Storchenbeobachter ziehen erste Bilanz

Die Jungen werden flügge

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Die Jungstörche bei ihren ersten Flugversuchen

Eppertshausen/Münster - Drei Eppertshäuser Jungstörche entsprangen in diesem Jahr aus dem Nest im Schutzgebiet „In den Stöcken“. Vor wenigen Tagen erhoben sie sich zum ersten Mal in die Luft. In Münster an der Kläranlage waren es zwei. Von Michael Just 

Doch es gibt auch Verluste: So überlebte ein Jungstorch in Eppertshausen nicht, in Münster sogar zwei. Der Kalender wies den 19. Juni aus, als Jürgen Reinecke von der Naturschutzsparte des Eppertshäuser Odenwaldklubs (OWK) in seine Aufzeichnungen eine traurige Nachricht notierte: „Leider ist ein Jungstorch verstorben, der Grund ist unbekannt. Das tote Tier liegt noch im Horst, es ist wohl schon zu groß, dass es die Altstörche aus dem Nest werfen können.“ Als letzten Satz fügte der 68-Jährige hinzu: „Hoffen wir, dass den überlebenden drei Jungstörchen nichts mehr passiert.“

Der Eppertshäuser OWK hat einen Schaukasten am Radweg Richtung Münster aufgestellt. Wurden Infos über die Störche bisher nur als laminierte Blätter auf einem Holzbrett befestigt, erfolgen die Aushänge fortan besonders ansprechend.

Die Hoffnung wurde erhört: Vor etwas mehr als einer Woche fand deren Jungfernflug statt. Zuvor hatten sie im Horst schon kräftig den Flügelschlag geübt. Für mehrere Sekunden standen sie dabei in der Luft. Für Reinecke ein toller Anblick, der stets auch ein paar Sorgen hervorrief. Durch starke Winde trat mehrmals die Gefahr auf, dass die Jungtiere mit ihren gespreizten Flügel von einer Böe erwischt und vom Nest getrieben werden. Bei glücklichen Umständen wären sie im unfreiwilligen Erstflug unversehrt auf dem Boden gelandet, im schlechtesten Fall hätten sie eine Verletzung davongetragen.

Die drei Jungstörche zählen zu den besten Ergebnissen seit der Wiederbelegung des Eppertshäuser Nestes im Jahre 2013. Aufgestellt hatte es der OWK bereits 2003, doch bis auf kurze Verweildauern von Einzeltieren kam es zu keinerlei Brutgeschäft. 2013 erfolgte die Wende. Im ersten Jahr wurden drei Jungtiere flügge, 2014 zwei. 2015 waren es wieder drei, 2016 erfolgte der Einbruch mit nur einem Tier. Hier forderte das nasskalte Wetter seine Opfer. 2017 resultierten wieder zwei.

In diesem Jahr begann das Eierlegen am 17. März. Nach der üblichen Brutdauer von 30 bis 32 Tagen machte Reinecke am 24. April das erste Junge aus. Durch den hohen Nestrand ist das vom Boden nicht einfach zu erkennen. Am 9. Mai notierte der Rentner ins Storchentagebuch, dass es drei weitere putzmuntere Jungstörche gibt. Alle würden die Eltern mächtig auf Trab halten. Vom frühen Morgen bis zum Einbruch der Dunkelheit seien diese abwechselnd mit der Futterbeschaffung beschäftigt.

Mit vier geschlüpften Storchenkindern hätte 2018 ein Rekord angestanden. Doch es kam anders: Am 19. Juni ließ ein unbewegliches Federbündel im Nest keinen Zweifel, dass ein Jungstorch tot ist. Und das, obwohl er mit fast zwei Monaten eigentlich schon aus dem Gröbsten raus war. Wenige Tage zuvor, am 30. Mai, wurde er noch mit seinen Geschwistern von dem Groß-Umstädter Vogelexperten Klaus Hillerich beringt. Nach oben gelangte Hillerich mit einem Gerät des Münsterer Bauhof. Die Gründe für den Tod lassen sich nicht klären. Von Futterknappheit, über Krankheit bis zur Unterlegenheit beim Kampf um die Nahrung ist vieles möglich. Störche stecken den Jungen die Nahrung nämlich nicht direkt in die Schnäbel, sondern legen sie ins Nest. Wer da zu langsam ist, hat das Nachsehen. Nur das Wasser wird direkt in die Schnäbel der Kleinen geleitet. Für Reinecke ist denkbar, dass Nahrungsknappheit zum Tod des Jungvogels beigetragen hat. Einen möglichen Zusammenhang sieht er im Rückgang der Insekten. Sie stellen die Hauptnahrung der Großvögel dar. Zwar vertilgen Störche auch Frösche oder Mäuse – doch müssen sie die erst einmal kriegen. Bei Insekten gestaltet sich das Fangen einfacher. Der Rückgang der Insekten ist vermutlich auch die Ursache für die dramatisch gesunkene Frosch- und Krötenpopulation am Eppertshäuser Rallenreich.

Naturschutzbund beringt Störche

Auch Münster verzeichnet 2018 Verluste. Im Nest an der Kläranlage überlebten gleich zwei der vier Jungstörche nicht. Hier liegt allerdings eine Erklärung vor: Hans Ulrich vom Nabu Münster ist sich sicher, dass die Ursache im recht frühen Brutgeschäft des diesjährigen Paares liegt. „Schon Anfang März legten sie Eier“, sagt er. Wie viele andere Vogelkundler beobachtet er, dass die Tiere mit den roten Schnäbeln und Beinen immer früher aus ihren Winterquartieren zurückkehren. Einer der beiden Eppertshäuser Störche flog bereits am 1. Januar ein. Den beiden erst vier Wochen alten Jungen an der Münsterer Kläranlage wurde vermutlich der sehr kalte Start in den April zum Verhängnis. Zwar setzten wenige Tage später sommerliche Temperaturen ein und führten zum wärmsten April seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881. Doch zu spät für die Kleinen, deren Kadaver danach von den Elterntieren aus dem Nest geschmissen wurden.

Sowohl Ulrich als auch Reinecke tragen die Verluste mit Fassung. Das rührt von der stattlichen Zahl an Störchen im Umkreis, die 2018 alle zwei bis drei Jungen großzogen. Ulrich weiß von zwölf Paaren in der Umgebung, darunter sechs Paare im direkten Bereich zur Gersprenz beziehungsweise den Hergershäuser Wiesen. Darunter sind sogar zwei, die auf hohen Pappeln ein natürliches Nest bauten und sich damit unabhängig von menschengemachten Bruthilfen zeigen.

Insgesamt lässt sich die Population des Weißstorchs in Südhessen als gut bewerten. Der zweite Münsterer Mast im Schutzgebiet „Auf dem Sand“ trägt dazu ebenfalls bei: Hier wurden drei Jungtiere großgezogen, was unter dem Strich ein optimales Ergebnis bedeutet.

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