäckerin in der Tasche.

„Wer nach Deutschland kommt, muss sich bewusst sein, dass es kein Schlaraffenland ist“

Bis dahin soll sie wöchentlich dreieinhalb Tage in Eppertshausen arbeiten und anderthalb Tage den Förderunterricht im Dieburger Industriegebiet besuchen. Vergütet bekommt sie diese Qualifizierungsphase mit 247 Euro pro Monat, finanziert vom Land Hessen. „Wer nach Deutschland kommt, muss sich bewusst sein, dass es kein Schlaraffenland ist“, verdeutlicht Kreher auch seiner neuen Hilfskraft. Die ist willens, die finanziell wenig lukrativen Lehrjahre anzugehen.

Bei Huseynbayli, deren Aufenthaltsstatus in Deutschland „vorübergehend gestattet“ lautet, steht nach Einschätzung von Birgit Golak und des mit dem Landkreis vernetzten Jürgen Kreher einem Ausbildungsstart im Sommer 2021 nichts im Weg. Sollte die Aserbaidschanerin loslegen dürfen, hätte sie mindestens fünf Jahre lang eine sichere Perspektive: „Mit der Ausbildung wird das Bleiberecht erlangt“, erläutert Golak. „Das gilt dann auch für die ersten zwei Jahre nach der Ausbildung.“ Dieses Bleiberecht stelle für viele Flüchtlinge „die höchste Motivation“ dar. Und verschafft Jürgen Kreher die Aussicht auf die ersehnte, lange nicht zu findende neue Mitarbeiterin. (Von Jens Dörr)

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